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Brief von Helmina von Chézy an Achim von Arnim

Dresden, 25. November 1819
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 37-38 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Achim von Arnim
Datierung
25. November 1819
Absendeort
Dresden
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 205 mm; Höhe: 245 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „37r“

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[Karl August Varnhagen]
Helmina von Chézy
an L. A. von Arnim.
Dresden, 25. Nov. 1819.
Die Sache liegt mir zu nahe am Herzen, als daß ich so lange mit der Antwort
zögern könnte, ich muß
Ihnen ja doch sagen daß ich Ihnen schrieb ich glaubte Sie hätten aus Gründen so gehandelt,
u hinzusetzte es wäre besser für mich diese Gründe nicht erst zu erfahren. Daß Sie sie mir
dennoch angeben setzt den Wunsch voraus ich möchte mich dagegen rechtfertigen; so
versteh ich es wenigstens, weil ein freundlich Herz immer das Freundlichste versteht. Ich
wüßte nicht was mir je so freudig, rein u erquicklich in der Erinnerung geblüht als Ihr
Jugendbild, u die ungetrübte Lust unsers Beysammenseyns in den schönen, jungen Jahren,
ich hätte das so gern in mir so erhalten, u kann noch nicht zugeben, daß ich mich
selbst um das gebracht haben sollte um welch was mich die trüben Verwicklungen
des Lebens gebracht. Der gegen mich so unendlich gute u freundliche Dalberg, der als ein
Greis dessen Liebe u Güte die eines wahren Vaters war meine Verehrung u Liebe in sein
Grab genommen, was mir nur als Freund u Wohltäter bekannt, ich konnte weniges
von seinen übrigen Verhältnissen, u glaube die Zeit wird noch manches zu seiner Rechtfertigung enthüllen, ist
doch der wegen derselben Anhänglichkeit einst so geschmähte Jubelgreis, der König
von Sachsen
einer der rechtlichsten, edelsten u herrlichsten Menschen, die leben, u
von seinem Volke wahrhaft geliebt. Die Sache mit Cl. u L. hat mich oft
gereut, wenn ich gleich dadurch daß ich ihm selbst auf das dringendste ermahnend geschrieben
hatte gegen ihn u seine Fühllosigkeit gegen L.s Ruf u Glück gereizt war, so wird mir Niemand so leicht
glauben, daß ich so dumm war zu denken Niemand würde die Geschichte verstehn
als die, J[×××] welche ich gemeint hatte.
Mir ist der junge Mann, dessen Sache ich

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ich dadurch zu führen glaubte darüber lange Zeit Feind gewesen, denn er hatte weder
eine Ahnung noch Kenntniß von meinem Meisterstück, Wilhelm H. schrieb mir
den allerbittersten Brief, L. verbannte mich, alle wurden böse, u so soll
mir Gott in der höchsten Noth helfen als ich es nicht minder ehrlich gemeint
hatte als jener Bär, der die Fliege todt schmeißen wollte. Ich sehe ein
daß man von einem bösen Geist der kecken Zuversichtigkeit u Vermessenheit
besessen sein mußte, um in guter Absicht so verkehrt zu handeln, aber daß
irgend ein andrer Mensch eine solche Erzählung auf die wahren Gegenstände ap-
pliziren würde hätte mir im Geringsten einfallen sollen, so zerriß ich Alles.
Sie haben indeß alle eingesehn daß ich, von der dies die erste Bosheit gewesen wäre,
einer so niedrigen Absicht unfähig war, u haben mir alle die Uebereilung eines
blinden Eifers, an dem meine Liebe zur L. den meisten Antheil hatte,
vergeben, ich wünsche es geschieht mir von Ihnen ein Gleiches, nichts ist schöner
u edler als an Jemand glauben, u wo noch einige Treue ist, da wird auch Glauben
seyn, u dieser helfe mir bey Ihnen auch gegen das zuletzt noch berührte Geschwätz.
Es ist eben mein Loos gewesen mit der Welt im Kampf zu leben, weil meine Erziehung
u ein schon von meiner Geburt u vom ersten Schritt verkehrt gegangenes Schicksal, falsche Ansichten von der Welt
u vom Leben, u manche Anlage, die eine unglückliche Richtung genommen, mich in Gefahr, Noth,
Angst u übeln Anschein gebracht. Dies Alles fängt sich zu bessern an, seit mich das

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Leben erzogen u seit so manches wegfällt, was mir den Kampf mit mir u andern
erschwerte. Nachdem ich so manches eingebüßt bin ich so reich an dem, was ich besitze,
u nehme als Geschenk was andre als Pflichttheil betrachten, so daß durch alle meine
Schmerzen hindurch eine Freudigkeit weht, wie ein himmlisches Licht durch Nebel,
darin selbst diese goldig u farbig zittern. Dazu machen mich meine Söhne sehr glücklich,
u ein anhaltender Fleiß giebt der Zeit Flügel, u der innern Stimmung Töne
u Farben, u gewährt mir das frohe Bewußseyn daß ich für einen gottgefälligen
Zweck thätig bin. Rechnen Sie dazu noch das angenehm geordnete u friedlich erhal-
tende des kleinen Kreises, in welchem ich hier lebe, so fühlen Sie wohl daß [ich]
nicht unglücklich u nicht gestört seyn kann, u daß ich selbst die herbe Pru[efung]
der Zeitereignisse mit stiller Hoffnung in Gott trage, so schneidend sie auch
an eigne noch immer blutende Wunden rührt. Leben Sie wohl, Lieber! u
wenn Sie einmahl Stimmung u Muße finden mir ein freundliches Zeichen
eines nicht mehr getrübten Andenkens zu geben, so erfreuen Sie damit
Ihre unwandelbare Freundin Helmina

Dresden 25 Nov: 1819.

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Sr. Hochwolgeboren
Herrn Ludwig Achim von Arnim
zu
bey Dahme