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Brief von Charlotte von Ahlefeld an Helmina von Chézy

Hamburg, 16. Oktober 1821
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 1 Ahlefeld Charlotte von, Bl. 17-18 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Charlotte von Ahlefeld
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
16. Oktober 1821
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 115 mm; Höhe: 180 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

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[Karl August Varnhagen]Charlotte von Ahlefeldt
an Fr. von Chézy.
Hamburg den 16ten Oct. 21.
Es liegt vielleicht in der menschlichen
Natur, daß wir unsere frohen, fried-
lichen Gefühle weniger eifrig mit
theilen als die trüben, weil sie
leichter zu tragen, süßer im Herzen
zu beherbergen bin. Deshalb habe
ich auch, gedrängt durch so manche
Geschäfte, immer gezögert, Ihnen
zu schreiben, meine theure Helmina,
aber in Gedanken habe ich Ihnen
oft schon gesagt, wie beruhigt
meine Seele nun ist, und wie
freundlich und milde sich alles
aufgelöst hat. Nur die Nichts-
würdigkeit einer so genannten
Freundin hatte mir so viel
Kummer bereitet; Gott sei Dank
alles ist beßer, als ich Sie ahnen
lassen konnte; und ich wäre nun
gern geblieben, wenn nicht die

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Vernunft mir sagte, das jezt der
schönste Zeitpunkt sei, ein Ver-
hältnis in andere Formen zu
bringen, das doch nie vollkommen
glüklich geworden wäre. Auch
hatt’ ich schon zu viele Schritte
zu meiner Versezzung nach Wei-
mar
gethan, um dies alles
wieder ab zu ändern. Doch
jezt ist nicht der Augenblik
alles dies auseinander zu
sezzen; dies kann blos münd-
lich geschehen, wenn wir uns
dereinst, ich hoffe bald, und
heiter wieder sehn.
Ich bin hier mit meinem
Mann u Kindern, und werde
noch wohl etwas länger im
Hause des englischen Mini-

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sters v. Mellish bleiben, dessen
Frau meine Verwandte ist.

So gern ich früher reiste, so
hab ich doch schon 14 Tage ver-
sprechen müßen zu bleiben. Die
große Vornehmheit des Tees
im diplomatischen Circel ist
mir nicht bequem, und die
Lebensweise (um ½ 6 Abends
geht man zum Mittagstisch)
sagt mir auch eben nicht zu.
Sonst sind sehr artige Leute
in diesem Kreise, und das Ge-
wühl einer so großen Stadt
unterhaltend. Gerne suchte ich
Ihren guten Vater auf, aber ich
bin so entsezlich genirt. Das
Gehen wird nicht gelitten, obgleich
ich es doch am liebsten mag, weil
bei’m Fahren werde ich immer

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begleitet. Wenn er doch zu mir
kommen könnte. Ich will sehr,
daß ich ihm im ein paar Worte
schreiben kann. Doch nun nichts
mehr; mein Sohn, der diese
Zeilen bis Tharand mit nimmt
muß fort. In 14 Tagen reise
ich bestimmt. Wollen Sie mir
dann nach Weimar schreiben
blos unter der Addresse meines
Namens, so wird es mich herzlich
freuen. Wie gehts Wilhelm
und Max, und führt sich
Friederike gut auf? Was
macht Babet? Alles intressirt
mich, bis auf den Hund des
Herrn Calberla, mir merk-
würdig wie der Hund von Aubry.
Schreiben Sie bald Ihrer treuen
ChA.