DE | EN

Brief von Caroline de la Motte Fouqué an Karl August Varnhagen von Ense

Nennhausen, 10. Februar 1813
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 60 Fouqué Caroline de la Motte, Bl. 17-18 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Caroline de la Motte-Fouqué
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
10. Februar 1813
Absendeort
Nennhausen
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 120 mm; Höhe: 190 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Erstdruck in: BP, S. 141–142.

Seite „17r“

17


[Karl August Varnhagen]Frau von Fouqué.
an Varnhagen.
Nennhausen, den 10t Fbr.
1813.


[Karl August Varnhagen]Nennhausen, den 10. Februar 1813.

Ich bin heute sehr erschüttert, sehr weich,
was wir lange träumten wird nun wahr, tritt
uns ganz nahe. Der Aufruf des Königs an die
Freiwilligen
ziehe Fouqué von hier fort, auch
meinen ältesten Sohn, auf den ich gerechnet hatte,
treibt die Ehre, das Recht, die Gottessache in an-
dere, in ungekannte Verhältnisse, der Jüngere
ist schon bei der Armee. Ich bleibe sehr allein.
Indeß hoffe ich, soll niemand Zeit haben an sich
zu denken; und ich freue mich daß so viel Muth
und Ehrliebe in mir ist, daß ich mich schon jetzt sehr oft
ganz vergessen kann. Man darf auch den Blick
nicht allzulange von den allgemeinen Angelegen-
heiten abziehen, man muß sie immer im Auge
behalten, um sich vor sich selbst zu behaupten.
Es gilt jetzt etwas Höheres als die laxe Gewohnheit
des Alltagslebens. Und sollten auch alle bestehende
Verhältnisse zerrissen werden, es wird doch etwas ge-
schaffen, wie das aussehn wird? weiß ich nicht, aber
es ist doch Idee in dem Thun und gestalten des Au-
genblicks, und das muß Trost und Beruhigung geben.
Gewiß ist es, mir droht eine trübe Zeit, und glau-
ben Sie mir, eine Umstellung alles bisher Bestandenen.
Der Mensch tritt nie auf dieselbe Weise in seine
Umgebungen zurück als er sich davon losriß. Es reißt

Seite „17v“

dabei so vieles ab, was nachher nicht wieder zusammen-
paßt, die Zeit nagt an den Fäden der alten Verbin-
dung, sie werden mürbe und lassen sich nicht zusammen-
knüpfen. Ich habe das oft erlebt! Das Gewese-
ne kehrt nicht wieder. Das Neue kann besser sein,
aber ich bin nicht mehr jung genug mich darauf zu freuen.
Vieles drückt u preßt mich in dieser Stunde was nie
dergekämpft sein will. Ich will zu etwas Anderm
übergehen.
Sie erhalten hier einen kleinen Aufsatz von S mir
über Seckendorf. Sehen Sie ihn durch. Meine Ab-
sicht war, ihn in die elegante Zeitung einrücken
zu lassen, wenn anders der Inhalt nicht nachthei-
lig für Seckendorf wirkt. Mir war es nothwendig,
zu einem Bewusstsein über den confusen Inhalt
seiner Worte und Darstellungen zu kommen. Jetzt
bin ich auf dem Reinen damit. Kann es gut es sein
[×××] daß er Andern auch [×××] dazu verhilft
so lassen Sie den Aufsatz in Gottesnahmen erscheinen,
die Ueberschrift müssen Sie aber machen, denn ich weiß
nicht wie Seckendorf seine Vorlesungen angekündigt
hat noch überall das Nähere der Bezeichnung. Hitzig wird
denn das Andere besorgen: Mein Nahme darf
aber nicht genannt werden. Ich hasse es Frauennah-
men unter öffentlichen Critiken zu sehen.
Sie sind wohl jetzt recht gut gegen mich gesinnt.
Vielleicht überschätzen Sie mich auch. Ich muß

Seite „18r“

mich oft wundern wie es sein kann daß
mich die Welt so ehrend anerkennt. Ich
habe gar nichts Glänzendes, Ueberraschen-
des, nichts von dem was sich unwillkühr-
lich Beifall erzwingt. Mein einziges Ver-
dienst liegt in dem Fleiß und der Ausdauer
unermüdlichen Nachdenkens. Es ist viel
daß man mir das so hoch anschlägt.
Werden Sie in in Berlin bleiben? Ich
fürchte alles wird auseinandergesprengt
werden was durch Sinn und innre Ver-
wandtschaft zu einander gehört. Schrei-
ben Sie mir bald wieder. Mir es
nöthig daß Freunde zu mir reden.
Grüßen Sie Rahel.
Ihre

Freundin
Caroline

Seite „18v“