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Brief von Amalia Schoppe an Rosa Maria Assing

Burg auf Fehmarn, 23.–30. November 1814
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 73–74 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
Rosa Maria Assing
Datierung
30. November 1814
Absendeort
Burg auf Fehmarn
Empfangsort
Hamburg
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 190 mm; Höhe: 230 mm
Foliierung
Foliierung mit Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Erstdruck: Thomsen, S. 106–109.

Seite „73r“

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Assing
Burg Insel Fehmarn den 23ten Nov. 1814.

Theure süße Rosa!

Der Morgen steigt freundlich empor, noch nicht über beschneite Flächen, die dem Aug
mir so widrig sind, nein, noch über den offnen Busen des Meers und der Erde –
in meinem Herzen ist Ruhe, Liebe und Wonne, und ich will Dir einen freundli-
chen Morgengruß bringen: guten Morgen also, liebe, treue Rosa!
Sonntag hatte ich einen Brief von Schuppe – er bittet mich darin, Dich ihm zu ver-
söhnen, indem sein Herz das Bedürfniß fühlt, Dir freundlich nahe zu stehn. Er er-
kennt wie sehr er Dir Unrecht gethan, wie er Dich so ganz falsch beurtheilt, und bittet
Dich, die Achtung die er Dir jetzt mit ganz aufrichtigem Herzen zollt, nicht kalt zurück
zu weisen, und die Reue eines gebesserten und gereinigten Herzens gegen Dich
für das Zeichen der Besserung zu nehmen.

Soweit geht mein Auftrag von ihm an Dich – ich füge meine Bitten zu den seinigen, und
flehe Dich um die Erwiedrung seiner freundlichen Gesinnungen an, weil es mir wohl
thut, Das sich lieben und achten zu sehn, was meinem Herzen so unendlich theuer und
werth ist. S. verdient jetzt meine ganze Achtung – ich kann es nicht bereuen seinen Namen
zu führen, da ich sicher bin, daß er der achtungswürdigste Mann dieses Namens ist.
Seine Reue in Hinsicht auf die Vergangenheit ist so lebhaft und rein, daß mein Herz ihm
alle Schmerzen die es durch ihn duldete, vergiebt, besonders da sein Bestreben, Alles wieder
zu vertilgen und gut zu machen, so sichtbar und ohne Zweifel ist. Er unterwift sich
jeder Bedingung die ich für meine Zukunft, und für die meines Adelbert mache, er
hat mir geschworen, sich mir ohne meine Erlaubniß nicht wieder zu nahen, und so lan-
ge ich lebe, allen Ansprüchen auf Adelbert entsagt, er fühlt, daß er nicht würdig meines
Besitzes sei, nachdem er mir das Kleinod meines Lebens frevelhaft raubte, nachdem
er mich zu seiner Gattinn, zur Mutter machte, ohne daß ich mich ihm in Liebe hingab –
Nur die ganz wiedererrungne Achtung und Liebe wird mich bewegen können, ganz sein
zu werden, und ihm die Rechte zu gestatten, die er durch die Verbindung mit mir rechtlich
erlangte, und ich wünsche so lange zu leben, daß ich mit fester Ueberzeugung mich ihm an-
vertrauen kann und er mit meiner Bewilligung sich ganz seiner Verbindung mit mir
erfreue. Seine Briefe hauchen die höchste Liebe, die innigste Sehnsucht nach mir aus – er ist
noch ganz Liebhaber, ganz feuriger hoffender Liebhaber – darf ich nicht erwarten, daß die
Liebe und Hoffnung, diese beiden Angelsterne des Lebens, ihn ganz bessern? – – –
Wähne mich nicht schwach, meine Theure! gewiß sind meine Entschlüsse in Hinsicht S’s unwan-
delbar, ich habe es mir heilig zugesagt, ihn wenigstens noch zwei Jahre von jetzt an von mir
zu verbannen, und ihn in der Zeit genau beobachten zu lassen; lebe ich dann noch und
ist sein Gefühl für mich noch eben so lebhaft, hat er sich als gut bewährt, so werde ich ihm
die Freuden und Genüsse der Liebe zu mir und seinem Kinde nicht mehr versagen, sondern
mir von Dir und ihm die Augen schließen lassen. – – Alle meine Bekannte nennen
mich hart und grausam, daß ich meinen Gatten dazu verdamme fern von mir zu leben,
da ich ihm hier eine angenehme und anständige Existenz schaffen könnte – aber Du, mei-
ne Rosa, wirst gerecht es finden, daß ich auch endlich einmal mir und der Ruhe leben
will, da ich bisher nur dem Schmerze lebte, den Er mir bereitet hatte.

Seite „73v“

Um ganz sein versöhntes Herz gegen Dich zu zeigen, hat er sich mahlen lassen, mit einem Briefe
in der Hand, worauf Adalbert, Amalia und Burg stehen, im Hintergrunde ein Repositorium,
mit Büchern, wo unter andern auch unser Dichterwald
zu sehen ist, worin wir ja, wie er sagt,
uns innig mit allen unsern Freunden vereinigt haben.

Freitag Morgen halb 7.

Noch muß die gesellige Flamme des Lichts mir dienen, daß ich die eignen Züge der Hand sehe, aber es
ist doch so lieb und traut um mich her, daß ich den innern Trieb fühle, mich Dir ein halbes Stündchen liebend
zu nahen. Du, meine Einzige, ruhst gewiß noch im Arme des Traumgottes, der seine lieblichsten Gestalten
möge an Dir vorüber schweben lassen!
Diese gänzliche Abgeschiedenheit von allen lieben Freunden, dieses stete Alleinsein ruft mir das theu-
re Bild der Meinigen immer vor die Augen, ja ich glaube die Sehnsucht würde mich wirklich tödten
wenn ich nicht 12 Stunden jeden Tag sehr ernstlich beschäftigt wäre, und diese spannen mich dann so
ab, daß ich zu einem Buche meine Zuflucht nehmen muß, um mich einigermaßen zu erholen.

Liebenswürdige Menschen fand ich in Menge, aber es fehlt uns gegenseitig an Beziehungen
aufeinander, und wir können uns nur eine Gegenwart zubringen, da die Kraft der Dar-
stellung und der Wunsch und das Bedürfniß der Mittheilung in uns erloschen ist. Was hat
aber die Gegenwart für einen Zauber als den der Ruhe – und ist Ruhe nicht Tod? –
So gewiß es ist, daß nur die Ferne etwas Ahnungsvolles hat, und daß die klare Aufgedeck-
theit der Nähe uns ermüdet und unwillig macht, so gewiß ist es auch, daß Menschen sich er-
müden müssen, die nur für die Gegenwart mit einander leben. –
Meine Freundin Lucÿ nehme ich aus, denn die ist so voll guten Humors daß man wie bei
einem guten Lustspiel Alles vergißt für den Augenblick und sich dem Lachen überläßt. –
Meine Kinder
kommen, guten Morgen! – –

den 30sten Nov, Mittwoch
Abend!

Ich muß Dir von einer sonderbaren Wahnsinnigen, die mir begegnet ist, erzählen.
Ein junges Mädchen kommt zu einem reichen alten Manne, den man seiner Reichthü-
mer wegen den König von Fehmarn nennt, und der auf seinem Freigütchen, ohne
Frau, Kinder, Verwandte und Erben die ihm einigermaßen nahe sind, hauset.
Das Mädchen dient ihm viele Jahre mit großem Eifer und seltner Treue viele Jahre
lang, bis sichs einmal trifft, daß der alte Herr mit diesem Mädchen und mehre-
ren Knechten und Mädchen auf dem Hofe steht, wo eben sein Reitpferd vorbei-
geführt wird. Anna, sagt er, sich gegen die Haushälterin wendend, du giltst
ja überall für eine große Rechnerinn, aber das würdest du nimmer heraus
bringen, wie viel es ausmacht, wenn du die Hufnägel meines Pferdes stets
verdoppelst, so: der erste ein, der zweite zwei, der dritte vier, der vierte acht,
der fünfte sechzehn, etc. etc. – Das Mädchen betheuert, daß ihr das eine Klei-
nigkeit sei, und der Alte dagegen streitend, verheißt ihr 10,000 Thaler aus sei-
ner Erbschaft, wenn sie es herausbringt. Von diesem Augenblick an denkt das
Mädchen an nichts anders, als die Hufnägel zu multipliciren, und in zwei Jahren
hat sie dreimal dasselbe Resultat, so daß sie endlich sicher ist, die richtige Zahl
gefunden zu haben. Erfreut läuft sie zum Alten, und da der ungläubig den
Kopf schüttelt, aber endlich, durch die Algebra, die hier jeder Knabe lernt,
herausbringt, daß die Zahl richtig sei. – Jetzt verspricht er sein Wort zu hal-
ten, und ihr die Summe im Testamente zu vermachen, das Mädchen aber
schwimmt in Wonne, denn nun ist sie im Stande ihren Wünschen in Hinsicht
eines jungen Menschen, der sie, und den sie liebte zu folgen, und sie setzen
den Tag ihrer Verbindung fest. Darüber stirbt der Alte, und zwar so schnell,
daß er kein Testament machen konnte, und das Mädchen sieht sich plötzlich aus

Seite „74r“

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ihren Reichthumsträumen aufgeschreckt. Um ihre Verzweiflung zu vermehren, wird
ihr Geliebter, der sie vorher ganz ohne Eigennutz liebte, jetzt aber die Idee lieb gewonnen hat,
eine reiche Frau zu nehmen, kalt gegen sie, und da ihr einige Versuche fehl schlagen, ihre
Ansprüche, einen Theils des Vermögens zu erhalten, geltend zu machen, verläßt er sie ganz,
und heirathet ein andres wohlhabendes Mädchen. An dem Hochzeittage ihres ehemaligen
Geliebten, zeigten sich deutliche Spuren des Wahnsinns, und dieser hat sie von dem Au-
genblick an nie wieder verlassen. Sie zählt jetzt immer, und sagt dann traurig da-
zwischen: Hätte ich nur das Meinige, so würde er mich wohl nehmen – so aber – so! –
Zu allen Advokaten läuft sie hin, ihre gerechte Sache durchzufechten, und wirklich hat
es mein Onkel dahin gebracht, daß ihr die Erben jährlich eine kleine Summe auszah-
len müssen, wovon sie mit Hülfe ihrer Hände, denn sie spinnt und strickt, noth-
dürftig leben kann. –

Diese einfache kleine Geschichte wird Dich rühren, wie sie mich rührte – es bewegt mich
jedesmal daß ich sie sehe; was ist wohl fürchterlicher, als ein unglüklicher Wahnsinn, denn
über diesen vermag auch nicht einmal die heilende Hand der Zeit etwas, wie über
die Schmerzen des wachen und besonnenen Lebens. Es ist fürchterlich, so ein rastloses
unnützes Streben nach einem unerreichbaren Dinge, so eine nie zu erfüllende Hoff-
nung, denn wenn selbst die Erben das Geld heraus gäben, so wäre ihr nicht mehr
zu helfen, weil der Mann ihrer Liebe schon längst todt ist, überdieß schon verheira-
thet war. –

Ich lege Dir einige Liedchen bei,
so viel mir Zeit und Augen, an denen ich beidn leide,
abzuschreiben erlauben. Mein Dichtergenie – wenn ich je eins hatte, geht in der vielen
Prosa der Arbeit unter, auch gestehe ich, daß ich mich herzlich nach einer Erleichterung
und einem bessern Clima sehne, obgleich ich diese fast ungeheurn Geschäfte – –
denke Dir, daß ich fast jeden Tag 12 Stunden arbeite – mit vieler Freudigkeit
übernehme. Jeden Morgen um 6, jetzt im Winter, bin ich auf, und im Sommer
um vier, weil ich dann um zwei Stunden früher anfange. Ich habe es mir
auch so ausgedacht, daß wenn ich noch lebe wenn Du A. heirathest, und wie natürlich
Deine Anstalt aufgiebst, ich Deine Nachfolgerinn werde, wozu Du gewiß freundlich
die Hände biethest – so will ich Dich noch bei Deinem Leben beerben, und ich werde
dann sicher ein lachender Erbe, weil ich dadurch des Glücks mich freue, mit Dir an
Einem Orte zu leben, und mich ungestört Deiner Liebe, Deiner köstlichen, über Alles
theuren Liebe, zu überlassen, und ihr zu leben. Dann werde ich mich noch den letzten
flüchtigen Minuten des Daseins mit Wonne hingeben – aber wird die Sanduhr
nicht zerrinnen ehe der Traum ins wache Leben übertritt? Dann, meine Rosa,
wird sichs nicht auch süß und heimlich unter den Linden dieses Kirchhofs ruhen?
werde ich in der wunden Brust es mehr fühlen, wie jetzt im Leben, wenn der
rauhe feuchte Ost die Zweige gewaltiger schüttelt, als weiter im Süden? –

Drüben – ich bin in Lucie’s Zimmer, indem ich Dir schreibe, liest der Probst den Ring

von Fouqué vor, und Alles ist entzückt; ich nehme heute das Taschenbuch für Frau-
en
von eben demselben mit nach Haus, um im Bette zu lesen, und mich daran
zu laben. Das eben angekündigte Heldengedicht, Corona,
steht auch schon auf der
Liste unsrer Bücher; Du siehst also, daß wir nicht weit zurück sind, und brauchst uns
nicht Kleinstädter zu schelten. –

Jetzt meine Rosa, will ich die lange, langweilige Epistel schließen, in der fast gar
kein Zusammenhang ist, fast wie in meinem Leben, wo jedes Jahr ein abgerißner
Theil aus irgend einem fremden ist; nur der rothe Ottilienfaden, die Liebe zu Dir
läuft durch alle, und so und dadurch gehören sie wohl doch zusammen.
Schreibe doch bald! Deine Briefe sind wahre Beruhigung, der Balsam meines Lebens.

Dein auf ewig: Amalia.
Thu mir zu Gefallen, nicht Etwas, sondern
Alles von Franz Horn zu lesen; auch Fouqué hat den Edelstein entdeckt, der mit gewaltigem
Lichte flimmern wird, und den ich bisher alleine, glaub ich, kannte, und erkannte. –

Seite „74v“