Charlotte von Ahlefeld an Sophie Mereau-Brentano
Saxtorf, 29. September 1803
Seite „41r“
41
[Karl August Varnhagen]Charlotte von Ahlefeld
an Sophie Mereau.
an Sophie Mereau.
Saxtorf d 29sten Sept. 1803.
Blos einigen Zeiten, zum Zeichen meines innigen
Dankes kann ich diesmahl auch deinen lieben Brief
erwiedern, der mir ein so freundlicher Beweis
deines Andenkens, und hier in diesem alten
verhaßten Steinklumpen, den ich bewohne, ein
wahrer Sonnenblick aus grauen Wolken war.
Aber so sehr ich mich freute, daß du meiner
so liebevoll gedenkst, so sehr befremdet, und
betrübt mich, was du mir über B. sagst. Ists
möglich, daß du noch an seiner treuen An-
hänglichkeit zweifeln kannst? Die Beweise seiner
Liebe, seiner Treue sollten doch lauter für ihn
sprechen, als jenes, von herzlosen Men-
schen vielleicht erdachte Gewäsch. Freilich
macht sein humoristisches Wesen, sein Witz, den
er nicht bändigen kann und kleine Zwistig-
keiten, die zwischen euch vorgefallen wa-
ren, es nicht unnatürlich, daß er bisweilen
wohl etwas könnte gesagt haben, was in dem
Munde des Kalten Wiedererzählens beleidigend
für dich klingt, aber er giebt sich eben so
offen hin, daß seine leisesten Gedanken
zu Worten werden, u. wem steigt nicht im
Dankes kann ich diesmahl auch deinen lieben Brief
erwiedern, der mir ein so freundlicher Beweis
deines Andenkens, und hier in diesem alten
verhaßten Steinklumpen, den ich bewohne, ein
wahrer Sonnenblick aus grauen Wolken war.
Aber so sehr ich mich freute, daß du meiner
so liebevoll gedenkst, so sehr befremdet, und
betrübt mich, was du mir über B. sagst. Ists
möglich, daß du noch an seiner treuen An-
hänglichkeit zweifeln kannst? Die Beweise seiner
Liebe, seiner Treue sollten doch lauter für ihn
sprechen, als jenes, von herzlosen Men-
schen vielleicht erdachte Gewäsch. Freilich
macht sein humoristisches Wesen, sein Witz, den
er nicht bändigen kann und kleine Zwistig-
keiten, die zwischen euch vorgefallen wa-
ren, es nicht unnatürlich, daß er bisweilen
wohl etwas könnte gesagt haben, was in dem
Munde des Kalten Wiedererzählens beleidigend
für dich klingt, aber er giebt sich eben so
offen hin, daß seine leisesten Gedanken
zu Worten werden, u. wem steigt nicht im
[Karl August Varnhagen]Bettine.
Seite „41v“
Moment der Leidenschaft zuweilen ein tadelnder Ge-
danke, selbst über die am meisten geliebten Menschen
auf? Ich bitt dich, traue niemand, als deinem eig-
nen Urtheil und ihm selbst: So wirßt du immer
wählen, was zu deinem Glück ißt. Die meisten
Menschen halten sich mehr an die äußere Form
als an den innern Werth, so auch die, die dir
abrathen. Lebst du in seiner Nähe, zeigst du
ihm, daß dir kein Opfer für ihn zu theuer
war, daß du aus reiner Liebe selbst auf
seine Hand verzicht thust, so müßte Clemens
nicht Clemens seyn, wenn er nicht ewig
mit fester Treue, ohne Wanken, so an
dir hinge, wie du verdienst. Engel! Dein
Glück ist mir theuer, auch Brentano ist mir
lieb, verkenne ihn nicht. Erkläre dich mit
ihm, und o möchte dein nächster Brief nur
in meine trübe Einsamkeit den Trost brin-
gen, daß du völlig überzeugt einer frohen
Zukunft entgegen gingst.
danke, selbst über die am meisten geliebten Menschen
auf? Ich bitt dich, traue niemand, als deinem eig-
nen Urtheil und ihm selbst: So wirßt du immer
wählen, was zu deinem Glück ißt. Die meisten
Menschen halten sich mehr an die äußere Form
als an den innern Werth, so auch die, die dir
abrathen. Lebst du in seiner Nähe, zeigst du
ihm, daß dir kein Opfer für ihn zu theuer
war, daß du aus reiner Liebe selbst auf
seine Hand verzicht thust, so müßte Clemens
nicht Clemens seyn, wenn er nicht ewig
mit fester Treue, ohne Wanken, so an
dir hinge, wie du verdienst. Engel! Dein
Glück ist mir theuer, auch Brentano ist mir
lieb, verkenne ihn nicht. Erkläre dich mit
ihm, und o möchte dein nächster Brief nur
in meine trübe Einsamkeit den Trost brin-
gen, daß du völlig überzeugt einer frohen
Zukunft entgegen gingst.
Von mir kann ich dir wenig sagen, nur daß ich
mich sehr unglücklich fühle, und daß ich mit Mühe
mich am Leben fest halte. Leb wohl, schreibe mir
bald wieder, und gedenke stets meiner. Von
Hamburg aus wirst du nun wohl meinen Brief
bekommen haben. Adieu, meine Sophie! adieu.