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Brief von Fanny Tarnow an Rahel Varnhagen von Ense

o. O., 1. Dezember 1825
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 241 Tarnow Fanny, Bl. 128-129 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Fanny Tarnow
Empfänger/-in
Rahel Varnhagen von Ense
Datierung
1. Dezember 1825
Absendeort
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 105 mm; Höhe: 120 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „128r“

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[Karl August Varnhagen]Fanny Tarnow.
den 1sten December 25.
Ich kann es nicht unter das Herz brin-
gen bei Ihnen, die Sie so ganz einer
andern Welt als der Alltagswelt
angehören, das Sprichwort: aus den
Augen aus dem Sinn! anwendbar zu
glauben, u. so muß ich Sie fragen, wie
kommt es, daß Sie meiner u Ihres Ver-
sprechens, nur Empfehlungsbriefe nach
Frankfurt senden zu wollen, so
ganz vergessen zu haben scheinen? –
Nehmen Sie es aber nur für das, was
es ist, für eine Frage zärtlicher
Besorgniß, denn, aus welcher Ursache
es auch geschehen seÿn mag, so bin ich
im Inneren ganz überzeugt, daß es
nun ganz gewiss ist, da es wahrlich wenig
Dinge in der Welt giebt, zu denen

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ich soviel Vertrauen habe, als zu Ihnen
Nun reise ich aber den 12ten nach Frank-
furt
ab; u würde mich freuen, wenn Sie
meine Bitte erfüllen wollten, da ich von Nie-
mand so gern als von Ihnen empfohlen
seÿn möchte. Diese ganze Reise ist gegen
meine Neigung, – aber ich habe auch eine
große Neigung alles zu thun, was gegen
meine Neigung ist u so gleicht sich dies
wie auch sonst alles andere in der Welt
aus.
Ich weiß Ihnen von hier durchaus nichts
Interessantes zu schreiben doch ist
das gewiß nur meine Schuld u eine Folge
der einsamen Abgeschiedenheit in der ich
lebe. – Ach, Liebe, wie glücklich ist man,
wenn man durchaus nichts mehr als vier
ruhige Wände, irgend eine nützliche Arbeit
u nur gutes Buch zu seiner Zufriedenheit
braucht. Nicht gerade Ansprüche der Eitel-

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keit und der Weltlust, aber wie viel
anderes habe ich in mir zum Schweigen
bringen müssen, um mir diese heitere
Ruhe zu erwerben! – das Glück kann
alles geben u giebt alles – nur nicht Ruhe
und Trost – die sind von ihm durchaus unab-
hängig.
Ich grüße Sie, liebe herrliche Frau, von
ganzer Seele. Ich vergesse Sie nie. Ihr groß-
sinniges Seÿn u Wesen ist u bleibt mir
eine Erquickung. – Empfehlen Sie mich
Ihrem Herrn Gemahl, u das nicht im alltäglichen
Sinn, sondern als Ausdruck meiner
Hochachtung. –
Denken Sie wohl zuweilen an mich?
Ich möchte sehr gerne, daß Sie es thäten.

Ihre
Fannÿ.

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Ihrer Hochwohlgeborenen
der
Frau von Varnhagen