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Brief von Ernst von der Malsburg an Helmina von Chézy

Dresden, 12. April 1824
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 112 Malsburg Ernst von der, 12.04.1821 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Ernst Otto von der Malsburg
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
12. April 1819
Absendeort
Dresden
Empfangsort
Wien
Umfang
4 Blatt
Abmessungen
Breite: 154 mm; Höhe: 201 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]von der Malsburg
an Fr. v. Chézy.
Dresden, 12 April, 1824.

Messen Sie nicht, meine liebe theure Helmina,nach der Länge
meines Schweigens die Kürze meiner Freude über Ihren
schönen Brief; vielmehr war diese Freude ausserordentlich
groß, und wenn ich nicht im ersten Drange derselben
antwortete, so war es gewiß nicht aus dem dummen
Grunde, Sie für Ihre lange sträfliche Stummheit
durch Zappelnlassen abzustrafen, sondern aus andern
Gründen. Setzen Sie obenan meine Faulheit, dann
kam der sonderbare Wunsch, erst Ihre Eurÿanthe zu
sehen, um Ihnen darüber etwas sagen zu können –
endlich ist diese nun seit einer Woche gegeben
und alsbald
hatte sich die Faulheit wieder eingefunden, die ich jedoch,

Seite „1v“

wie Figura zeigt, mit rüstiger Hand fortgejagt habe.
Wie könnte ich Ihnen meine Lust an der schönen Eurÿanthe
genug schildern? kaum kann ich den zweÿten Festtag er-
warten, wo ich sie erneuern soll. Sie wissen, wie sehr
ich das Gedicht immer liebte, doch kann ich mir nicht helfen,
Weber hat zu viel daran gemäkelt, er hat Sie gezwungen,
unrichtig herauszuthun und unwichtig stehen zu lassen,
darüber ist es im Gang der Handlung farbloser und unkräf-
tiger geworden, als es von Anfang war, und die Dunkelheit
des Surrogatmotivs, die sich noch obenein in Rezitativ
schleÿert, hemmt wohl auch etwas die helle Freude, die man
sonst empfinden müßte. Aber wie viel bleibt dennoch
übrig! welch ein frischfreundlicher und herzinniger Stoff!
chevaleresk, liebevoll, auch im Grauen noch menschlich!

Seite „2r“

und nun die entzückenden Lieder, diese Blüthenklänge, wie
sie nur Ihnen gegeben sind! Ich kann Ihnen nicht beschreiben,
wie poetischer sich mir alles in die Seele goß, als beÿm Freÿschützen,
und wie ich mich doch immer und immer darauf ertappen mußte,
lieber mit schönen Prinzessinnen umzugehen, als mit dem Teufel;
die Schlange sah hier leider einen Regenwurm so ähnlich, daß
man sich auch ebenfalls recht vertraulich mit ihr denken konnte. Dem
König hätte ich im Ganzen eine weniger dienstbare Rolle ge-
wünscht; und hier agiert er nur gar aus einem Keller! sonderbar wie sich Einem Vieles erst beÿ der
Darstellung aufdrängt, worauf man im Lesen nie gemerkt
hatte. Die Musik, der ich wegen vielen Vorgeschwätzes
ohne größte Erwartung entgegengieng, hat mich überrascht,
ergriffen, in den Himmel gehoben. Man sieht doch, die Dichterin
hatte ihn begeistert, denn wieviel großartiger und herrlicher

Seite „2v“

lebt alles als im Freÿschützen. Man tadelt hier manches
an der Musik, dem ist sie zu streng, Jenem zu zerrißen –
mir scheint sie durchgängig meisterhaft und alle Gefühle
der Dichtung, daß es kaum anders seÿn könnte, benutzend;
nur die Ouvertüre finde ich schwach, und in Adolars
Romanze
stehen die Worte hoch über der zu arienhaften Begleitung;
eben so wünschte ich dem Mädchenchor für seine unschuldig
prächtigen Worte eine weniger manierirte und lebendigere
Bewegung. Der Beÿfall, das Herausrufen war rauschend,
schien mir jedoch etwas mehr gemacht als beÿm Freÿschützen,
denn so paradiesisch populär kann eine Eurÿanthe nicht seÿn,
als Samiel
und seine Eule. Die Devrient
und Funk
überboten
sich, besonders entwickelte Letztere eine Kraft und ein Spiel,
wie wir es noch nicht an ihr gekannt haben, sie war vortrefflich.

Seite „3r“

Man rief diese Beÿden
heraus, und großmüthigerweise
kamen alle Übrigen, selbst die Statisten, mitgelaufen.
Allerdings konnte man auch mit dem redlichsten Willen
aller zufrieden seÿn, selbst Bergmann war wie verklärt.
Freude und Recensirwuth machen mich geschwätzig, laßen
Sie sich deshalb auch gleich sagen, daß ich alle Ihre in
Kalendern ausgestreuten Blüthen aufgelesen habe. Die
Novellen
wollten mir, wahrscheinlich wegen eigensinniger
Liebe zu einigen früheren, mit
Ab und Zu weniger ins Herz,
als überall die meist schon verstreuten Lieder, das Rondel p
Ich danke Ihnen auch für den Vers, den Sie mir in der Eurÿanthe
gestohlen haben.) Ich habe jetzt oft so dumme Bedenken.
Ich freue mich unendlich, liebes Schneegänschen (aber

Seite „3v“

heuer hatten Sie uns den ganzen Schnee entführt) daß es
Ihnen in Wien wohl geht und wohl gefällt. Ich habe
dort meine seligste Zeit verlebt, und alle meine
Empfindungen von Wonne und Sehnsucht (nun aber
auch von Schmerz) hängen sich an jene Jahre. Sie sind
da an die Quelle meiner Lust und meines Wehes gekommen,
theure Helmina! deswegen freut es mich, daß Sie meine
gute Mammi Traunwieser kennen und schätzen lernten –
ach, und hätten Sie den Engel gekannt, der ihre Tochter
war!
– Geben Sie der lieben Frau die einliegenden Zeilen.–
Was Sie mir von Ihren Verhältnissen und Bekannten
sagen, hat mich ungemein interessirt;
daß Sie Schlegels

so wenig sehen, thut mir im Gedenken voriger Zeiten leid,
Hammer nennen Sie mir gar nicht, der lieben sinnigen

Seite „4r“

Caroline Pichler müssen Sie aber Tausend Schönes sagen und noch
bewahre ich ihre Bagatelles de Beethoven.
Was ist denn aus
ihrer Tochter geworden?
Kennen Sie Clemens von Hügel
nicht? Ich schrieb

ihm vor Jahr und Tag durch den Grafen Schönfeld von der
sächsischen Gesandtschaft die flehentliche Bitte, mir nur auf 14 Tage
die Estrella de Sevilla, die er im alten Original besitzt,

anzuvertrauen; er hat mir mit keiner Sÿlbe darauf geantwortet.
Nun wird meine Übersetzung nach dem Trigueros
(mit dem Mejor
Alcalde el Rey und der Moza de Cantaro
) bereits beÿ Hilscher gedruckt,
und es wäre mir unendlich wichtig, das Urstück wenigstens für die
Vorrede benutzen zu können. Wäre es denn nicht möglich ihn zu er-
weichen? Könnten Sie ihm nicht andere Bekannte auf den Hals
schicken? mein Gott, er hat ja nichts zu besorgen! und Sie
wissen, wie wichtig Einem so etwas seÿn kann! Und nur so können

Seite „4v“

Sie den Sabinerraub meines rothen Buches wieder sühnen, Sie
treulose Frevlerin und Verrätherin! – und daß Sie mir
auch dies Buch schnell und sicher (durch Fahrpost) zurück-
schicken, denn sein Verlust wäre mir unersetzlich! Legen
Sie dann die Rosamunde
dazu, daß ich sie doch kennen lerne.
Übrigens schreibe ich mit nächster Post auch an Hammer wegen der Estrella
.
Neulich war die Hohenhausen dreÿ Tage hier, da sprachen wir
viel von Ihnen, ich zeigte ihr Ihre Fenster, die jetzt wie gläserne
Augen sind, ohne Licht und Leben; sie sagte mir, Sie bezahlten
noch eine theure Wohnung in Berlin; das kann doch nicht möglich
seÿn, Unordentliche!
Unser armer Heinrich Graf v. Loeben grüßt Sie innig; er ist immer
gleich leidend, und wenn nicht etwa noch durch Magnetismus, wohl schwerlich
zu retten. Tieck ist gut und fleißig, unser Kränzchen währt fort.
Mein Bruder hat im Januar meinem guten nahe achtzigjährigen
Vater
die Augen zugedrückt! von seiner Frau hatte ihn der Kurfürst
unmittelbar ehr: und erlöst.
Der arme Junge! –
Leben Sie wohl, Gute und schicken
Sie bald einen neuen Brief nebst einer Portion der im Pult versteckten Ihrem Sie sehr liebenden
Ernst M.
Ihre Kinder
umarme ich herzlichst.