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Brief von Helmina von Chézy an Karl August Varnhagen von Ense

Genf, 15. Juni 1855
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 302-303 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
15. Juni 1855
Absendeort
Genf
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 140 mm; Höhe: 230 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „302r“

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[Karl August Varnhagen]
Helmina von Chézy.
Genf, den 15. Juni 1855.

Hochverehrter Freund!

Eine unbezwingliche Unruhe treibt mich an, Ihnen
noch einmal zu schreiben. Ich fürchte, Ursach zu
sein, daß die Springfeder meines letzten Ge-
schäftes auf Erden, in das Stocken geräth; schein-
bar doch nur hoffe ich; vielleicht ist Alles recht
und kommt in Ordnung. Es ist vielleicht ei-
ne Thorheit von mir, daß ich mir denke,
ich konnte schon eine Antwort von Ihnen
haben. Sie müßen Sich nicht durch meinen Ängstlich-
keit bewegen lassen an mich zu schreiben,
wenn irgend Etwas Sie daran verhindert
Sie haben so viel für mich gethan, daß es Unrecht ist
wenn ich einer anderen Empfindung Raum
lasse, als der meiner Dankbarkeit.
Unter
meinen Vermuthungen der Ursachen Ihres
Schweigens, steht auch die, daß das Ansinnen
„Sie möchten mein Werk durchsehn und Manches
darinn ausstreichen“ unangenehm auf Sie
gewirkt habe. Die Ursach meiner Bitte ist
vornehmlich diese: daß ich mich oft über Ver-
hältnisse ausgelassen habe, die es nicht
gut ist jetzt zu berühren, wobei ich Ihrer

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Weisheit vertraue, Ihrer Güte nicht min-
der. Wenn mein Ansinnen Sie im Gering-
sten beschwert, so verzeihen Sie mir, daß
ich es offenbarte.
Glauben Sie mir, wenn Sie meine Lieder
kennten, Sie würden mich liebreich ent-
schuldigen.
Der Vorfall bei Schwarzenberg habe ich
aus dem Begebniße selbst niedergeschrieben
ich darf hoffen, Sie werden mit dem Auf-
satz zufrieden sein.
Das Abschreiben des
Werks wird etwas lange aufhalten
jedoch möglichst beschleunigt werden.
Meine Bitte um Ihren Rath für die Be-
dingungen, nehme ich sofort zurück,
wenn Sie sie unbescheiden finden.
 – 
Vergessen Sie nicht, edler Freund!
daß diejenige, welche ihr Heil in Ihre
Hand giebt, eigentlich für eine Ster-
bende zu achten ist. – Und wenn sie
irgend gefehlt hat, so that sie es unbewußt

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denn unbeschrankt ist ihre Verehrung und
Ihr Vertrauen.
Ich vergaß neulich in meiner Freude der Au-
tographen zu erwähnen, die glücklich wieder
gefunden sind. Soll ich zu den Briefen von Geor-
ge Sand
und Genlis noch andere französische
von Intreße legen. Auch von Chézÿ, und
Englische aus Asien.
Auch von meiner Groß-
mutter
, und aus den Tagen derselben. Ich
habe hundertjährige Kurriosa. Sollte es
ein Packetchen geben, wie laß ich es Ihnen
am sichersten zukommen? Es heißt: wer
bald giebt, giebt doppelt, und meine Sendung
ist grausam verspätet worden, weil meine
Papiere alle untereinander gelaufen sind, eini-
ge Französische muß ich abschreiben lassen
und zwar von Freunden. Es ist schwer, hier
einen rechtschaffenen Abschreiber zu finden
und überhaupt einen rechtschaffenen Menschen.
Sein Sie mir auf das Liebevollste gegrüßt
werden Sie schön gesund, und denken

Seite „303v“

Sie mit Nachsicht und Wohlwollen
Ihrer

ewig verpflichteten
Helmina v Chézÿ.
Genf den 15ten Juni
1855.