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Brief von Therese aus dem Winckel an Helmina von Chézy

Dresden, 13. März 1815
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 279 Winckel Therese aus dem, 13.03.1815 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Therese aus dem Winckel
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
13. März 1815
Absendeort
Dresden
Empfangsort
Heidelberg
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 125 mm; Höhe: 204 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

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[Karl August Varnhagen]Therese aus dem Winckel
an Frau von Chézy.
Dresden den 13. Merz
1815.

Meine theuere, innig geliebte Freundin!
Sind Ihnen wohl, nach so langer Trennung, mei-
ne Schriftzüge noch bekannt? errathen Sie es
gleich, welche Stimme aus weiter Ferne zu
Ihnen spricht, um Ihnen innig, aus tiefster Seele
zu danken? – O meine Helmina, wie
wenig reichen Worte hin, um Ihnen auszudrücken
wie dankbar ich Ihnen dafür bin, dass Sie mir
Ihren himmlischen Freund zuwendeten! Ja, ich
erkenne es, nur die freundliche Art wie meine
edle Helmina meiner gedachte, konnte mir
dies längstgeahnete, längstersehnte Glück ver-
schaffen, ihn, den Einzigen, mir näher treten
zu sehen! An gleichem Orte erzogen, wünschte
ich von frühster Jugend an, so lebhaft ihn
kennen zu lernen, so lange, lange vergebens –
die treue Hand der liebenden Freundin sollte
mir das zuführen, was ich für die höchste
Gabe Gottes in diesem Leben anerkenne, einen
solchen Freund! – Nur kurze Zeit ver-
weilt unser Isidorus hier, nur sehr selten
geniesse ich das Glück ihn zu sehen, aber
diese seltnen Stunden sind mir seliger Ersatz

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für jede trübe Vergangenheit, für jede
einsame Zukunft; so wie mein verklär-
ter Herder in meiner frühsten Jugend die
erste stille Morgendämmerung eines hö-
hern Lichtes in meine kindliche Seele
strahlte, so erscheint mir jetzt noch heller
glänzend, noch heiliger flammend, der
fromme Isidorus wie ein freundlicher
Hesperus am Abendhimmel meines Lebens,
alle Stürme schweigen, alle Erdensorgen
schwinden, alle Räthsel des Daseÿns
und der eignen Gefühle scheinen mir gelöst,
wenn ich zu ihm, den Liebling Gottes,
aufblicke! – Bald kehrt er zu Ihnen,
meine glückliche Freundin zurück; nur
Ihnen, der tieffühlenden, vielgeprüften Dul-
derin, kann ich es aus vollem Herzen gön-
nen, das hohe Glück eines solchen Freun-
des und Lehrers; O wie selig müssen Sie
seÿn, seinen Rath, seine Meinung stets
erfahren, stets befolgen zu können, ihn in

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Allem, Alles in Ihm zu finden!
Folgen Sie ihm ja immer recht kindlich,
meine Helmina, er ist so mild und rein,
so gross und edel, sein Wort ist höhere Offen-
barung, Segen Gottes ist mit uns, die wir
ihn vernehmen und verstehen! – Erhal-
ten Sie, die sie ihm so nahe stehen, mir
sein Andenken, seine Freundschaft – noch
jenseits werde ich Ihnen dies schwesterlich
danken. Wir sprechen jetzt so oft von

Ihnen, von Ihren lieblichen Kindern,
er giebt mir Hoffnug Sie vielleicht noch
diesen Sommer hier zu sehen, das
wäre so schön, wie viel hätten wir uns
dann mitzutheilen! – Jahre des Schre-
ckens, der Leiden und des mannigfaltig-
sten Kummers liegen für mich zwischen
der Zeit wo wir uns zuletzt sahen und
der hoffnungsleeren Gegenwart, doch
würden Sie, meine geliebte Helmina, mich
voll freudigen Muthes und rastlosen Eifers

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finden; Gottes Segen bleibt mir treu bei
dem ernsten, hochbeglückenden Priester-
thum der Künste, dem ich Kraft und Leben
widme; diese Himmlischen ersetzen mir
Alles, und gewähren mir doch zuweilen das
süsse Glück, gleichfühlenden Seelen etwas
seÿn zu können! Dies hilft mir die
Last meines Schicksals tragen mit Geduld
und Freudigkeit; glücklich bin ich nicht,
ich werde es diesseits wohl nie werden –
aber sehr selige Tage schenkt mir
Gott schon jetzt, und mit kindlichen Vertrauen
blicke ich dankbar weinend und wehmüthig
lächelnd zum Himmel empor! –
Gedenken
Sie meiner liebend, in Ihrem paradiesischen
Heidelberg, in der heiligen Nähe des theuern
Freundes
, meine Helmina! geben Sie mir
bald ein freundliches Zeichen Ihres Wohlwollens
und sprechen Sie so offen und schwesterlich zu
mir, wie ich zu Ihnen! Meine gute Mutter
empfiehlt sich Ihnen; innig grüsst Sie meine
treue geliebte Lebensgefährtin, meine fromme Char-
lotte
.
Gott seÿ mit Ihnen! Ihre treue
Theorose.