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Brief von Christian Gottlob Voigt d. J. an Clemens Brentano (o. O., Januar 1804)

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Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 271 Voigt Christian Gottlob von d. J., [XX.]01.1804
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 185 mm; Höhe: 230 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Erstdruck
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]von Voigt.
An Cl. Brentano
Weimar, Jan. 1804.

Sie lassen mich Ihre Clemenz
und freundliches Andenken
auf recht geistliche und moralische Weise empfinden, indem
Sie mich in den glückseligen Zustand setzen, einigen armen
Seelen die verlorene Ruhe wieder zu geben:
der Tieckischen

Seele durch die entführte Simplicität;
dem Bibliothek Fuchs

durch das seinem Gemüth zärtlich abgeschundene spanische
Schweinsleder;
und der blassen abgehärmten Seele unsres
Majer, durch die schwarze Prinzenschaft,
oder Prinzenschwärze
einer Art Patentstiefelwichse für schlaffes Leder; –
auch haben dem geliebten Hammel einer Heerde, die
zurückgekehrten verlorenen Schaafe balsamischen Trost
gewährt. Daß Sie aber beÿ diesen Institutionen
nicht die heil. Johanna anrufen: ora pro nobis; sondern die
Nichtheilige Johanna zum Sündenbock machen wollen,
ohne zu bedenken daß diese gute Magd nicht einmal einer Ziege
gleicht; dafür mögen Sie einst 10000. Jahre länger im
heil. Fegefeuer schmoren und braten. Der spanische Inqui-
sitor Wagner,
welcher hiermit zu Ihnen zurückkehrt, wird sicherlich
keine Absolution zu ertheilen geneigt seÿn!

Bettina.

Seite „1v“

Lassen Sie sich nunmehr sagen, nicht durch die Blume,
sondern auf gutes dummes Deutsch, daß Ihre Briefe mich
sehr ergötzt haben. Deneen resp. Feinden und Freunden,
Majer, u. Conf.
ist das erfreulichste von Ihrer im heiligen
Ehestand
nicht verlorener guten Laune mitgetheilt worden.
Die erste Ratification ließ ich an Tieck ergehen; die
nächsten fielen modern, oder doch hier und da restauriert
aus. –  Majer, der süße liebe Junge, steht
jetzt zwischen dem Jenaer Bibliothekariat, und einer ihm
angetragnen Stelle in seinem speciellen Vaterland, wie
Herkules zwischen 2. Bündel Heu, oder wie Esel am
Scheideweg zur Tugend und zum Laster. In der Angst und der
quälenden Ungewißheit oder der ungewissen Qual, treten
die Geburtsschmerzen beӱ ihm ein, (er befand sich seit Monathen
in anderen (schlechten) Umständen,) und er warf ein Stück
mӱthologisches Wörterbuch,
welches man auch mörderisches
Wuthbuch nennen könnte, so wie der MNahme Maier
auch Marie heißt! Ubrigens ist er noch sehr
ergrimmet auf Sie. Eifersucht und noch andere „suchten und

Seite „2r“

ungen, geben ihm gerechten Grund dazu; ich hoffe
aber der Sündhafte Clemens reicht ihm die versöhnende
Hand, gratuliert ihm zur glücklichen Niederkunft, und
bittet ihn wohl gar selbst zum Gevatter.
Tieck, der einst mit dem Brentano brannte,
heult jetzt mit den Wölfen, oder wenigstens mit einem Wolf,
dem Professor aus Halle; es wird aus diesem Heulen ein recht
tolles, wunderliches, verständiges, grosnasigtes, schönes,
beisigtes, interessantes Porträt entstehen. Nebenher
hat er einen ErtzSpitzbuben in der Arbeit, welchen man
ehedem Merkur genannt haben würde, jetzt aber, nachdem
Vater Wieland diesen Nahmen in schlechten Ruf gebracht hat,

Schinderhannes nennen muß.
Beÿliegendes Schreiben meiner Frau an die Ihrige,
ist auf meinem Schreibtisch zweÿ Posttage älter geworden,
und wird dadurch, wenn es wie Wein aus der Feder flos,
mehr gewinnen als verloren haben. –  Grüßen Sie die
holde Sophia auch von mir;
sie liebt Sie doch noch?

Seite „2v“

Bald hätte ich vergessen zu schreiben, daß Majer als ein
vielfacher Jude, noch 2. Messias [###] erwartet
die
Sie ihm also, wenn Ihnen solche erschienen sind, ebenfalls
zuweisen werden.

Leben Sie wohl. Ich bin per Clemenza
Ihr
ergebener

V.