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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

[Kassel, 2. April 1847]
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 88 Hohenhausen Elise von, 02.04.1847 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
2. April 1847
Absendeort
Kassel
Empfangsort
Heidelberg
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 145 mm; Höhe: 218 mm
Foliierung
Keine Foliierung durch das Archiv vorgenommen. Keine Paginierung durch die Absenderin vorhanden.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Transkription und Mitkommentierung durch Betty Brux-Pinkwart; Kommentierung, Auszeichnung nach TEI P5 und XML-Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Elise von Hohenhausen
an Fr. von Chézy.


Ach liebste Helmine, wie hat mich Ihr Brief
erschüttert,
während ich Sie glücklich pries. hatten Sie meinen Schmerz
empfunden. Ihr Max hatte Sie verlassen
– O könnten wir
jetzt zusammen sein, und uns unsere Schmerzen und
unsere Hoffnungen mittheilen. Mein Carl zieht mich jetzt
mit heißer Sehnsucht nach Bonn
– Es ist mir als müßte ich dort
an seiner Seite begraben werden, da nun mein guter
Bruder Carl
bei meinem Enkelkinde, bei meinem lieben
einzigen Enkelkinde Fritz
schläft. Diese beiden bedürfen meiner
Liebe und meines Gebetes nicht, aber mein Sohn bedarf
es – x ich bitte ihn auch meinerseits zu begrüßen u ihn meiner
x großen Achtung zu versichern!

Ihren Sohn Wilhelm sah ich in Baden und erfreute mich
herzlich der gemüthlichen Gutmüthigkeit, die aus seinem ganzen
Wesen spricht. Auf meiner Rückreise hörte ich, er habe einen
Aufsatz im Morgenblatt
gegen die Spieler in Baden ge-
schrieben und dadurch Unanehmlichkeiten gehabt, demzufolge
er Baden verlasse und eine Reise nach Constantinopel
mache.
Ich fand darin ein ehrenvolles Martirerthum,
kein Unglück, und das war auch die Ansicht Aller, die da-
rüber sprachen. Nun scheint es mir nach Ihrem Briefe

liebe Freundin, als ob die Sache sich noch anders gestal-
tet habe. O beruhigen Sie sich darüber; er lebt und
ist brav. Alles Andere wird sich wieder ausgleichen
Sie selbst haben ja auch in frühern Zeiten
großes Unrecht für große Aufopferungen
erfahren.
Wie

Seite „1v“

dankbar bin ich Ihnen für die unendliche Mühe, die
Sie sich gegeben haben, um Wohnungen für uns
auszumachen. In das Predigerhaus aufs Land wünschte
ich mich gleich. ich nicht!
Leider kann ich aber jetzt gar nichts über
die Zeit unsrer Reise bestimmen, die sich, da Gott
mir meine Gesundheit wiedergegeben hat, aus einer
Gesundheitsreise in eine Vergnügungsreise umzu-
wandeln scheint, und wohl bis zum Hochsommer oder Herbst
sich
zu verzögern scheint.
Bemühen Sie sich, liebe Freun-
din, darum weiter nicht um Logis für uns. Die mir
darüber mitgetheilten Nachrichten sind mir aber sehr
wichtig, sie geben mir eine Idee von dem dortigen
Leben – Ach für den Unglücklichen ist nirgends Glück
zu finden wie im Tode – aber doch kann man sich
den Rest des Lebens erträglicher machen als in einer
Stadt wie Cassel, die ohne alle Freiheit, ohne allen
geistigen Verkehr ist.
Unser guter intressanter Ben David ist schon lange
heimgegangen
– Die alte Frau von Ledebur lebt noch
immer. Leopold ist in den Civildienst getreten
und glück-
Director der antiken Sammlung, Kunstdirector pp

lich verheirathet, bis auf die Kränklichkeit seiner Frau
Er hat hoffnungsvolle Kinder.
Von Herrn von Medem
weiß ich nichts ist Archiv-Director war in Coblenz
und von Heine wissen Sie gewiß mehr

Seite „2r“

wie ich. Das traurige Ende des Herrn von Held
ist Ihnen gewiß sicherlich bekannt geworden. Er erschoß sich,
schon 80 Jahre alt. Varnhagen hat seine Biographie

geschrieben.
Ich beneide Sie um Ihre Dichtergabe, die Ihnen auch
durch Schmerz und Gram treu blieb – Bei mir ist die
Poesie darin untergegangen, nur Prosa kann ich
noch schreiben – aber es kommt auch wohl daher weil
ich in ganz prosaischen Umgebungen lebe – Bei
meiner vorjährigen Reise in die Schweiz fühlte ich noch
Poesie in meiner Seele in den herrlichen mir ganz
fremden Gegenden, in Begleitung meiner lieben
Tochter, meines besten Kindes!

Der Frühling kommt früher zu Ihnen wie zu uns.
Heute am Charfreitage ist es noch sehr rauh hier – Ich
war in der Kirche – ich auch! Grüße Sie mit Hochachtung
    Base le mane

Möge sich stille Wehmuth auf Ihr Weh niedersenken,
das wünsche ich mir auch
Grüßen Sie H. Brugger
er mag sich vor dem Lichtfreund
hüten – es sind eigentlich Nichtsfreunde
Christus sagt: ich bin das Licht, die
Wahrheit und das Leben!!
L.v H

Von Herzen
Ihre

Elise von Hohenhausen
geb. von Ochs.

Lesen Sie doch meine Uebersetzung
von Youngs Nachtgedan-
ken.
Trost ist darin, mächtiger Trost, aber das Herz
bleibt danach einsam.
x u Frau Schlagenauf, u Grafen
Geinberg bitte zu grüßen u die
schöne Engländerin

Seite „2v“

[Helmina von Chézy]Selenvoller Brief von
meiner Elise v. Hohenhausen
wegen m. M. Todes