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Brief von Philippine von Calenberg an Helmina von Chézy

Kassel, 12. März 1825
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 9 Calenberg Philippine von, 12.03.1825 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Philippine Sophie von Calenberg
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
12. März 1825
Absendeort
Kassel
Empfangsort
Wien
Umfang
5 Blätter
Abmessungen
Breite: 127 mm; Höhe: 212 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Frln von Calenberg
an Helmina von Chézy.
Caßel 12 Marz. 1825.
Der Bruder meiner Seele, hat es oft an mir
gelobt, und immer geliebt, daß ich den Freunden
so gern in der ersten Frische des Eindrucks
ihren schriftlichen Zuspruch erwiederte, und mir
diese Gabe beneidet. In, mit und für
ihn fortzuleben, ist ja das Licht meiner
Tage, und darum theure Helmina, gehört
Ihnen ja vor allem, meine liebevolle
und schnelle Erwiederung auf Ihren Brief
den ich heut von Dresden aus erhielt,
denn Sie werden niemals müde werden
in dem treusten Andenken, das in so
Vielem schon Glanz und Farbe verlohr, und
auf diese Weise zeigt, was ächte, und was
falsche Empfindung war. Alles was Sie
mir über Lotti sagen, rührt mich innig.
Des
Freundes uneingeschränktes Vertrauen hat mir
das ganze Bild dieses herrlichen Wesens,
seine erste Bekanntschaft   das sich Fort-
spinnen derselben pp mitgetheilt, weil er
meine strenge Verschwiegenheit kannte, und
da ich weiß wie ihn nichts mehr verwundete
als die kleinste Verletzung der Diskretion
so halte ich mich auch jetzt Keinesweges
für ermächtigt, meine heilige Verpflichtung zu

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verletzen, und der Welt Preis zu geben, was
in das Heiligthum meines schwesterlichen Her-
zens niedergelegt ward. Darum auch habe
ich diesen Punkt in den Umrißen des
inneren Lebens unser Verklärten nur leicht
angedeutet. Daß jener verheißne Brief
ausblieb, liegt wohl in dem ganz einfachen
Grund, daß der Oheim auf die Sache nicht
gleich eingieng, wenigstens nicht dazu mitwürken
wollte; daß E. beÿ seinen künftigen Er-
wartungen den Oheim nicht übereilen durfte,
und eben so wenig es mit seinem Selbstgefühl
verträglich war, einer Gattin seine Existenz
verdanken zu wollen. Die Jugend Lotti’s
lies kein so schnelles Verblühen ahnden,
und was wäre denn auch ein Jahr ruhigen
Ausharrens gewesen, und hätte sich nicht
die Treue in Entfernung schöner gestählt?
Wie schwer und unerwartet ihn jener Schlag
traf, das weiß ich am besten. Er sandte
mir gleich jenen Brief Wintersteins, und
schrieb mir dabeÿ: er wünsche den Tag ganz
allein mit mir zu seÿn. Meine noch lebende
Mutter
, vergönnte das, und so lebten wir
in meinem stillen Zimmer, heilige Stunden
der Wehmuth und Erinnerung die niemals
mehr aufhörten; Einen Theil der Locken

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der zu früh Verblichnen, trug ich seitdem
fast immer, und jetzt ist auch der andre
Theil derselben mein Eigenthum. Ich
empfinde auch darum so heiße Sehnsucht
nach Wien, um mit der Mutter der
süßen Blume
bekannt zu werden, und
ihr dann, in stillen Stunden, mitzutheilen
was der brüderliche Freund mir schrieb als
er dort war. Wäre nur meine oeko-
nomische Lage etwas weniger beschränkt:
Da ich meine hiesige Wohnung jetzt auf-
gebe um mich in meinem Stift ganz
anzusiedeln,
so erwächst mir daraus ein
Ersparniß, und vielleicht gelingt es mir
in einiger Zeit, einmal irgend eine gute
Gelegenheit dahin zu finden wohin mein
Wunsch schon lange steht, wenn ich unter
der Hand erfahren kann wie theuer
wohl das Wohnen und Leben dort, etwa
für ein Jahr, seÿn könnte, beÿ sehr
großer Genügsamkeit, und Beschränkung,
und ob wohl mit 500 Rthr in Gold
etwa, dort fertig zu werden wäre
mit einer Dienerin?
Daß Tiek Ernst’s Bibliothek erhalten
habe, ist ein Mißverstehen. Am dritten

Seite „2v“

Tage der kurzen leichten – in ihrem Ende
so schrecklichen Krankheit, sagte mir der
Theure
, indem er lächelnd meine Hand drückte:
„Gestern war mir recht schlecht – ich dachte
sogar an mein Testament, und zwischen
Schlaf und Wachen machte ich es sogar.
Da bedachte ich mein gutes Pinchen
sehr gut – alle Freunde bekommen etwas;
Tiek – meine spanischen Bücher, Löben
wollte ich auch Bücher vermachen, aber, dacht’
ich, der braucht sie wohl nicht mehr! –“

Wir waren allein beÿ diesem Gespräch –.
Ich redete ihm diese Gedanken aus, und
er sagte heiter: „Ich denke auch nicht mehr
daran und wir wollen noch zusammen bleiben.“
Als er hinüber war, sagte ich Carlen, daß
er über Tiek die Bestimmung der spanischen
Bücher geäußert, welches der gewißenhaft
erfüllte. Alle übrigen Bücher und
Bilder hat Carl mitgenommen um sie
als heiliges Denkmal, auf welchem
der Geist des Theuren ruht, in Escheberg
zusammen zu stellen. Es hätte nur
von mir abgehangen mir zu fordern und
zu wählen was ich wollte – aber für
mein Herz bedarf es keine äußern
Andenken, obgleich Carl mir deren

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[Karl August Varnhagen]z. 12. März 1825.
manche gegeben die ich nun eben erwähnte:
Alles was E, trug – der Diamantring, ver-
läßt mich nie. Seine Lorgnette,
sein
Börschen – der Christus der auf sein
letztes Lager tröstend schaute wie jetzt
auf meines, sind allerdings rührende
Eigenthümer! Das unzerstörbarste wohnt in
meiner Brust!
Eben habe ich Nachricht daß in 10
Tagen das Buch fertig seÿn wird; diese
Blätter sollen also die 12 Ex: begleiten
von denen ich jedoch nur 11 zu bezahlen
und das Ihrige, als Beweiß herzlicher Liebe
von mir anzunehmen bitte. Der Preis
des Exemplars ist anderthalb Thaler Courant.
Möchte Milde und Nachsicht über den
schüchternen Versuch walten, ein Bild
der besten Seele in Umrißen zu
entwerfen, beÿ dem ich die immer über-
wallende Herzwärme zügeln mußte,
die nicht für die Welt gehört, und
so oft dem Spott und der Mißdeutung
ausgesetzt ist. Zu genau bekannt mit
E’s Ansichten hierüber, war auch jetzt
sein Wille, den ich deutlich in mir deutlich erkenne

Seite „3v“

meine Richtschnur. Für Ihre liebevolle
Verwendung hierbeÿ, wie für meine andren
kleinen Anliegen danke ich Ihnen herzlich.
Ich sende die Übersicht der geistlichen
Stücke
zu Ihrer Einsicht,
ob sie brauchbar
für die Jahrbücher, was mir allerdings
lieb wäre, die Beÿden Kleinigkeiten
für die Aglaja,
welche ich vorläufig
beilege, waren Lieblinge E…s, und
es bleibt Ihrem Ermeßen überlaßen
ob sie sich, mit den Gnomen für jenes
Taschenbuch eignen? Ich weiß, daß
für ein Gedicht gewöhnlich ein Ex: eines
Taschenbuches gegeben wird; könnte ich
auf diese Weise die bisher erschienenen
der Aglaja erhalten, so würden die
übrigen Beiträge demnächst erfolgen,
und Wallishäuser sendete mir dann
durch nächste Buchhändler Gelegenheit
an Bohné in Caßel, die vorhandenen.
Für Sie lege ich noch das Kind eines Au-
genblicks beÿ, das einmal Hier Escheberg
entstand, als der Theure in Berechnungen

Seite „4r“

versenkt, mir darüber aus Dr: klagend
und ungeduldig schrieb.
Zum Druck ist dies
wohl zu personel. Ihrem Versprechen
der Stundenblumen sehe ich mit herzlicher
Sehnsucht entgegen; Wenn ich erst in der
Ruhe meines ländlichen Auffenthalts bin,
umgeben von den reichen Erinnerungsschätzen
läßt sich wohl manche Ausbeute davon
sondern und mittheilen. Von Ihren Papieren
trenne ich mich ungern: Die weißen Rosen

haben sich nicht dabeÿ gefunden; und ich
vermuthe fast, Carlen hat sie sich ange-
eignet; Ist das, so giebt er sie mir,
da mein Wille ihm heilig; Er ist bereits
angekommen mit seiner jungen Gattin, 2
Tage hier gewesen, jetzt in E. und kommt
Morgen wieder auf 14 Tage, dann frag
ich gleich. Sein Jettchen ist in allem
das Gegenstück zu seiner unseligen Marie
deren Vergehen nicht einmal mit einem
warmen Herzen sich entschuldigen laßen.
Jettchen hat herzliche Neigung zu Carl
der sich wie im Himmel fühlt, und manche
Schwäche wird an dieser Wärme erstarken,
das hoffe ich gewiß, auch ruht ja der

Seite „4v“

Seegen des Verklärten auf dem Bande
das sein Wunsch war. Überseh’n Sie,
Theure, doch ja nicht, daß in dem Titel-
blatt das ich erdacht, der Gedanken an
Ihre weißen Rosen
mir nahe war. Ein
gefühlvoller Mensch hat dies Blat ein sehr
tiefsinniges Gedicht genannt. Ihnen brauche
ich also die Deutung nicht erst zu erschließen.
Das ganz treue Bild, des unvollendeten
Hauses, wird Ihnen nicht entgeh’n.

Gestern fand ich noch in einem Billet
Ernsts das er mir nach einem schönen Spatzier-
gang schrieb, folgendes Gedichtchen, das
ich in keinem seiner Büchlein erblicke, und
daher nicht sicher bin ob es von ihm selbst
ist:
Entzücken im Frühling
Nach einem seeligen Tage.

Es grünt das Feld,
Es blüht die Haide,
Und junge Freude
weht durch die Welt.
Es glänzt mir das Auge schwillt mir die
Brust
Vor Lust vor Lust!

Seite „5r“

[Karl August Varnhagen]z. 12. März 1825.
Ein Sehnen dringt mir durch die Seele
Wenn Philomele
Im Strauche singt.
Es glänzt mir das Auge, es pocht das Herz
Vor Schmerz vor Schmerz!

Und diese Lust
und diese Schmerzen,
In meiner Brust
In meinem Herzen,
Sie haben vereint
Von der Erden Plan
Mich himmelan!
Vielleicht wäre auch dies eine Zierde der Aglaja
.
Ihre namenlose Gefälligkeit kenne ich, liebste
Helmina! Ihre Pünktlichkeit hoffe ich kennen
zu lernen, darum wage ich die Bitte, mir
bald über die Hefte wißen zu laßen, ob
sie Aufnahmen finden in den Jahrbüchern
und falls es nicht wäre, mir ja gleich wieder
zurückzunehmen und zur Zurücksendung zu bewahren
da Ernst sie verlangte und liebte, sind
sie mir theuer geworden, so gering ihr eigent-
licher Werth seÿn möge.
Ich besitze die Idÿlle 14 himmlische Tage im
Jahr 1810 mit dem geliebten Bruder im
elterlichen Hause verlebt
– eine Zeit die so

Seite „5v“

wahrhaft idÿllisch war! Könnt ich sie ein-
mal mit Ihnen lesen! Ich sende Ihnen
einen Ring der Ihnen als doppeltes An-
denken werth seÿn wird. Es ist derselbe
den Ernst von mir erhielt als wir ver-
eint seinen Geburtstag feÿerten. Dies
sagt Ihnen die Innschrifft inwandig. Es
war zugleich das Jahr unsrer Bekanntschaft.

An die Stelle des Haars das beschä-
digt war – ist die Farbe unsrer Trauer ge-
treten. Tragen Sie ihn und denken
auch meiner dabeÿ.
Das Bild unsres Freundes von Vogel so sehr
treu gezeichnet, wird in Hamburg auf Stein
gezeichnet. Der hohe Preis solcher Zeichnung
machte es unmöglich es dem Buche beizugeben
ohne den festgesetzten Subscr: Preis von
1 ½ Rthr: zu erhöhen; Ohnehin ist das For-
mat größer, und Verkleinern würde der
Ahnlichkeit Nachtheil bringen. Ich denke das
B lat soll nicht über 10 ggr:, vielleicht
geringer kommen. Wer es wünscht
wendet sich an mich.
Die Zahlung für die 7 Ex: Hammers, und
4 die Sie geworben und die ich Sie an
Hammer zu entrichten bitte nimmt der
Agent Rauh in der Wollzeil in Empfang
und hier werden Sie mir ausgezahlt.
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