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Brief von Fanny Tarnow an Helmina von Chézy

Hamburg, 10. Oktober 1819
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 241 Tarnow Fanny, Bl. 72–73 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Fanny Tarnow
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
10. Oktober 1819
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Dresden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 130 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche und Transkription durch Renata Dampc-Jarosz; Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „72r“

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[Karl August Varnhagen]Fanny Tarnow
an Fr. v. Chézy.
Hamburg den 10ten 8br. 1819
Wie sehr mich Ihre beiden letzten Briefe, meine
theure herzige Helmine, gerührt haben, kann
ich Ihnen nicht aussprechen, aber nie wird u
kann das Andenken an Ihre, zu Rath u That
bereite Theilnahme, aus meiner Seele kommen.
Sie sind wahrlich engelsgut u es macht mich so
glücklich, wenn mir dann einmal wieder so ein Menschen-
herz in all seiner Holdseeligkeit u Liebe offenbar
wird, da ich schon seit vielen Jahren dahin gekom-
men bin, um meines Friedens willen, gar keine
Ansprüche mehr an Menschenherz zu machen. –
Meine äußre Lage, Liebe, ist aber nicht so sorgen-
voll wie Sie vielleicht glauben. Die Unsicherheit
derselben ängstigt mich, da ich ohne alle feste Ein-
nahme nur von dem zufälligen Verdienst
meiner Feder lebe, der, so lange ich mich bei
meiner Kränklichkeit noch aufrecht erhalten kann,
wohl für meine Bedürfnisse ausreicht, mich aber
von jedem Zufall abhängig macht. Daher mußte
mir die Aussicht wichtig seÿn, die Sie mir durch
Mittheilung des Plans eröffneten, den Fräulein
von Calenberg
entworfen hatte, denn seine Ausführung
sicherte mir Ansprüche auf eine lebenslängliche
Pension – allein eine Stelle als Erzieherin in einem
Privathause würde mir keine Entschädigung
für das Opfer meiner Unabhängigkeit darbieten.
Diese könnte ich nur in dem Gefühl finden, mutterlose
Waisen mit inniger Muttertreue u Liebe zu
erziehen. – Eben so wenig möchte ich je eine

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sogenannte Pensionsanstalt errichten – allein
3–4 junge Mädchen möchte ich gerne zu mir
nehmen, weil ich glaube dadurch wirklich Gutes leisten
zu können u auch, meine Helmine, weil mir
ein solcher Wirkungskreis meiner weiblichen
Natur angemessener erscheint, als dies littera-
rische Treiben, das mir als Broderwerb in
der Seele zuwider ist. Können Sie, kann
Therese v. Winkel, die ich Sie achtungsvoll zu
grüßen bitte u die mir keinesweges fremd
ist, etwas zur Erfüllung dieses meines Wunsches
beitragen, so werde ich es Ihnen herzlich Dank
wissen. Bis Ostern bin ich an Hamburg gefesselt
theils durch das Wohlwollen meiner hiesiegen
Freunde, theils durch ökonomische Einrichtungen
da ich z. B. mein Quartier bis zu jenem Zeit-
punkt gemiethet habe – allein dann bin ich in
der Wahl meines künftigen Aufenthalts ganz
frei. Ich denke dann auf einige Wochen nach
Berlin u zu meiner Freundin Schwarz
nach
Friedstein
zu gehen u führen Sie Ihren Plan
den Sommer in Schandau zuzubringen aus,
so komme ich dann auch dorthin u siedle mich
für die Sommermonate in Ihrer Nähe dort
an. Mühenlos könnte ich dann nach Dresden
kommen – auch schon früher, wenn es gefordert
würde. – Mein ganzes Leben, liebe Helmine, ist
immer auf Entsagung u Verläugnung gegründet
gewesen; daher wage ich mein Herz auch jetzt
nicht der Hofnung zu öffnen, daß sich meine
Zukunft freundlich gestalten wird. In der

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Tiefe bin ich eigentlich sehr lebensmüde – allein
ich dränge dies Gefühl zurück, weil ich es für
nothwendig halte die Kraft, die sich im Schmerz
verzehren möchte, gegen ihn zu gebrauchen u daher
tauche ich aus allen meinen Thränen oft noch wieder
so heiter und lebensstark auf. – Der Sommer könnte
mir viel vergüten, viel ersetzen – nichts hat
nächst dem Wohlwollen theurer Menschen soviel
Gewalt ueber mich, als Einsamkeit in schöner Natur-
umgebung. – Es ist aber doch schon Gewinn eine
solche Hofnung zu haben, die Einen den ganzen
Winter grün erhalten wird. –
Ich habe in diesen Tagen in der Ztg. für d. elegante Welt Ihre Theokla
gelesen – sie hat mir sehr gefallen
ob gleich der Ausgang sehr trübe ist. Ueber manches
Andre habe ich Ihnen schon geschrieben – Können
Sie die Schoppeische Mspt
anbringen, oder selbst auf
irgend eine Art benützen, so thun Sie es, Liebe. Sie
lebt von ihrem Mann getrennt u ist Mutter von
zwei Kindern, die sie zu ernähren hat, so daß
es ein gutes Werk ist, ihr zu ihrem Fortkommen
behülflich zu seÿn. – Ihr moralischer Werth oder
Unwerth muß dabei außer Acht gelassen werden –
mir schreibt sie jetzt täglich die unsinnigsten Briefe –
sie wolle mich fassen, verfolgen, mir wehe thun
mich tödten, wenn sie könne – dies betheuert sie
mit den furchtbarsten Eiden
– Ich lasse dies alles
unbeantwortet u fühle wahres Mitleid mit ihr –
In demselben Gefühl habe ich Sie auch in
meinem letzten Brief um einen Beitrag zu den
Originalien
gebeten. Von der Fortdauer
dieser Zeitschrift hängt die sorgenfreie

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Existenz des blinden Herausgebers mit seiner
Familie ab – was bedeutet denn gegen solche
Rücksichten das bischen Undank was man erfah-
ren hat u erfährt? – Wer kann u mag so et-
was in Rechnung bringen? – Ach, Helmine, wenn
man weiß wie viel man edlen Menschen, selbst
den geliebtesten verzeihen lernen muß, so dünkt
mich, kostet es gar keine Ueberwindung mehr, für
Andre mit Verläugnung aller Persönlichkeit zu
handeln. –
Was Sie mir von Ihren eignen Verhältnissen
u Angelegenheiten sagen, hat mich sehr gefreuet
da ich so innigen Antheil an allem nehme, was
Sie geistig u körperlich zu stärken vermag.
Von Ihren 3 weißen Rosen
haben Sie mir noch
nichts geschrieben – ist es Gedicht – Roman – wann
erscheinen sie? – Gewiß hätten Sie mein Geld
zu höheren Zinsen ausbringen können, als dies
mit der kleinen Summe der Fall ist, die Sie zu
Ihren Reisen u zur Erhohlung verwandt haben.
Liebe, wenn mein schöner Traum erfüllt würde
wenn wir den Sommer zusammen in Schandau
verlebten, wie wollte ich mir das zu Gute
kommen lassen, wie mich mal wieder durch
u durch erfrischen – stärken, kräftigen –
Gott schenke mir diese Freude! – Die Hofnung
darauf blitzt oft durch meine Seele. –
Adieu, Liebe, Gute – erfreuen Sie mich bald wieder
mit einem Briefe; es thut mir so wohl von Ihnen
zu hören. – Ich umarme Sie mit inniger Herz-
lichkeit u bin u bleibe
Ihre Fannÿ