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Brief von Caroline de la Motte Fouqué an Karl August Varnhagen von Ense

Nennhausen, 2. Juni 1813
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 60 Fouqué Caroline de la Motte, Bl. 19-21 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Caroline de la Motte-Fouqué
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
2. Juni 1813
Absendeort
Nennhausen
Empfangsort
Umfang
3 Blätter
Abmessungen
Breite: 120 mm; Höhe: 190 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „19r“

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[Karl August Varnhagen]Frau von Fouqué.
an Varnhagen
Nennhausen den 2t Juni
13


[Karl August Varnhagen]Nennhausen, den 2. Juni 1813.

Gottlob! der unglückselige Mai ist abge-
arbeitet. Man hofft so gern daß Kommen-
de soll besser sein als das Vorhergegangene,
Ich hoffe zwar im Ganzen sehr wenig, indeß
vielleicht wird doch die entsetzliche Angst
von uns genommen. Mir hat es
die Brust zusammengepresst daß ich oft in
diesen Tagen zu ersticken dachte. Ich kann
nicht schreiben, nicht arbeiten, nicht auf
einem Fleck still sitzen. In der Luft
im Felde, im Walde, da wo ich sonst nie
hinkomme, ist mir allein erträglich. Ich
mag mir nicht eingestehen für wen und
über was ich besorgt bin, ich mag mir keinen
Gedanken deutlich aussprechen! Man ist so
ungeduldig! so voreilig! Im Gebet sammelt
sich die Seele allein. Aber man kann nicht
immer beten, man soll es auch nicht, ich am
wenigsten! Solch gewaltsames Ueberheben berei-
tet mir irgend einen nahen Fall! Die [×××]
Gegensätze im Leben [×××] treten oft so plötzlich her-
vor, mein Gemüth ist so offen, so beweglich

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ich muß der Demuth wie dem Stolz Zügel
anlegen! Gewaltsamer wie um mich strit-
ten sich nie die wiederstrebenden Mächte.
Ich weiß es, all diese Unruhe, die
mehr dem Allgemeinen als dem nächsten Gelieb-
ten gilt, wird durch nichts Entscheidendes gemil-
dert werden. Die gewaltsam hervorquellen-
de Lebensfluth dieser Zeit wird in ihre Um-
dämmung zurücktreten ohne daß sichtbar das
Beabsichtet Große geschaffen wäre. Freiheit
oder Sklaverei — wo hebt die Erstere an?
wo endet die Letztere? das Charakteristische
dieser Lebensperiode ist, daß nichts in seiner
eigenthümlichen Scheidung u Gränze hervortritt,
das Mannichfaltige ströhmt ineinander, diese
Reibung wird nicht mit einem Schlage geschie-
den. Deutschlands Selbständigkeit beruhet nicht
auf dem glücklichen oder unglücklichen Ausgang
des Kampfes mit dem Auslande, sie ist in
unsrer innern Reife bedingt, und wie weit
ist diese gediehen! — Grade so weit, um uns
das einsehen zu lassen, was wir wollen müßen?
Deßhalb, wie es auch äußerlich enden möge
wir haben einen Schritt vorwärts gethan,
und das sei uns ein Trost, wenn es auch mit der

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Umgestaltung u Feststellung der Verhältnisse ganz
anders wird als wir es jetzt zum Ziele haben.
Dieser Krieg wird auf sehr eigenthümliche, faßt
beispiellose Weise geführt. Es scheint fast als
würden nicht sowohl die Resultate der nächsten
[×××] wie der folgenden Momente beabsichtet. Sie
haben schreckliche Tage in Hamburg erlebt, ich ha-
be lange für die ehrenfeste, treu gesinnte
Stadt gezittert. Jetzt sind Sie wohl gerettet.
Auch wir waren bedroht, doch habe ich nie, den
Muth u die unerschütterliche Zuversicht auch nur
auf Stunden verloren. In Berlin hat man sich
fast zu schwach gezeigt. Das Gespenst von 1808
spuckte auf lächerliche Weise in der ver-
störten Köpfen. Wie wenig würde Mos-
kaus
Beispiel dort befolgt sein!
Wir haben das Corps von Czernischef
in

unsrer Nähe gehabt, und ihn u seine Umgebung
oftmals gesehen. Er ist genial und erinnert an
Prinz Louis. Mehrere seiner Adjutanten waren
mir bekannt u befreundet, unter diesen habe ich mit
Vergnügen Marwitz hier im Hause begrüßt. Er war
wie immer – halb zufrieden, doch liebt er seinen
General
und erwartet viel von ihm, sobald er
freier und nach eigener Bestimmung handeln darf.

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den 11.tNovbr:1813
Mit ganz andrem Herzen begrüße ich Sie heute
wie damals. Der erste, große Schlag ist geschehen
,
wir kommen nun wohl weiter. Ich denke die-
se Zeilen treffen Sie kurz vor oder nach einer ent-
scheidenden Schlacht. Der Kronprinz ist auf dem Weg
zu Ihnen. Norddeutschland wird zuerst ganz frei
denn dort sind die wenigsten festen Plätze.
Phuel wird Ihnen das Nähere über Fouqué sagen.
Er ist gesund aus den ungeheuren Schlachten vom
14t — 19
zu neuen Kämpfen herausgekommen.
Wir sind hier oft bedroht worden und noch
neuerlich war es nahe daran daß die Mark ver-
heert ward, wenn es dem Feinde gelang die Aakner
Brücke
zu nehmen. Damals habe ich Stunden der
Verzweiflung verlebt von der ich niemand ein Bild
machen kann. Gab es auch etwas Entsetzlicheres!
Unsere Armeen jenseit der Saale, der Feind un-
gehindert vorrückend, alle Festungen noch sein, alles
Preußen, alles Russen Blut umsonst geflossen
die Freiheit für undenkliche Zeiten in der Geburt
erstickt! ich flehete wie eine Besessene zu Gott
und könnte etwas der Himmel spalten mein Schmer-
zesschrei wäre hindurchgedrungen!
Sie sehen, was mein [×××] Leben ist, was mich ganz

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[Karl August Varnhagen]d. 2. Juni 1813.

erfüllt. Ich denke nichts als diesen großen
Kampf, weniger an seinen äußern Gang als an
das was er uns bedeuten wird, was er schaffen
wird, an die ganze durch ihn umgestaltete Rich-
tung des Zeitgeistes!
Ich schreibe gleichwohl einen langen mir
sehr lieben u gewiß mir ganz eignen Roman.
Im Frühjahr denke ich wird er gedruckt!
Sein Sie glücklich im Inneren u Aeußeren.
Und kommen Sie wieder nach einer Stadt wo
Sie der Franzosen Beute entreißen und
wo es türkische Shawls giebt so denken
Sie an mich. Ich wüsste nicht leicht was mir
von solchen Dingen mehr Freunde machen könnte
als ein türkischer Shawl! Adieu.
Caroline

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