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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

[Minden], [5.] April 1849
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 88 Hohenhausen Elise von, 05.04.1849 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
5. April 1849
Absendeort
Minden
Empfangsort
Baden-Baden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 135 mm; Höhe: 215 mm
Foliierung
Foliierung durch die >Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Auszeichnung nach TEI P5 und Kommentierung durch Katarzyna Szarszewska; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]
Elise von Hohenhausen
an Fr. von Chézy.
April 1849.

Seit Monaten, meine theure Chezy, komme ich
zuerst dazu Ihnen einen Brief zu schreiben als
Antwort auf den Ihrigen, der mich, Sie ahnten das nicht
am Begräbnistage meines Mannes traf.
Wir sprachen
noch bei seinemunserm letzten Zusammensein davon daß er länger
leben würde wie ich. Am 22 Dec starb er unerwartet
und sanft am Schlagfluß. Seit seinem Tode habe ich Unerhörtes
Niegeahntes erlitten. Ich dachte oft an Sie, liebe Chezy,
„der Tod meines Max war nicht das Schlimmste! Münd-
lich, wenn es Gottes Wille ist, daß wir uns in diesem Le-
ben noch einmal wiedersehen, erzähle ich Ihnen mehr
davon
Meine Leiden in Cassel wurden zu groß und durch
die Einsamkeit meines Lebens, wo ich beständig trüben
Gedanken nachhing, noch erhöht. Ich entfloh zu meiner einzigen
mir übriggebliebenen Tochter, auch meine einzige Enkelin
lebt. Hier im Schooße der Liebe und Tugend erholte ich
mich bald und sehe mich nun nach einem Orte um, wo ich
möglichst froh den Rest meiner Tage verleben kann.
Noch sind meine Verhältnisse nicht geordnet. Ich erwarte
von der Gnade des Königs eine Pension, erhalte ich sie,
so kann ich ganz sorgenfrei leben. Ich dachte schon an
Baden Baden – Schreiben Sie mir doch Liebe, wie viel
man braucht um dort anständig zu lebensein etwa ein
Jahr. In Ihren Nähe zu sein, wäre mir sehr

Seite „1v“

wünschenswerth. An Genügsamkeit nehme ich es mit
Ihnen auf, aber ohne wirkliche Bedienung kann ich
leider nicht mehr sein. Meine langjährige treue
Caroline
würde mich begleiten. Die Natur ist so
herrlich in Baden Baden – und ich bin gottlob noch so
gut zu Fuße.
Gleich nach dem Tode meines Mannes erhielt ich einen
Brief meines alten Freundes Graf Blankensee, den ersten seit langen
Jahren, voll der freundlichsten Theilnahme und Hoch-
achtung – Von seinen häuslichen Verhältnissen, die
mir gänzlich unbekannt sind, sagte er mir nichts
Die O Lieder eines Sehers,
Wiederlegung des furchtbaren
Gedichtes von Freiliggrath: die Todten an die Lebenden!

von B verlacht, lagen bei
Ich antwortete ihm durch Maltitz von dem ich auch kürz-
lich einen freundschaftlichen Brief erhielt und in Ihrem Auf-
trag jenes Buch
– und erzählte auch viel von Ihnen –
Auch Frau von Waldow hat mir ein Zeichen ihrer
Theilnahme gesandt – Ich antwortete ihr erst in diesen
Tagen.
Ihr Californien beweist sich ja schon größtentheils
als ein Blendwerk. Geld und Brod kann uns nicht
glücklich machen – Proudhon, der Socialist, hat doch
das einzige Mittel gefunden, die Welt zu erretten
„Es muß die Menschheit durch Arbeit und Keuschheit
eine Gesellschaft von Heiligen werden, oder aber

Seite „2r“

die Civilisation wird durch das Monopol und das
Elend eine einzige ungeheure Wollustwirthschaft
Wie die Sachen jetzt gehen, wird uns jede Vermehrung
der Arbeit, folglich jeder Zuwachs des Reichthums
bald zur Unmöglichkeit werden. Lange bevor uns
der Boden ausgeht, wird unsere Produktion stille
stehen. Pauperismus und Verbrechen immer wachsen.“

Dann folgt eine begeisterte Schilderung von der Heilig-
keit der Ehe, die in manches Auge Thränen laden
wird, wie ein nie gekanntes doch geehrtes verlorenes
Paradies und zuletzt zollt Proudhon dem Christenthum
die vollste Huldigung ohne es zu wollen.
Wie ergeht es der Frau von Crespignÿ Was ist aus
unserm guten Lewald geworden? Ich denke [[unter]]
dem Schatten der deutschen Kaiserkrone kön[[nen wir]]
wieder pflanzen. Ist Markgraf noch in Hei[[delberg]]
Lassen Sie mich bald etwas von sich hören liebe
Chezy und adressiren Ihre Briefe nach Preußisch
Minden an Frau von Hohenhausen
Ich denke, Sie sind nun nicht mehr im Solbad, oder
Sie sitzen in einem Blüthenbade.
Mit inniger Freundschaft
Ihre>
Elise von Hohenhausen
geb. von Ochs
Gestern ging hier die
Deputation von Frankfurt
nach Berlin. Ich habe den
Presidenten Simone gesprochen – er ist sehr liebenswürdig
und edel in seiner Erscheinung.

Seite „2v“

An
Frau Helmine von Chezÿ
Hochwohl
in
franco.