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Der Luftschiffer / Wenn beim Mondschein / Verwegen stieg ich / Kann ich auch Deine Liebe / Das Kind

o. O., o. D. - Karoline von Woltmann
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 281 Woltmann Karoline von, Bl. 61-64
Umfang
4 Blätter
Abmessungen
Breite: 140 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Erstdruck
Woltmann, Karoline von: Der Luftschiffer. In: Album der Tiedge-Stiftung. Gaben deutscher Schriftsteller. Hrsg. vom Comité der Tiedge-Stiftung zu Dresden. Bd. 1, Dresden: Verlag der Tiedge-Stiftung 1843, S. 216–218.

Seite „61r“

61

[Karl August Varnhagen]Fr. von Woltmann.

1.
Der Luftschiffer.


Der Luftball steigt; es jauchzt erstaunt die
Menge;
Der kühne Segler sitzt im leichten Kahn.
Er schaut hinab auf’s wogende Gedränge,
Und dann hinauf die schrankenleere Bahn.


„Nun gilt’s, mein Luftroß, mit des Windes
Flügel
Zur Sonne steigen, gleich dem starken Aar.
Geschnallt sind fest der Sattel und die Bügel,
Die freie Brust erbebt nicht vor Gefahr.“


„Jetzt sind wir frei.“ – hier streift die
lichte Wolke.
Der Sturmwind geht hier ungehemmten Gang.
Ein Erdenlaut erschallt hier nur vom
Volke
Der freien Adler und in meinem Sang.“

Seite „61v“

„Hei – sporn Dich! schon verschwimmt die dunkle
Erde,
Ans weite Meer ein heller Streifen zeigt – 
Zum Chaos wird’s. – Einst rief das mächtige
Werde
Hervor ein Seyn, dem dies tief unten gleicht.“


„Da braußt der Erdball hin; in seinem
Sturme
Trägt er uns mit des Blitzes Schnelligkeit -
Der Wüste Roß glich hier dem trägsten
Wurme,
Begänn’s mit Dir, mein edles Roß, den
Streit.“



„Jetzt spei’st Du Dämpf entbrannt aus
Deinen Nüstern;
Du bebst entzückt, in wilder, feuriger
Lust.
Und mehr und mehr verschwebt die Erd’
im Düstern,
Und fremde Aetherluft schraubt Deine
Brust.“


Seite „62r“

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„Die unsichtbare Fessel ist zerrissen,
Die uns bis noch an unsre Mutter band.
In tiefer Ferne rollt zu unsren Füßen,
Ein Himmelskörper, der uns sein genannt.”



„Wir sind allein. – Im ungeheuren Raume
Schwebt hier ein Mensch, gleich wie ein neuer
Stern.
Es ist erreicht, wohin im kühnsten Traume,
Der Geist, gewagten Sprunges, ging so
gern.“



„Ich bin allein. – Doch nur ein Gott mag’s
tragen,
Ein Gott nur, der die Welt umfassen
kann.
Klein ist der Mensch – und auch das
höchste Wagen
Stößt immer gegen ird’sche Schranken
an.“



Der

Seite „62v“

„Der Stern’ und Donner wunderbares Brausen,
Füllt’ meine Seel’ mit Furcht und Bangigkeit.
Die Geister rief ich, und nun faßt mich Grau-
sen,
Daß nicht mein Geist den schrecklichen gebeut.“

„Welch seltsam Glühen in der weiten Runde,
Kometen schreiten mir so furchtbar nah! – 
Mir schlägt, des Weltgerichts, die letzte
Stunde,
Weil ich so grause Herrlichkeiten sah.“


„Die Erde – o! ich habe sie verloren,
Wo mag sie schweifen, ihre ferne
Bahn.
Hier stirbt allein ein Mensch den sie ge-
tragen;
Der ihrer Hand entfloh in tollem Wahn.“


Da

Seite „63r“

63

Da weicht der Traum – längst war der
Ball gesunken
Und ruht. Der Führer athmet freudig auf.
Den grünen Boden küßt er Dankes trunken,
Und läßt der Wonne Thränen
Lauf.

2.
Wenn beim Mondschein – 

Wenn beim Mondschein träumend die Fluth
sich regt;
Leise fall’s die Wog’ an’s Ufer schlägt;
Und so still blickt hinab das bleiche
Licht,
Was da unten schläft mögt’ es wecken
nicht. – 
Du siehest einer wachenden Mutter Bild,
So ernst, so gütig, so hold, so mild.


Seite „63v“

3.
Verwegen steig’ ich – 


Verwegen steig’ ich in den schmalen Nachen,
Die Jugendbrust erfüllt von Drang und
Leben
Und kühnen Muth das Höchste zu erstreben;
Ob es zahllose Hüther auch bewachen.
Was kümmert’s mich, wenn ringsum sich
anfachen
Des Windes Stürme; wenn sie wild sich heben,
Die schaumbedeckten Wogen; darf ich be-
ben;
Göttin! – Es mag die Thorheit mich
verlachen;
Dein Geist durchdringt mich: ach! mein
sind die Welten
Mein Berg und Strom, das Thal, der
lichte Himmel,
Sterne.
Ich
64

Seite „64r“

Ich fühle mich entrückt dem Erdgetümmel,
Und weithin schweift mein Geist in blaue
Ferne,
Welch mindrer Mensch vermag den Gott zu
schelten.

4.
Kann ich auch Deine Liebe – 

Kann ich auch Deine Liebe nicht erwerben,
So will ich doch von Deiner Liebe singen,
Wie mich die süßesten Gefühle zwingen,
Und, wie ein Schwan, in dem Gesange
sterben.
Gern duld’ ich des Geschickes Pfeil, den
herben.
Da die Gesänge ewges Leben bringen,
Da des Vergessens Staube sie ent-
ringen
Und uns des Nachruhms Seeligkeit ver-
erben.
Ha, wie am Himmel glüht der Regenbogen,

Ein

Seite „64v“

Ein Ehrenthron sich seine Wölbung breitet,
Und zeigt die Sonn, im Strahlenmeere
schwimmend.
Hinan den Weg, der zu dem Himmel leitet! – 
Es flackert noch das Licht! – Ach, schon ver-
glimmend.
Und bald hat düstre Nacht mein Aug’ umzo-
gen.

5.
Das Kind. – 

Der Knabe sitzt still im Zimmer allein.
Es spielt an der Wand heller Sonnen-
schein.
Im Käficht ein Vogel laut schnatternd
singt.
Seltsam es dem Kind in die Seele dringt,
Und in Vogels Sang und im Sonnenschein,
Da jauchzt das einsame Kind hinein.