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Brief von Amalia Schoppe an David Assur Assing

Winterhude, 2. Juli 1826
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 12 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
David Assur Assing
Datierung
7. Juli 1826
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Hamburg
Umfang
1 Blatt
Abmessungen
Breite: 208 mm; Höhe: 255 mm
Foliierung
Foliierung mit Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Erstdruck: Thomsen, S. 274.

Seite „12r“

12

Assing
Theurer Freund!

Herzlich danke ich Ihnen für das mir übersendete Recept; ich werde das Mittel nach Ihrer Vorschrift
fortwährend gewissenhaft anwenden und die geregeltste Diät beobachten. Mit dem Baden
konnte ich erst spät anfangen, weil es lange sehr kalt und stürmisch war, doch ist jeder gute
Tag benutzt worden und ich fahre jetzt regelmäßig damit fort, was Alphons ganz vor-
trefflich bekömmt; doch ängstigt mich diese Anlage des armen Kindes nicht wenig,
obgleich es sonst so kräftig und gesund ist, wie wenige Kinder es sind, auch thut ihm das
Landleben so wohl, daß ich Gott danke, es ihm gewähren zu können.

Sie nicht mit Ihren lieben Freunden gesehn zu haben, als Sie unser Dorf besuchten,
ist mir eben so traurig und unangenehm; aber ein eigenes Unglück verfolgte
mich an dem Tage, denn noch war Herr Lübbers nicht weg, der von Geschäften
mit mir zu reden hatte, als mein künftiger Hauswirth, Herr Leutnant Brand,
mit seiner Frau bei mir zum Besuche kam, die bis zur völligen Dunkelheit
blieben, weil sie ihren Wagen bei sich hatten.
Ich habe mir nämlich in der Neustädter Fuhlentwite, auf Brand’s Platz (ehemals
der Ballhof genannt) ein Häuschen zu 350 [Mark]. gemiethet, das 3 Zimmer
und 2 Schlafkammern enthält; er läßt es mir ganz neu decoriren, dafür habe ich
aber auf 4 Jahre Contract machen müssen. Indeß ist der Preis für das Häuschen
so billig, daß ich es gleich wieder vermiethen könnte, wenn es mir nicht ganz ge-
fiele, und mehr Raum mußte ich ja wegen meiner Mutter haben. So bleibe ich also
nun in Ihrer und meiner Rosa Nähe und habe eine besonders stille Wohnung, die
zu meinen vielen Arbeiten sehr wünschenswerth für mich ist.

Wenn Sie aber wieder mit lieben Freunden nach Winterhude kommen, so krän-
ken Sie mich nicht dadurch, daß Sie zu Andern gehen; was ich habe und bin, gehört
Ihnen und allen Denen, die Sie schätzen; Sie beglücken mich wahrhaft dadurch,
wenn Sie mir Ihre Freunde zuführen, wie es mich im Gegentheil bitter kränkt,
wenn Sie Ihre Zuflucht zu einem Wirthshause nehmen, wo ich in der Nähe bin.

Ich habe jetzt so übermenschlich viel zu thun, daß ich mir die Augenblicke zu
meiner Erholung wirklich abstehlen muß und so leider! den Sommer nur wenig
genießen kann; dazu plagt mich oft ein heftiger rheumatischer Zahnschmerz, der
selbst der Hitze nicht weicht; ist nichts radical Heilendes gegen dieses abscheuliche
Uebel zu thun? Fast jede Nacht muß ich mich damit quälen und stehe dann sehr
matt am Morgen auf.

Meine Rosa und die lieben Kinder sind herzlich gegrüßt, wie auch Sie, theurer Freund!

Ihre treue
Amalia.

Winterhude d. 2tn Jul: = 26.
Sm Wohlgeb.

Herrn Doctor D. A. Assing.

in der

Polstraße.