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Brief von Helmina von Chézy an Felix Mendelssohn-Bartholdy

Wien, 8. Mai 1826
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 212-213 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Felix Mendelssohn Bartholdy
Datierung
8. Mai 1826
Absendeort
Wien
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 125 mm; Höhe: 205 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „212r“

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[Karl August Varnhagen]Helmina von Chézy an
Felix Mendelssohn-Bartholdy
[Helmina von Chézy]Wien d. 8 May 1826.
Ich war, mein theurer Felix! innig erfreut von Ihrer lieben,
kunstreichen Gnade, mich begrüßt zu sehn, meinen
Dank vor Allem dafür! Bei unsrer Angelegenheit

haben Sie mehr Umsicht als ich bewiesen, ich
muß es loben daß Sie nähere Umstände der
Sendung um die ich gebeten, vorausgehen
ließen.
Nicht blos muß ich fürchten daß
eine so reiche Besetzung, (die eine ungeheure
Arbeit von des Tondichters Seite voraussetzt,
hier nicht im Einklang ausfallen möchte,
sondern auch soll es nun einmal Spukhaft
seyn, u D. hätte gern den Rübezal gehabt
parceque „:c’est le diable allemand“ D. wußte
nichts von meiner Bitte um die Zusendung
war aber sehr erfreut daß ich es gethan
hatte. Ließe sich denn das Ballet nicht
wenigstens späterhin einzeln herausheben?

Dies beiläufig. – Oder wenigstens gleichzeitig
mit der Aufführung in Berlin?
Meine Oper
wird Ihnen, theurer Felix –
vergeben Sie daß ich Sie so anrede, mögen
Sie immer Felix seyn, in jedem Sinn, u
seyn Sie es für mich! – wenn wir erst
die Censur für uns haben, in aller Form
zugesendet werden. Möchte sie doch so seyn
daß Sie sie gern übernähmen!

Seite „212v“

Der Freischütz
wurde Samstag u Sonntag sehr
schön aufgeführt, das Publikum war am
Samstag elecktrisirt, am Sonntag war
es eben ein Sonntagspublikum – (ich meine
nicht die holde Sängerin Sonntag) Mlle Franchetti
eine liebliche junge Gestalt mit italischer
Kehle u deutschem Gemüt riß die Masse
zu stürmischem Beifall hin, Mm Uetz, Anchen
,
gefiel sehr, der wackre Tenor Schuster auch, der
Caspar ([×××]) spielte geistvoll u hob die Rolle
der beste der ich noch gesehn – aber ein grauer
Baß. Orchester u Chöre übertrafen sich selbst,
u das will viel sagen. Nun ist die Schechner
angekommen, wie es heißt, u nach u nach wird sich
mehr einfinden, jedoch steht zu fürchten daß die
Besetzung Ihrer Oper
einen Einklang der Darstellenden
erfordern, der bis jetzt noch nicht zu hoffen, in
einiger Zeit, wenn die deutsche Oper nach Ds
Wunsch u Bestreben auch beim Publikum
auf festen Füßen steht. Wie sehr die Masse
eine deutsche Oper wünscht u liebt, beweiset
das unerhörte Zuströmen seit vorigem Herbst
nach Josefstädter Theater wo Zauberflöte, Freischütz
u.a. bei weitem nicht befriedigend, weil die Mittel
gering, aber mit edlem Aufbieten aller Kräffte
man kann sagen in den meisten Szenen

Seite „213r“

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wahrhaft gelungen, gegeben wurden. Leider fehlt
im Kärnthnerthor Theater die 3 Galerie, die zu Logen
verwendet ist. In Josephstadt kostet der Sperrsitz 1 f. 30 t
W.W. u die Loge 6 fl. W.W. im Kärnthnerthor beides
so viel in Silber, also I Thaler C. der Sitz, u 4 ½ Thaler die
Loge – nun aber ist die Mehrzahl der wolhabenden Wiener
eben die, welche die deutsche Oper ehrt u liebt, nicht im Stande
oft solche Opfer zu bringen, da man hier gern mit seiner
Familie geht; die reiche Classe aber, obschon die Logen des
ersten u 2. Rangs meist alle abonnirt sind, will bis
jetzt noch von der deutschen Oper nicht viel wissen,
u die 4 u 5 Galerie ist nicht angenehm, auch ist sie
bald voll. Mit einer Galerie im 3 Stock zu mäßigen
Preisen u mit etwas geringerm Eintritt wäre die
deutsche Oper geborgen, weil die Masse, die dann doch
immer den Ausschlag giebt, u deren Mehrzahl wie-
derum aus Menschen besteht die Sinn und Liebe zur
Musik hegen, nicht mitgenießen kann, wie sie
möchte, so lange diese Einrichtung besteht. Zu-
dem haben die vielen Verhetzungen von mehreren
Seiten, (davon einmal mündlich) gegen Barbaja,
dem Haupt der Unternehmung, der dann doch
ein braver Mann ist, viel geschadet, besonders
der deutschen Oper. So hofft denn D. Alles von einer
neuen Oper mit großen Effeckten u mit
soviel Graus als sich mit dem guten
Geschmack verträgt, u durch die Censur
geht, dabey gehörigem Spektakel. Nichts
bleibt dann übrig, als Ihnen bald möglichst
die Meine
zu senden, da die Adler fliegen, wie der
Blitz u da des Genius Schwingen Adlersschwingen
sind

Seite „213v“

sind, so hoffe ich wir werden noch immer rasch
genug zur Stelle seyn. Das Personale
kann ich Ihnen noch nicht schildern, indem
es noch nicht beisammen ist, ich werde es
baldigst thun. Ich selbst habe aus der
Rücksicht, die Weber mir früher empfolen,
nur eine erste u zweite Sängerin, 1 Tenor,
1 Bariton 1 ersten Baß, u dann noch
kurze Baßstellen zweiten Rangs, aber
viel Chöre aus allen Farben u Tönen
des Lebens u schöne Finale, drey
Akte. Nicht blos weil Weber gern seine
Mittel zu Rath hält, sondern weil er
indem seine Stücke auf viele Theater
kommen, fürchtet die Menge der Mittel
möchte bei Ungleichheit derselben dem
Einklang u dem Effeckt schaden, empfal
er mir diese Einrichtung, u ich habe sie
bei dieser Arbeit beibehalten. Wenn sie Ihnen
überhaupt zusagt werden wir uns über die
Aenderungen schön verständigen, ich errathe so
ziemlich die Schwierigkeiten die das Wort dem
Tone oft bietet, u ohne den Genius zu sehn,
um nicht jedem Wunsch auf das liebevollste ent-
gegen zu kommen. Außerdem habe ich schon recht eifrig
zum Besten zu arbeiten gesucht.
Mit der innigsten Hochachtung u Gesinnung die Ihrige
Helmina von Chezÿ
[Helmina von Chézy]Wilhelm u Max sind auf Besuch in Oberösterreich bei unserm Freund dem Kreishauptmann Grafen von
Wickenburg. Sie werden sich Ihres lieben Erinnerns herzlich freuen, ich erwarte sie bald zurück.