Prag
Der Sieg der Habsburger über die protestantischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg 1620 hatte für die Stadt Prag, die über längere Zeitabschnitte hin kaiserliche Residenzstadt gewesen war, einschneidende Folgen: Die Privilegien der Stände wurden beschränkt, 30.000 adelige und bürgerliche Familien begaben sich ins Exil, die tschechische Sprache wurde zurückgedrängt, da die gebildeten Schichten zum Gebrauch der deutschen Sprache überwechselten. Durch die zunehmende Zentralisierung der Habsburgischen Monarchie im Laufe des 18. Jahrhunderts büßte Prag an politischer Bedeutung ein. Kulturell blieb die Stadt aber weiterhin ein wichtiges Zentrum, was sich nicht zuletzt in fortgesetzter reger Bautätigkeit, der Errichtung von Kirchen und Adelspalästen, äußerte.
Nachdem Maria Theresia 1743 zur böhmischen Königin gekrönt worden war, wurden 1744 die Juden aus Prag ausgewiesen. 1745 wurde Maria Theresia Kaiserin. Die von ihr und ihrem Sohn Joseph II. angestoßenen Reformen hatten zum Ziel, im Interesse einer zentralisierten Monarchie einen einheitlichen Staatsapparat zu etablieren, was u. a. mit einer systematischen Germanisierung in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens verbunden war. Die wichtigsten Verwaltungsfunktionen wurden nach Wien verlagert. Während des Siebenjährigen Krieges wurde Prag 1757 vom preußischen Heer Friedrichs II. belagert und beschossen, wobei ein Drittel der Häuser zerstört wurde. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es zu einem wirtschaftlichen Aufschwung in der Region. Ein wichtiger Faktor war hier die Entscheidung Kaiser Josefs II. die Leibeigenschaft der Bauern aufzuheben, was viele Dorfeinwohner in die Stadt führte. Dadurch erhöhte sich der tschechische Bevölkerungsteil Prags. Schon seit Ende des 18. Jahrhunderts wurden Bestrebungen sichtbar, die Privilegien der böhmischen Stände zu erneuern. 1785 wurde die Königliche Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften gegründet. Ein buchhändlerisches Verzeichnis aus dem Jahr 1783 verzeichnet 110 Schriftsteller und Publizisten, die in Prag wohnten. 1787 besuchte Mozart Prag, wo er seine Oper „Don Giovanni“ vollendete, die am 29. Oktober 1787 im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater in Prag uraufgeführt wurde.
Zur Zeit der Befreiungskriege hielten sich in Prag Vertreter der deutschen antinapoleonischen Bewegung wie Ernst Moritz Arndt, Friedrich von Gentz und Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein auf, wiederholt aber auch Repräsentanten der literarischen und musikalischen Romantik. Wie später in Berlin, so war auch hier schon Rahel Robert, später verheiratete Varnhagen, eine wichtige Integrationsfigur. Sie engagierte sich in Prag für Verwundete aller Kriegsparteien und wohnte damals mit der Schauspielerin Auguste Brede bei Johanna Raymann. Die mit Rahel befreundete Karoline von Woltmann wohnte seit 1813 mit ihrem Ehemann, dem Historiker, Schriftsteller und Diplomaten Karl Ludwig von Woltmann, in Prag, der hier 1817 starb. 1824 wurde sie Redakteurin des Prager Unterhaltungsblattes „Der Kranz“. In mehreren Bänden gab sie von ihr bearbeitete „Volkssagen der Böhmen“ bzw. „Neue Volkssagen aus Böhmen“ heraus (1815, 1821). Für beide Frauen hatte das Leben in Prag eine besondere Qualität. Von den gesamteuropäischen Entwicklungen blieb die Stadt gleichwohl nicht unberührt. Als Josef von Sedlnitzky 1817 Präsident der Polizei- und Zensur-Hofstelle wurde, begann auch in Prag die Zeit der strengen staatlichen Kontrolle vieler Lebensbereiche. In der Folgezeit traten die nationalen Gegensätze immer deutlicher hervor. Besonders in den 1840er Jahren wurde die tschechische nationale Belebung sichtbar. Die revolutionären Bewegungen, die auch in Prag im Jahr 1848 kulminierten, wurden niedergeschlagen. Zugleich war dies das Jahr, das zur bürgerlichen Gleichberechtigung der Prager Juden führte, die sich nun in der gesamten Stadt niederlassen durften.
Literatur
Jiří Burian:
Das historische Prag: die Prager Neustadt, die Kleinseite, die Altstadt, die Prager Burg, Hradčany, Vyšehrad. Übers. von Gabriela Kalinová-Rehbergerová, mit Fotos von Jiří und Ivan Doležal.
Prag 1991.
Wilma A. Iggers:
Frauenleben in Prag. Ethnische Vielfalt und kultureller Wandel seit dem 18. Jahrhundert. Wien 2000.
Josef Janáček:
Dzieje Pragi. Übers. von Piotr Godlewski.
Warschau 1977 (Original: Prag 1973).