DE | EN

Brief von Amalie von Helvig an Friedrich de la Motte Fouqué

Heidelberg, 30. November 1811
Goethe- und Schiller-Archiv (GSA) | GSA 96/1145 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalie von Helvig
Empfänger/-in
Friedrich de la Motte Fouqué
Datierung
30. November 1811
Absendeort
Heidelberg
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 000 mm; Höhe: 000 mm
Foliierung
Nicht foliiert.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

3


(an Fouque)

Heidelberg den 30ten Nov: 1811.


Zweÿ Ihrer freundschaftlichen Briefe liegen unbeantwortet vor mir und nachdem
ich einige trokne Geschäftsschreiben heruntergehaspelt, sehe ich es als eine heitre
wohlverdiente Belohnung an mich mit Ihnen werthester Freund zu unterhalten.

Von meinem Mann erhielt ich eben vor einigen Tagen die Nachricht daß der Brief
glüklich angekommen dessen Besorgung Sie so gütig übernommen haben – auch
ihn hat die Legende
lebendig angesprochen die eine schmerzliche Erinnerung bei ihm
erneute – Wie sehr rührt es mich daß Sie sich noch immer meiner stillen mädgen-
haften Umgebung erinnern mögen die mir in einer Zeit wo manches fremdartige
und leidenschaftliche sich an mich andrängte ein liebes Asyl war in dessen Schutz
nichts unwürdiges mich störte und an dessen ruhig frommen Schein sich das Licht
bessrer edler Empfindung mild entzündete, wenn Irrthum mich zu verwirren und
die Wahrheit meinem Geistigen Aug in Irrlichtern und bunten Truggestalten
zu entfliehen drohte –. Gerne denke ich an jene Zeit zurük worinn mir viele
der bedeutendsten Menschen erschienen die auf mein äußres und innres Leben
mehr oder minder Einfluß gehabt und es rührt mich innig daß Ihnen die flüchtige
Erscheinung jener Tage auch einen bleibenden und nicht unholden Eindruck von
der Freundin zurükgelassen hat die seitdem durch einen langen Raum von Jahren
getrennt Ihnen sonst wie eine Schattengestalt der Ossianischen
Welt in zweifel-
haftem Wolkenbild erscheinen würde.

Ihre gar bescheidnen Wünsche einmal eine Zeichnung von mir zu besitzen sind gar nicht
so weitläuftig als Sie selbst dieselben vorstellen – doch habe ich nichts in diesem
Augenblik was ich werth achtete auch nur als ein kleines Angedenken in Ihre Hand
zu kommen. Da ich nur grössere Bilder vollendet wofür ich von Helvig schon den
Dank empfangen habe – und mich so ausschließend mit dem Öhlmahlen beschäftige
um den technischen Theil desselben in meine Gewalt zu bekommen, da es eine weit-
läuftige, ganz vom Aquarel verschiedne Manier ist und ich in meinen alten Tagen

Seite „1v“

keine Zeit zu verlieren habe – Eben diese neue Kunst aber soll mir helfen ein bleiben-
des Andenken in Ihre ländlich freundliche Wohnung zu stiften und so bald ich einige
ernste Graubärte nach Albrecht Dürrer vollendet mit denen ich mich eben beschäftige
soll Ihnen ein recht heiter frommes Bildgen aus der Boissereeischen
Sammlung eigens
ausgesucht und mit aller Lust und Liebe vollendet werden die der Gegenstand und
seine Bestimmung mir gewiß bescheeren. Zu Ihrer und meiner Freude kann
ich Ihnen melden daß Cornelius mir eben geschrieben, daß die Zeichnungen fort-
rücken und nach seiner Angabe sind sie wahrscheinlich bereits an Lips abgegangen.
Ich erfreue mich dessen recht kindisch – und hoffe erst recht von Ihnen für die
Werbung dieses trefflichen jungen Künstlers gelobt zu werden wenn Sie seine schönen
Gebilde sehn – es war kein leichtes durch alle die Larven Irrlichter und Dunstgestal-
ten zu dringen die sich zwischen uns drängten, dafür aber hat mich seine nachherige
Bekanntschaft wie überhaupt das endliche Gelingen unsres Plans belohnt.
O!
schiken Sie mir doch ja das freundliche Wort welches Sie Cornelius nachsenden wollen
auf den Flügeln des Liedes – er würde in seinem kindlichen Gemüthe eine reiche
Belohnung darinn finden für seinen treuen Fleis der sich so schön in ihm mit dem
feurigen Genius paart. Eben jetzt giebt er mir einen neuen Beweis seiner edlen
Sinnes Art; ich hatte ihm nämlich schon hier versprochen daß er in Rüksicht des theuern
Aufenthalts in Rom von Reimers wenigstens 25 Fridrichsd’or erhalten solle und schrieb
deßwegen an diesen, der mir es gewährend fast eine noch schwerere Bedingung die
Vollendung von 8 Bildern statt 6 verlangte – dies schrieb ich nach Rom und erfahre
heute daß unser braver Kunstfreund mir auch dies auf gut Glük zugestanden
indem er sich auf Reimers Billigkeit und unser beider Vorwort
verläßt – 
ich schreibe in diesen Tagen an denselben und will ihn in das Gewißen reden,
Thun Sie aber doch auch ja was irgend in Ihrer Macht steht ihn zu bewegen
daß er wenigstens nach Vollendung des Werks dem guten Cornelius noch ein kleines
Douceur zusichre – Sähe er nur erst die Zeichnungen so würde es ihm nicht einfallen
sie mit den andern Callender Arbeiten zu vermengen – die umsonst zu theuer

Seite „2r“

gekauft wären da sie weder Stich noch die Unkosten des Papiers meistens verdienen
worauf sie abgedrukt sind.
Nun meinen herzlichsten Dank für den zweiten Brief vom vierten Nov: woraus ich mit
Beschämung gestehe daß Sie meine anmassenden Bemerkungen so buchstäblich beherzigt
haben – doch will ich nun zu meiner Rechtfertigung bekennen daß ich sie einem
katholischen Freunde nachgesprochen und wenn auch allzu pedantisch doch nicht aus
meinem eigenen Fürwitz gemeistert habe – Nun sind wir aber auch so ächt-
canonisch als ob wir unsre Legenden auf dem Concilium2 zu Constanz
geschrieben
hätten. Haben Sie Dank für Ihren freundlichen Zuruf auf der Reise die ich
zu meiner großen Freude und Belehrung glüklich vollbracht habe – in Cöln
verweilte ich 10 Tage und hatte der alten Herrlichkeiten so vollauf zu sehn
daß ich meistens 8 Stunden des Tages dem Beschauen und Wallfahrten von
einer Kirche zur andern widmen mußte. Wie herrliche Schätze der Malereÿ und
Baukunst sich hier zu einer eigens neuen Kunstgeschichte bewahrt, möchte
ich Ihnen mündlich erzählen. Auch viele vorzügliche Menschen lernte ich dort
kennen und bin, wie die Kaiserin von Frankreich,
in den herrlichen Dom von
denselben ehrwürdigen und gelehrten Männern geführt worden, wobei nur
der stolze Baldachim fehlte, und die Höflingsschaar, denn die herrlichste
Musik vernahm auch ich mit Posaunen und herrlichen Stimmen durch die
himmelragenden Gewölbe schallen bei einem Hochamt das den Tag vor meiner
Abreise gehalten wurde und sogar das Weihwasser wurde mir von einem der katholischen
Freunde in freundlichem Scherz als eine geistliche Ehre mitgetheilt.

Wie ungeduldig Sie mich auf Ihren reichen Helden Roman
machen! – es muß wie die
Ananas eine Frucht der wärmsten schönsten Einbildung jedem ein köstlicher
Genuß nach eigner Weise, allen nach dem besondern Sinn und doch ein schön-
verbundnes Gantze werden – so wie ich ihn mir vorstelle ist der Plan dieses
Gedichtes höchst glüklich gefunden – ich sage nicht erfunden denn solche Schätze
lassen die Musen ihren Lieblingen ungerufen noch gefordert in heiliger Stunde
der Weihe finden –; Mögen Sie an dessen Ausführung eben so viel angenehme

Seite „2v“

Tage erleben als Sie andern der heitern Stunden dadurch bereiten. Eben haben wir den
Todesbund
gelesen und ich kann Ihnen nicht genug sagen wie sehr er uns angezogen
hat. Habe ich Sie anders verstanden so wollten Sie in Reidmar
die liebenswürdigste
Subjectivität personificiren so mit der poetischen Natur verwebt und durch ihr
geistiges Feuer gehoben –. Sie stellen mir darin die liebenswürdige Krankheit
der jetzigen Zeit recht lebhaft und zugleich anmuthig rührend vor die Augen, so
wie man gerne eine zarte Somnambule sieht die ihr Leiden im Traum aussprechen
kann – welches ihr nüchtern und mit wachem Sinne verhüllt bliebe – . So bringt
auch Ihre schöne dichterische Begeisterung manches in Anregung was in den Wesen
und Unwesen unsrer Zeitgenossen sich ahnungsvoll regt und eine glükliche
Heilung verkündet wenn die Ärzte die Krisis zu benutzen verstehn.

Die Einweihungsfeÿer hat uns so innig gerührt daß Louise gleich das fromme schöne
Lied abgeschrieben hat,
auch des Abschiedsgrusses, den die Hochländischen Freunde
Reidmar zurufen,
konnten wir nicht satt werden – . Über alles aber rührend und
wahr ist sein Tod – und unsre Thränen flossen still wie Godwinens, da das Schicksal
so mild versöhnt wie eine warme Abendröthe im Wiederfinden der Getreuen auf sein
Sturmbewegtes Daseÿn niederschaut.
Sie haben es recht wahr ausgesprochen in der
schönen Dichtung, daß nur der bessre hier für seine Verirrungen gestraft wird – :
Auf den Gemütlosen haftet kein Eid und keine Pflicht; darinn eben aber liegt
der Vorzug den der Himmel dem Guten giebt daß er ihn züchtigt und warnt – .

Mich freut das Zutrauen Ihres lieben Töchtergens gar sehr und ich will es gewissen-
haft verdienen – Lassen Sie der süssen Kleinen doch auch einmal ein Wörtgen an
mich schreiben – Möge sie sich in aller Lieblichkeit zu Ihrer Freude entfalten die süsse
Blume, und alle auf sie vererbte Gaben zur Erheiterung und Vollendung eines harmonischen
Daseÿns in Leben und That anwenden – denn das ist wohl Ihr Ernst nicht daß sie
dem theuern Kinde die schmerzlichen Kämpfe auch um den Preis der schönsten Lorbeerkrone
gönnen mögten welche je die Musen um ein weibliches Haupt geflochten haben – 
Darüber könnte ich Ihnen noch so manches sagen und leicht käme es wohl gar zu einem
kleinen Streit worin Sie mehr die welterfahrne Matrone als die poetische Freundin erbliken
möchten –. Mein Papier endigt aber noch kann ich nicht schlafen indem mir das [###]