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Brief von Helmina von Chézy an Heinrich Wilhelm Hempel

Paris, 3. Juli 1801
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 68 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Wilhelm Hempel
Datierung
3. Juli 1801
Absendeort
Paris
Empfangsort
Umfang
1 Blatt
Abmessungen
Breite: 125 mm; Höhe: 200 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Auszeichnung nach TEI P5 und XML-Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „68r“

68

[Karl August Varnhagen]Helmina von Hastfer.
Paris d. 3. Julÿ 1801.

Ich schreibe meinem guten geliebten Bruder, an seinem
Geburtstage,
der mir hier in der weitern Entfernung doppelt
schmerzhaft fällt, weil ich ihm nur Wünsche und keine
Freuden schiken kann. Hätt’ ich das glükliche Dasein wel-
ches ich hier genieße in der Nähe meiner guten Mut-
ter
, oder meines lieben Wilhelms so würde ich es recht froh
genießen können, allein in dieser Entfernung, kann ich
blos empfinden, daß ich dem Schicksal für den Wohlstand
in dem ich lebe, Dank schuldig bin, ohne mich recht wahr-
haft darüber zu freuen. Meine Wohlthäterin u Mutter ist ein
Engel.
Nicht darum weil sie meine Wohlthäterin ist, sondern weil
sie ein unvergleichliches Herz, mit einem unermeßlichen Verstande
vereinigt. Ich habe sie immer sehr geliebt, u jetzt da ich beÿ ihr bin
lerne ich sie so lieben, daß ich keine Trennung mehr beweine
sondern blos beseufze. Heut haben wir die glükliche Nachricht der Nie-
derlage der Engländer in Egipten, u des allgemeinen Friedens be-
kommen.
Meine Mutter ist darüber innig erfreut, denn nun kann
sie mit Sicherheit Reisen machen; sie wird mich mitnehmen, u
reist hauptsächlich meinetwegen. Dies wird sehr zu meiner Bildung
beÿtragen, das Vergnügen dabeÿ ungerechnet. Wir leben ganz ein-
sam. Wir beziehen ein Haus in Versailles, u reisen heut
schon ab. Versailles ist ein reizender Ort. Wir haben dort einige
glükliche Familien, die unsern Umgang ausmachen werden.
Ich befinde mich überall wohl, denn ich habe das Glük
die Herzen zu gewinnen. Ich spreche wenig, ich glänze nicht,
zeige mich ohne Prätension, u man findet mich niedlich,
bescheiden, sanft u gütig. Meine Mutter G. ist überzeugt,
daß ich nicht allein Glük machen, sondern ein glänzendes Glück
machen werde, allein sie findet mich noch nicht gehörig gebil-
det, u thut alles mögliche, um mich zu bilden. Meine ganze
neue Familie liebt mich. Heut ist es ein Monath daß ich
angekommen

Seite „68v“

angekommen bin. Das Land ist so schön daß ich
darin leben u sterben möchte. Die Luft so herrlich
so mild, die Früchte so schön; die Milch, u die
Milchspeisen, wegen der vortrefflichen Fütterung
so rein u so dick; das Grün so frisch – es ist hier nicht
die Majestätische Pracht der Schweiz, nicht der Italienische Blu-
menschmelz; allein eine stille einladende reizvolle Schönheit
die das Herz an sich zieht. Schönes Frankreich! ich möchte
Dich nie verlaßen…
Die gute Minna hat also ausgelitten nach ihrer schweren Krankheit,
wohl ihr! fange Du nun auch mein guter Bruder ein neues
Dasein an. Schicke meiner guten Mutter in Berlin Deine
Kinder, u suche das Leben zu genießen. Ich werde Mit-
tel bekommen diese gute Seele, der ich so viele Sorgen
gemacht habe, zu unterstützen. Schon mein jährliches Gehalt
macht mir dies möglich. Ich hätte Dir ein Blatt für Dein
Stammbuch geschickt, allein es soll schön sein, darum hab ich
es noch nicht gethan. Ich lerne nun Mahlen, u in Haar
arbeite ich schon ganz artig,
ich werde also in kurzen
mein Versprechen halten können. Ich studiere und lerne recht
fleißig, meine Tagesstunden sind eingetheilt, ich werde suchen mir
gründliche Kenntniße zu verschaffen, denn das bloße Oberflächliche
hat nicht den geringsten Nutzen.
Dieser Brief macht einen weiten Umweg, ich schicke ihn durch den
hiesigen Preußischen Legationssekretär, an Mama, nach Berlin,
u diese schickt ihn Dir. Ich bitte Dich mir
schreiben, u den Brief zu adreßiren; Mme de Genlis, à
Versailles; sur l’avenue de Paris No: 47; da er deutsch ist wird
sie ihn mir schon geben; über diesen Brief muß noch ein Um-
schlag, adreßirt: au Citoyen Talleyrand Périgord, Ministre des
rélations extérieures. Rue du Bacq à Paris
.
Empfiel mich Deinem Chef, Deiner würdigen F. Obristinn,
u nimm
den Kuß meiner schwesterlichen Liebe, u alle Wünsche für Dein
Glück. von Deiner treuen Schwester  Helmina.