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Brief von Charlotte von Ahlefeld an Sophie Mereau-Brentano

Saxtorf, 19. Februar 1804
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 1 Ahlefeld Charlotte von, Bl. 46-47 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Charlotte von Ahlefeld
Empfänger/-in
Sophie Mereau
Datierung
19. Februar 1804
Absendeort
Saxtorf
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 105 mm; Höhe: 180 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „46r“

46

[Karl August Varnhagen] Charlotte von Ahlefeld
an Sophie Mereau.
S. den 19ten Februar 1804.
Liebster Engel, mit welcher Freude ich das bekannte
Siegel erbrach, das mir Nachricht von dir ver-
kündigte, kann ich dir nicht schildern. Ein dü-
sterer Abend wurde mir dadurch freundlich
und hell. O schreib mir öfterer, und außer
der Liebe, die dir mein Herz ewig bewahrt,
wird mich auch Dankbarkeit noch an dich bin-
den, denn ein freundliches Wort von einer
geliebten Hand ist mir so wohlthätig, und
ach so notwendig, wenn ich nicht verzagt
und kleinmüthig wünschen soll, die Bürde
ab zu werfen, die ich Leben nennen muß.
Meine Briefe an dich und Clemens werden
nun auch wohl in Marburg angekommen
seyn. Ich war so thöricht sie in ein Pa-
ket an die Linckern einzuschließen, das
ich mit der fahrenden Post absendete,
und erst als es zu spät war, fiel mir
es ein, daß sie dadurch gewiß einige
Wochen länger unterwegs seyn würden.
Glück, tausendfaches Glück zu den Hoffnungen,

die du mir so lieblich vertraust. Ich habe seit
[Karl August Varnhagen]Bettina.

Seite „46v“

gestern, wo ich deinen Brief erhielt, nichts anders
denken können, als dich, mit einen muntern
Knaben auf dem Arm, der seines Vaters wunder-
bar gelocktes Haar, die großen dunkeln Augen,
und mit der Zeit seine originelle Liebenswür-
digkeit hat. Welch ein neues schönes Leben geht
dir auf! Aber wären nur die ersten Unbequem-
lichkeiten überstanden – doch kann man das Lieb-
ste wohl zu theuer erkaufen? –
Von meinen Hofnungen soll ich dir schreiben,
Ach ich habe keine! – Rings um mich her sehe ich
nur Unmöglichkeiten, wenn ich zuweilen mit
Plänen zu einer beßern Zukunft meinen Muth
beleben will. Ach auf Glück, ächtes, reines Glück,
wie es dir zu Theil geworden ist, habe ich
längst Verzicht gethan, aber Ruhe und Freiheit
möcht ich für mein übriges Leben haben. Wär
eine gänzliche Einsamkeit mein Loos, so würde
ich mich still darin finden. Doch das Zu-
sammenleben mit verhaßten, gemeinen
Menschen, das ist eigentlich die wahre Hölle,
das ists, was jeden Funken einer tröstlichen Hoff-
nung in mir aus bläßt.

Seite „47r“

47

Meine Kinder sind wohl – ich habe sie rund um mich
doch bin ich oft krank, und kann den Lärm nicht er-
tragen, den ihre unschuldige Fröhlichkeit erregt.
Ich lerne ihnen lesen, ein mühsames Geschäft,
aber die Liebe zu ihnen erleichtert mirs. –
Seit einiger Zeit ist ein Herr von Preen
aus Braunschweig hier, der vor ohngefähr 6 Jah-
ren in Jena studirt, und dich und Brentano
kennt. Er hat in meiner Nachbarschaft eine ver-
heirathete Schwester, die er jezt besucht. Ich wer-
de ihn heute sehen, und freue mich darauf, wie-
der von Euch zu hören.
Daß Majer nun Schleizischer Hofrath ist, u. mit
400 rth Gehalt seinen jungen Grafen auf Reisen
führen wird, wirst du wohl schon wissen. Von
ihm selbst hab ich diese Nachricht nicht, denn er
fährt grausamer weise fort, zu zürnen, und
ich bin so eine verstockte Sünderin, daß ich
auch nicht das mindeste thue, ihn zu versöhnen.
Sie ist aber darum nicht weniger authentisch,
denn die Voigten hat mir sie geschrieben. Be-
sonders freuen soll er sich über die glänzende
Hofuniform, die ihm gnädigst verstattet ist, zu
tragen.

Seite „47v“

Die Bernhardi wird den künftigen Frühling u. Som-
mer in Weimar verleben, und jener Knorring
auch, der damahls an den bewußten Abend an
Dresden seinen Landsleuten, den Russen, alle
Poesie abstritt, vielleicht weil er selbst keinen
Funken davon in sich fühlt. Beim Andenken die-
ses Abends wird mir noch immer ein bischen
unheimlich zu Muthe, wie ist es dir? –
Nun leb wohl, grüß herzlich deinen Mann
und Hulda, und schreib mir bald. Unverändert
bleibt dir ewig mein Herz ergeben, – ach was
gäb ich darum, wenn ich eine Stunde bei dir
seyn, und mündlich dir so viel sagen und
fragen könnte; was beim Schreiben viel
zu weitläuftig ist.

Charlotte.