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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

M[inden], 26. April 1819
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 88 Hohenhausen Elise von, 26.04.1819 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
26. April 1819
Absendeort
Minden
Empfangsort
Dresden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 125 mm; Höhe: 197 mm
Foliierung
Keine Foliierung durch das Archiv vorgenommen. Keine Paginierung durch die Absenderin vorhanden.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Transkription und Mitkommentierung durch Betty Brux-Pinkwart; Kommentierung, Auszeichnung nach TEI P5 und XML-Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Elise von Hohenhausen an Frau von Chézy.


M. d 26. Ap. 19.

Ich empfing Ihr Schreiben in Pirmont, die Anstalten
zur Abreise hieher und die Schwäche von einer
dort uberstandenen gefährlichen Krankheit, der
Bräune, zurück geblieben, hinderte mich früher
zu antworten, da ich doch so sehr es wünschte; ein-
mal Ihnen zu danken für so manchen freund-
lichen Rath. und dann auch das Nähere über
Blankensee zu erfahren, ich sage nicht sei-
nen Tod, denn er kann nicht todt seÿn. Es
sind Briefe vom 10ten Feb. von ihm hier

wie sollte ein so blühendes jugendliches
Leben in so kurzer Zeit (Ihr Brief ist vom
9ten Ap.)
hinwelken können – Freilich war ich
selbst in Pirmont in Todesgefahr – doch solche
Uebel die durch Lokalität tödten, wie die Bräune
sind wohl selten – Die Nachricht seines Todes
hat mich tief erschüttert.
„Das ist das Loos
des Schönen auf der Erde“
und doch eigentlich sind
die früh sterbenden nicht zu beklagen.
Die so früh zu Lethes Ufern schweben,
Sahn die Flur nie öd und blumenleer
Glücklicher! im Lenz begann Dein Leben
Da der Winter naht, bist Du nicht
mehr.

Seite „1v“

Als wir auf den Höhen von Pirmont waren
füllte düstrer Nebel das Thal, wo ich so viel gelitten
aber um uns war bester Sonnenschein, meine
Gedanken ordneten sich zu diesem Sonnett.
Es deckt das Thal des Nebels dichte Hülle,
Wo Todeskampf statt Freuden ich gefunden,
Doch hat das Leben diesmal überwunden
Und wieder blüht mir der Gesundheit Fülle.
Allein im Herzen, da ist öde Stille,
Denn auch in der Genesung frohen Stunden
Trat ernst zu mir des Unerforschten Wille
Durch den der Freund auf immer mir verschwunden.

Im Sonnenglanz verrinnt der Nebelschleier
Vom blauen Aether säuselt Himmelsluft,
O wehe kühlend auch um seine Gruft! – – –
Den Herzen die ihn liebten, bleibt er theuer
Der freie Geist – jenseits der dunklen Kluft
bis aus dem Nebelthal – Die Sonne ruft
Sie würden mich recht sehr verbinden, wenn Sie mir
die nähern Umstände seines Todes – sein letztes
ahnungsvolles Lied an Sie in Abschrift recht
bald mir zukommen ließen: doch ich wiederhole
es: er kann unmöglich todt seÿn…
Außer Haus und Herd soll uns nichts theuer seÿn
so will es die Welt – und misdeutet jedes andre
Gefühl, darum erfahrn sie nichts vom
meiner Trauer um das frühe Verschwinden
einer ächt poetischen Erscheinung.

Seite „2r“

Lesen Sie in No 15 des Morgenblatts von diesem
Jahre, die Korrespondenznachricht von London
über
Lord Bÿron nach, Ich freue mich sehr daß mein inn-
res Gefühl mich nicht betrogen – daß er trotz allen
Verläumdungen ein edler Mensch ist – Wie könnte es
anders seÿn?, da er die zartesten, heiligsten Gefühle
zu schildern weiß, muß er sie kennen.
Ich dachte mir im schönen Elbthal, in dem freundlichen Dres
den
, dem Sitz der Musen, von Dichtern und Freunden
umgeben, selbst gefeierte Dichterin, könnte Sie nur
glücklich seÿn – aber ich kenne auch den Eigenwillen des
menschlichen Gemüths, dem die Vernunft umsonst mit tausend
unumstöslichen Gründen beweist, es seÿ verpflichtet sich
glücklich zu fühlen. – –
Ich kann es von mir nicht sagen, daß Freude und Schmerz
mir gleichgültig wären – ich kann beide – vielleicht des Corsaren

mehr, sehr lebhaft empfinden. – Nur durch alles Erdenglück
zieht der dunkele Faden der Wehmuth, die Sehnsucht nach
dem Unendlichen und spricht sich auch in meinen Gedichten
aus – die Freude vermag nicht des Sterblichen Herz
ganz auszufüllen, und doch kann der Schmerz also
ganz zerreißen.
Wir müßen einander näher kennen lernen, ich
hoffe die Zeit ist so fern nicht.
mein Mann – der in Blankensee seinen Freund verloren
empfiehlt sich Ihnen bestens und hofft mit mir bald
von Ihnen zu hören. Daß der Sänger und Dichter lebt.
Mit Hochachtung und Freundschaft Die Ihrige
Elise von Hohenhausen
geb v. Ochs.

Seite „2v“

Vom Regierungssekretär Walter liegt hier ein
groß Paquet. Briefe bei Dr. Meÿer für Sie. Scheuen Sie
das Porto nicht oder soll ich jenes Paquet mit
meinen Beiträgen zur Abendzeitung
durch
Buchhändler Gelegenheit an Hofrath Winkler
senden? er wird es Ihnen sicher abliefern! –
Frau von Plomberg nach der ich mich zu erkundigen
in Pirmont Gelegenheit hatte soll sich wohl
befinden.
Herrn Philippi werde ich sobald sein
Blatt im Gange gelegentlich etwas
senden.