DE | EN

Brief von Amalia Schoppe an Rosa Maria Assing

Burg auf Fehmarn, 19.–28. Dezember 1815
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 82-83 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
Rosa Maria Assing
Datierung
28. Dezember 1815
Absendeort
Burg auf Fehmarn
Empfangsort
Hamburg
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 195 mm; Höhe: 230 mm
Foliierung
Foliierung mit Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Thomsen, S. 116–119.

Seite „82r“

82

Assing
Burg auf Fehmarn d. 19ten Dec.
1815.


Endlich! endlich! jubelte Deine Amalia dem erstaunten Briefträger entgegen, und hielt den
Brief hoch empor – und wie das Gute selten allein kömmt, so war Dein Brief von der lang- und
heißersehnten Corona,
begleitet – wie könnte ich Dir die Freude danken wollen? Du wirst sie ja
fühlen, und den Liebeskuß holdseelig erwiedern. O liebe Rosa, wie ist unser Fouqué doch so herrlich!
Vor einigen Tagen erst las ich in einem Taschenbuche ein kleines Stück – der Kampf um Frau Tornhild,

eine isländische Sage, vom ihm, und war ganz bezaubert – ich las nie etwas das mir Mark und
Bein so durchschauerte und mit wollustvollem Grausen erfüllte – um mit dem Dichter zu reden. –
Aber recht betrübt stehe ich vor dem bunten Garten der Dichtkunst, und schaue durch das Gitter nach all den
lieben Gärtnern, die darin pflanzen, säen und pflücken, und darf kein kleines grünes Sträuchlein
darin pflanzen, weil die leidige Prosa so kalt und eisern davorsteht.
Viel ist mit Kraft, Lust und Liebe begonnen, das mir Deinen Beifall – das theuerste wornach ich strebe –
verschaffen würde, und ich kanns nicht vollenden. Hertha
ist halb fertig mit vielen Liedern, die drei
Schwäne
lauern auf zwei letzte Gesänge und eine Geschichte in Briefen im Beginnen, aber ich muß
wie ein Fabrik-Pferd im ewigen Geschäftskreise traben, und all das vielgeliebte nur ahnen, nicht
berühren. Drucken sollte ich etwas lassen haben? ach liebe Rosa, froh bin ich, wenn mich all die Arbeit
nur nicht erdrückt, und denken darf ich weiter eben nichts als A. B. C. und wie groß ist Asien? Wann
lebte Alfred? und so weiter, so weiter!!!
Dazu lebte ich in der letzten Zeit sehr in Angst um meinen süßen Jungen, der sich eine Schüssel mit brü-
hend heißer Suppe in den Busen riß, wodurch in der Herzgrube ein Loch entstand, das eine fingerlan-
ge Narbe zurückläßt – was das arme Geschöpf, was seine Mutter litt, kannst Du denken!
Wenn ich weinte beim Verbande der gräßlichen Wunde, trocknete mir der kleine Engel die Augen,
und sagte: „Nicht weinen, Mutter, es thut Carl nicht weh!“ Wie ein Held betrug er sich, während
der 3 Wochen, da seine Wunde offen war, nur bei mir schlafen muß er seit der Zeit vor 6 Uhr
des Morgens, wo er im Dunckeln aus seinem Bettchen in meines steigt, bis um 7, wo ich auf-
stehe. Habe ich vergessen ihn zu küssen, ehe ich von ihm gehe, so ißt und trinkt er nicht, bis ich daran
denke. Seltsam ist er überhaupt, der süße himmlische Junge, aber ein so liebes gutes und kräf-
tiges Wesen, daß Alles ihn hier fast vergöttert. Sein Organ ist ganz besonders schmeichelnd und
wohlklingend, seine Sprache rein und drollig, und sein Gesicht der Ausdruck des allerhöchsten
Lebens und der kräftigsten Originalität. Alle Gegenstände nennt und erkennt er, allen
Personen merkt er eine Eigenthümlichkeit ab, der er sich fügt, und hat ein wunderbares
Gedächtniß: o wie würde der Junge Dich erfreun und anziehn! –
Gestern fielen sehr große Schneeflocken, da zog er mich ans Fenster und rief: Sieh Mutter,
lauter kleine Dutjes – Dutje nennt er nämlich eine schöne schneeweiße Taube, die ganz
zahm ist, und mit der er häufig spielt. Die Sterne nennt er kleine niedliche Monde,
das große Meer eine große große Suppe; die Justitsräthinn Tite, und einen kleinen
Knaben der Karl heißt nie anders als Fritz – welcher Name wirklich viel besser für
diesen passt, da er für sein Alter sehr klein und mager ist. –

Seite „82v“

den Mittwoch nach Weihnachten.

Ein offner Brief und ein offner Sarg sind nicht gut im Hause, es kömmt nichts Erfreuliches
hinein. So war Deine Amalia auch das Fest über krank und hütete das Bette, sonst wäre
mein Schreiben schon am Sonntage abgegangen, und in der That fühle ich mich noch so matt,
daß die Buchstaben vor mir tanzen und alle Gedanken auch.
Außer diesem Zufalle ist es mir innerlich wohl und angenehm und kein Mißton vorhan-
den; alle Gestalten bewegen sich frei und schön vor mir, nur nicht der Schnee, der mir tödt-
lich zuwider ist. –
Viel habe ich während meiner Krankheit über Deinen Vorschlag in Hinsicht der Ueber-
nahme Deiner Anstalt
zum Sommer nachgedacht, und was ich mir auch für meine
gegenwärtige Lage sagen muß, so schwebt der Wunsch in Deiner und vieler lieben
Freunde Nähe zu leben, oben voran. Denn was das innere Leben auch giebt und geben
kann, so bedarf der Geist sowie das Herz der äußern Anregung um erweckt
zu werden. Zwar sind mir Frühling und Blüthen vielliebe Gefährten und Freunde,
aber schöner gehen mir beide in geliebter Nähe auf, auch scheint es mir immer, als
wäre ich verbannt von Euch – und bin es doch wohl nicht? –
Freilich bin ich es meinem Jungen schuldig ihm wieder eine gute anständige Lage
zu geben, und sollte es Dir nicht möglich sein, mir die zu sichern und auszumit-
teln, so müßte freilich die Sehnsucht nach Dir und allem Schönen und Herrlichen
hinter die theure Pflicht für mein Kind treten.
Wenig bedarf ich, und zur Arbeit bin ich sehr rüstig und aufgelegt, ja sie
ist meinem Leben das erste Bedürfniß.
Unterrichten kann ich in vielen Dingen selbst; so würde ich mir selbst Geschichte,
Geographie, Naturgeschichte, Naturlehre und die gewöhnlichern Dinge nicht neh-
men lassen, worin ich – Dir darf ich es ohne Erröthen gestehn, was ich aus
Furcht unbescheiden zu erscheinen keinem Andern sagen würde – nicht
Gemeine Uebung und Kenntnisse besitze.
In dieser Abgezogenheit und Einsamkeit habe ich sehr viel für meine wissent-
schaftliche Ausbildung gethan, und allein über Geschichte mehr den 200
Bogen geschrieben, die mir beim Unterricht gute Dienste leisteten,
weil ich sie zusammenhängend und mündlich vortrug.
In der Geographie leisteten meine Kleinen beim Examen, welches ich anstellte,
beinahe Wunder, weil ich von dem gewöhnlichen Schlendrian abging und
nach einer eigen erfundnen Art unterrichtete, wobei nicht einzelne Theile
der Erde, sondern das große Ganze ihnen vorschwebt. –

Seite „83r“

83

Deine Bekanntschaft mit Minna Bertheau freut und ängstet mich – so wie ich die Frau
beneide und bedaure – es mag doch manche große gewaltige Lücke in ihrem
Leben und Herzen sein – auch ist ersteres ohne jene schöne heilige Thätigkeit
nichts, und die geht ihr ganz ab. So eine Frau gleicht dem Monde bei Tage –
eine Nacht kann sie nicht erhellen, wohl aber eine Sonnenfinsterniß bewir-
ken. Und was sind alle Theorien des Lebens ohne Ausübung? welche Pflichten
hat sie erfüllt, was hat sie für ein Menschenherz gethan, diese Frau?
Sehr kühn bin ich, da zu tadeln, wo eine Rosa liebt und bewundert, aber ich will
Dich zwingen mich zu belehren, denn könnte diese Frau bei Dir gelten, so
müßte ich alles über den Haufen werfen, was ich aus dem Leben lernte. –
Nach allen Veränderungen in meinem Innern steht diese Ueberzeugung, daß näm-
lich ein heitres Wirken in der Welt der Zweck unsers Daseins sei, lebendig und
fest vor mir – was? und wie? gewirkt wird, ist nun wohl gleich, ob im häus-
lichen Kreise, oder durch noch geringere Dinge, oder im Staate, oder durch
reine kräftige Liebe. – Aber so sorg- und gedankenlos hinzuleben und nicht
zu fühlen, daß wir ewig an einer großen Schuld abzutragen haben – – –
nein Rosa, das erfüllt mich allemal mit Sorge und Noth. –
Was Du dagegen über Schuppe schreibst ist sehr wahr, auch werde ich nie einwilligen,
ihm mein Schiksal anzuvertraun, und einer liebenden Uebereilung bin ich nicht
fähig, da mein Herz ganz frei ist. –
Zum heiligen Christ bin ich sehr artig beschenkt worden, und besonders mit Kuchen,
Pfeffernüssen und allen erdenklichen Leckerreien so überhäuft, daß ich gerne
eine Gelegenheit haben möchte, Dir einen Korb zu schicken der dergleichen ent-
hielte. Die Leute wissen überhaupt nicht, wie gut sie gegen mich sein wollen.

Donnerstag Morgen.
Nun nur noch einige Worte zum Schlusse, vieltheure Rosa, denn wirklich haben mich gestern
vorstehende Zeilen ziemlich gestern angestrengt, so daß ich heute nicht ans Schreiben
denken darf. Ich bitte Dich sehr, meine Theure, mir über den Plan bei Dir
in H. zu leben recht schnell zu antworten, und Deine Meinung zu sagen, denn
allerdings bin ich den guten Menschen hier es schuldig sie nicht mit meiner Abrei-
se zu überraschen. O liebe Rosa, was würde das mit uns ein Leben werden! –
Grüß mir den sehr geliebten Assur tausend-tausendmal! Wie bin ich Euch doch
so von ganzer Seele gut! – Mein Junge küßt Dich und ihn, und
seine Mutter liebt Euch unendlich.

Ewig Deine A.

Seite „83v“

Dem Fräulein Rosa Maria Varnhagen, Wohlgeb.

Erste Marienstraße Nor 150.

zu

Hamburg.