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Brief von Charlotte von Ahlefeld an Helmina von Chézy

Schleswig, 20. Dezember 1819
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 1 Ahlefeld Charlotte von, Bl. 7-8 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Charlotte von Ahlefeld
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
20. Dezember 1819
Absendeort
Schleswig
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 130 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

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[Karl August Varnhagen]Charlotte von Ahlefeld
geb. von Seebach
an Fr. von Chézy.
Schleswig den 20sten Dec. 19.
Von einem Brief unserer guten Fannӱ begleitet

erhielt ich den Ihrigen, meine theure Helmina,

und konnte mit Wahrheit sagen, als der
eine sich aus dem anderen entwikkel-
te: liebliche Hülse, lieblicher Kern!
Wie schön ist es doch, daß man der weite-
sten Ferne zum Trotz sich die Hand
reichen, und sein Leben als ein fort-
schreitendes Gemälde vor dem Auge
der Entfernten, die man liebt, auf-
rollen kann. Kämen Briefe nicht zuweilen
wie gute Geister der Liebe und Treue und ei-
ner schönen Vergangenheit – ich würde
mir recht eingeschneӱt an dieser rauhen
Meeresküste vorkommen, wo mir bei dem
was ich besitze doch noch so vieles zu wün-
schen übrig bleibt. Das gesellige Leben zum
Beispiel ist kalt und schroff wie die Eis-
zakken, die der frierende Ostwind formt.
Ein wenig Geklätsch, ein wenig Verläumdung,
Kartenspiel und die materiellen Genüsse
des Schmausens bei einer Verlängerung
des Abends bis in den grauenden Mor-
gen hinein – daß ist es, was hier die Gesell-
schaft bietet. Wie wenig dies ein Gemüth be-

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friedigen kann, das Beßeres kannte, und folglich
sich ewig nach diesem Beßeren sehnt, spricht
sich schon von selbst aus. Wenn ich es zu-
weilen nicht vermeiden kann, an solchen
Circeln theil zu nehmen, verlangt doch mei-
ne ganze Seele nach der freundlichen
Tafelrunde eines Sächsischen Theetisches, wo
oft mehr geistreiches und heiteres an einem
Abend gesprochen wird, als man hier im
ganzen Jahr nur mühsam erspähte Wei-
zenkörner unter vielem Spreu findet.
Da haben Sie denn mit einem mahl eine
Jeremiade, die zu gleicher Zeit der Schatten
riß meines Lebens ist. Lassen Sie das fröh-
lichere Licht, das Ihrem Wege schimmert,
recht bald durch Mittheilung auch den meini-
gen erhellen, und sagen Sie mir recht
viel über sich und Ihre Kinder und Freunde
daß der Nachhall Ihrer Genüße in mein
trocknes Alltagsleben herüber töne. Recht
viel frohe Stunden hat mir bereits Ihre
liebe Gabe gemacht, – und manches der Lieder
als zum Beispiel das Lied der Lerche,
Im Tod
erquickt,
St. Johannes und das Würmlein
– und noch
mehrere andere, die die drängende Zeit mir
nicht einzeln anzuführen erlaubt, hat mein

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Gedächtnis wie einen lieben Schaz sich angeeig-
net, den es vom innersten Gemüth aufge-
faßt immer mit sich umher trägt. Wie
geht es Ihnen mit Hilscher? Hält er
Wort und findet sein Blatt Beifall und
Abgang? Hieher an die Ostsee hat es sich
noch nicht verirrt.
Aber nun nichts mehr, als die herzliche
Bitte um Ihr liebevolles Andenken, und
ein baldiges Zeichen davon. Baron Bielf.

meinen freundlichsten Gruß. Von meiner
guten Gensiken habe ich lange, lange nichts
gehört. Sie ist doch wohl? –
Möge das neue Jahr, das in wenig Tagen
uns beginnt, nur Liebes und Gutes in seinem
Gefolge mit sich führen. Innerer Friede
u ein wenig Freude – das ist doch
wohl nicht zu viel vom Schiksal verlangt?
Hoffungsvoll sehe ich nun bald der
Post entgegen und erwarte, daß sie mir
Nachricht von Ihnen bringen soll. Lassen
Sie mich nicht vergeblich nach ihr ausschauen Ihre treue Charlotte v A.

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14.
Ihro hochwohlgeb.
der Frau Helmina von Chézÿ,
geb. von Klenke,
in