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Brief von Helmina von Chézy an Karl Konstantin Kraukling

Baden, 8./9. Januar 1848
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 79-80 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Carl Constantin Kraukling
Datierung
8./9. Januar 1848
Absendeort
Baden-Baden
Empfangsort
Dresden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 210 mm; Höhe: 270 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „79r“

79

[Karl August Varnhagen]Helmina von Chézy an Kraukling
Baden-Baden 8 Januar 1848

Innig verehrter Freund!

In der feierlichen Abschiedstunde beim Morgenstral auf der Brühlschen Terrasse
belebten die süßesten Hofnungen des Wiederfindens meine Seele. Wer von uns Beiden
hätte geahnt was uns bevorstand? Keine Aussicht auf Beÿsammensein u würde es
uns auch zu Theil, welche Ringe fehlen aus der Blumenkette! Caroline, Julius
, Max!
Wilhelm, schlimmer, als todt, ich vereinsamt, ein abgelaubter Stamm auf dürrem Sand!
Gruft an Gruft um mich her, so ausgeraubt mein Innres, daß nicht einmahl
die Erinnerung sie mir alle nennt! Wenn ich nur an den Dresdner Kreis
denke!
Loeben, Malsburg, Charlotte u Friederike Oelsen, Kind, Weber L. Herrmann,
dessen theure gute Mutter, diese Alle hat seit 1824 der Tod dahingerafft, u
nun auch meine geliebte Gräfin Jaraczewska! Früher unser Jean Paul!
Ich selbst erstehe nur erst aus einer martervollen sechsmonathlichen Krankheit,
der Gichtschärfe zu Grund lag, diese Schärfe eben, die mir längst schon zu schaffen
gemacht mir durch eine Reihe von Jammerjahren Seelen- u Herzensfoltern, und
durch unvorsichtige Lebensweise in Nahrungsmitteln giftig geworden. Ich habe
sie durch lindernde Mittel, vor Allem durch Wasser überwunden, ihre
höchst bedenklichen Ausbrüche aber sind nun endlich durch die unver-
gleichl.
mild und kräftig einwirkenden Segensquellen Badens geheilt
Von meinem unvergesslichen Max habe ich den Trost solche Kunden zu
empfangen, die mir den Beweis geben, daß seine Seele mich treu u besorgt
umschwebt. Am 14 Dez. 1846 gieng Er in ein besseres Dasein über, sein erstes
Zeichen gab er 18 Dez. früh um 9 in Anwesenheit Wilhelms u noch zweier
Personen u seitdem sehr oft zeigte er sich wieder, auch an mehrern andern Orten,
ein Andermahl mehr von diesen unbegreiflichen Dingen. Öfters hat er mich
vor Gefahren, oefters vor Schritten, die mich in Schaden gebracht hätten,
geschützt. Mehrere Male sind durch Ihn die wunderbarsten Sachen, wie
durch Menschenhand
verrichtet, geschehn; u wenn ich nicht wahrhaft, nicht
redlich u nicht vollkommen bei Sinnen wäre, zugleich auch nicht Zeugen hätte,
so könnte sie mir kein Mensch glauben.
An längst begonnenen Werken arbeite ich so oft es mein Kummer,
meine Kränklichkeit verstattet. Seit ich hier in dieser herrlichen selbst
im Winter von den Düften der Tannen u Fichtenwaldungen auf den Berg
abhängen durchwürzten Luft lebe u die Bäder besuche, fange ich an,
wieder einige Kräfte zu gewinnen. Lassen Sie mich nun von sich und den Ihrigen
hören, es ist Gewissenssache, sind Sie unaufgelegt zum schreiben, so wird jawohl
Tochter oder Sohn
eine kleine Stunde für eine Grosmutter haben! Ich selbst hätte

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schon längst geschrieben, u meine Seele schrieb zu jeder Stunde
aber ich war zu traurig, die Zeit hat etwas von dieser Trauer
gemildert, nun kann ich wieder, ich wüsste nirgend so gern
hin, Sie sind das Liebste, was ich hienieden noch weiß und habe,
denn in Niemand hab ich ein so grundredliches, schönes
Herz, vereint mit so vielen andern Eigenschaften erfunden,
nur Jenseits habe ich noch Einige, Ihnen gleich.
9 Januar.
Ich mußte gestern aufhören, nur frühmogens und Abends habe ich Stimmung
u Muße zum Schreiben. Es ist entsetzlich was ich in meiner Krankheit
für eine Masse schlechter Bücher eingeschluckt, nur Arzeneien nicht,
blos viel frisches Wasser, das half!
Seit Mitte Oktober, wo ich hier in Baden bin, habe ich viel von meinen
Erlebnissen jemanden in die Feder diktirt, die ich, wenn Alles beisammen, noch
einmahl durchfeilen werde – Mir kommt viel Niedergeschriebnes zu Hülfe
die zurückerhaltnen Briefe an Chézy – 1810 – 1832 – an Malsburg 1817 – 1825.
An Loeben 1814 – 1817. An Chamisso 1809 – 1814. An meinen Max, eine
Reise von Jahren hindurch, er war oft abwesend, u lange. An Wilhelm
auch sehr viele zwischen 25–1832 u fernere, u. v. A. auch unabgeschickt.
Alle diese habe ich noch unbenutzt gelassen, ich will das Werk benennen.
Frische Lebensbilder aus jung alten und neuen Tagen
von 1722 – bis auf heute

Es liegt mir schönes Material in Briefen von meiner Grosmutter
und an ihre Freunde, u in Mittheilungen von meinem so
geistreichen 78jährigen, lebensfrischen Bruder vor. Auch will
ich den Geist aus meinen früheren Erzeugnissen, z.B. über
Frankreich ausziehen, es wird ein schönes Buch, bei dessen
Reichhaltigkeit der Stoffe ich nur Sorge haben muß um
Beschränktheit, Kürze! Eben fällt es mir ein, Theurer!

Seite „80r“

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ist auf der königl. Bibliothek die vollständige Sammlung von London
u Paris von 1805 – 1815
vorhanden (Weymar bei Bertuch)
u von denselben Jahren das Journal d. Luxus u der Moden

späterhin genannt Journal für Litteratur, Kunst, Luxus und Mode?
Ist die Schmidtsche Leihbibl.
noch beisammen? (Morizstraße)
Ich glaube Ihnen, Lieber, schon geklagt zu haben, daß
die schöne Adelheid Reinboldt, die viel zu Tieck
kam, so ungeschickt, unbeholfen war, Sie! Sie
in Dresden nicht auffinden zu wissen, und so eigen-
mächtig meinen kleinen, aber gehaltreichen Brief
an Sie, zu verbrennen! Nun, Friede mit ihrem
Geist, sie war ein schönes, begabtes Wesen.
Als mein Max noch lebte, habe ich mich (1843)
mit dem Persischen Nachlaß seines Vaters
beschäftigt allein seit jenem Jahre wurde
ich durch namenlose rastlose Herzens
foltern so entkräftet, daß ich dies u
Alles liegen lassen mußte. Wenn
wir Ruhe behalten – ach! dies wenn ist das zweifelhafteste, das
jemals auf Erden erklungen u höhnisch die Hoffnung
angegrinst hat – wenn also, so wird die Lesewelt noch durch
meine Feder überrascht werden, denn, meine Lieder ausgenommen,
die bleiben werden, wenn auch Adelbert Chamisso 1810 über
mich urtheilte: sie ist liederreich – keine Dichterin
 – und noch
die Emma
ausgenommen – die Tieck für mein bestes Werk
1822 hielt, ist nichts, was dem Vorliegenden zu vergleichen
wäre, von mir erschienen, ein andermahl mehr davon. Ich
erwarte jetzt sehnlichst einen Brief von meinem herrlichen
Kraukling! Wie gehts Ihren Kindern? Wissen Sie von Anton>
Dietrich?
von Kadens
? Von Therese Winckell?
Herzlichsten Liebesgruß! Heitre Sonnen! Frieden auf Erden!
u. immer dar: Ehre Gott in der Höhe! Helmina. Adresse im Gemeinderath Mazzenauerschen Hause Baden Baden.

Seite „80v“

[Helmina von Chézy]Verzeihen Sie mir, Lieber! die
Bitte, die Inlage Franko auf die
Post zu geben.
Des Wohlgebornen Herrn
Herrn Königl. Oberhofbi-
bliothekar
C. K. Kraukling
Dresden