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Brief von Amalia Schoppe an Karl August Varnhagen von Ense

Hamburg, 7. Dezember 1825
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 286 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
7. Dezember 1825
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Umfang
1 Blatt
Abmessungen
Breite: 131 mm; Höhe: 215 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; XML-Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Erstdruck: Thomsen, S. 259–261.

Seite „286r“

286

[Karl August Varnhagen]
Amalia Schoppe.
Hamburg, den 7. Dezember 1825.

Verehrter Freund!

Mich erinnernd, daß ich Ihnen für einige freundliche Worte und eine nach-
sichtsvolle Beurtheilung meines den Freunden geweihten Buches
noch
Dank schuldig bin, benutze ich einige freie Augenblicke dieses A-
bends, Ihnen denselben abzustatten und mein Andenken in Ihnen
zu erneun.
So gütig Sie gegen mich waren, so hart ist unser Assing mit mir ver-
fahren; er hat mein armes Werk förmlich todtgeschlagen mit seiner
strengen, aber gerechten mündlichen Kritick; Rosa dagegen, als
Frau – und für Frauen erkühne ich mich ja einzig zu schreiben – 
geht schon milder mit mir um, und sagte mir besonders über
mein vorletztes Werk, „die Verwaisten“,
manches freundliche
und wohlthuende Wort.

Daß ich thätig – folglich auch heiter und gesund – im nun bald ver-
flossenen Jahre gewesen bin, haben Ihnen die Buchhändler-Anzeigen
wohl gesagt; es sind fünf Bände
von mir im Laufe desselben er-
schienen und drei Jugendschriften
werden jeden Augenblick erwar-
tet; das giebt dann eine gute Zahl! Es ist mir ein Bedürfniß, viel
zu schreiben, weil der Stoff noch in Fülle da ist, und der Stÿl ge-
winnt sichtbar dabei; so lasse ich mich gehen, weil ich einmal nicht
anders kann.

Den Sommer habe ich in ländlicher Abgeschiedenheit in dem rei-
zenden Dorfe Winterhude hinter Eppendorf verbracht; die Stille
war erhebend für Geist und Körper, wie die frische Landluft beson-
ders auch den drei Knaben gut bekam, die mit vollen, rothen
Wangen in die Stadt zurückkehrten; ich denke mir diesen Genuß
im nächsten Jahre wieder zu gönnen und freue mich, daß meine
Verhältnisse ihn mir gestatten. Es ist mir eine Frische und Lebens-
fülle durch mein Landleben geworden, die noch erheiternd auf den
traurigen Winter hinüberwirken, an dem wirklich nichts gut ist,
als das Christfest und die Anforderung zur größern Thätigkeit,
die sich im Sommer leicht zersplittert, so daß man sie nur mit
Mühe zusammenhält.
Je älter ich werde, je schöner und größer erscheint mir das Leben,
je bedeutungsreicher die Zeit; alle Gaben beider erhalten einen
immer größern Werth, und ich weiß oft vor Freude kaum zur
Freude zu kommen. Die Genüsse, reinen Quellen und frischen Sin-
nen entströmt, mehren sich fast mit jedem Tage den ich verlebe;
so fürchte ich das Alter nicht.

Ein neues Buch, das ich unter Händen habe, macht mir unendliche
Freude; es spielt in Peru und die Helden Columbias werden
tüchtig von mir studiert, wie Alles, was auf die Gegend und
die Geschichte der letzten Zeit Amerika’s Bezug hat; damit
vermehre ich meine Kenntnisse und mache mein Buch besser;
der Titel desselben ist: „Die Minen von Pasco.“

Seite „286v“

Mit Vergnügen und freundschaftlichem Antheil habe ich Goethes
Urtheile
über Ihre Biographien
gelesen; sie sind mir aus der
Seele gesprochen, aber nur Er versteht so etwas zu sagen.

Wir hofften Sie im verflossenen Sommer bei uns zu sehen; da
würden Sie mich auch in meinem Dorfe aufgesucht und ich Ih-
nen Häuschen und Garten gezeigt haben: ich hatte mich sehr
darauf gefreut! Wie sehr Sie auch Rosa und Assing durch Ihre
Anwesenheit beglückt haben würden, brauche ich Ihnen wohl
nicht erst zu sagen.
Das Verhältniß zu diesen theuren Freunden ist durchaus unver-
ändert; wir wissen ja nun auch, was wir an einander haben,
wenigstens weiß ich es und danke Gott für das Glück solcher Freund-
schaft. Unsre Kinder wachsen nun auch zu unsrer Lust heran und
wie ich hoffe, sollen sie das Band der Liebe fortbestehen lassen.
Mein Carl ist jetzt schon Schüler des Johanneums und hat die Bo-
tanik zum Studium erwählt; ob er späterhin practischer Kunst-
gärtner – welches ich am liebsten wollte – oder Gelehrter wer-
den wird, ist natürlich noch unentschieden; indeß lasse ich ihn
tüchtig unterrichten und hoffe ihn zum guten, brauchbaren Men-
schen zu bilden, auch macht er mir durch Fleiß und Betragen viele
Freude. Rosa’s Kinder sind allerliebst; man kann kaum
ein holderes Geschwisterpaar sehen, als dieses; von solchen Eltern
und mit so würdigem Ernste und so großer Liebe erzogen, konnte
das wohl nicht anders sein.
Gustav Schwab hat eine Biographie des trefflichen Uhland in
die „Moosrosen“
von Metzel – oder Mentzel – rücken las-
sen, auf die ich Sie aufmerksam mache; das Bildniß des
begabten Dichters steht voran. Sie nehmen wohl selten Taschen-
bücher in die Hand; so ergeht es auch mir; zu diesem kam
ich zufällig, als ich überall vergebens eine Biographie Uh-
lands suchte; das Büchelchen ist von diesem Jahre.
Die Memoiren der Genlis sind höchst unterhaltend;
mehr kann
man wohl kaum von ihnen sagen; sie tragen ein characteri-
stisches Gepräge an sich, das überaus ergötzlich ist; ich sehe die
gute, geschwätzige alte Frau vor mir, wie sie liebt und lebt;
an Tiefe ist nicht zu denken, an geniales Auffassen der Din-
ge auch nicht; sie steht so mit Wasserfarben gemalt vor einem
da, und malt selbst damit.

Mein Raum geht zu Ende, meine Zeit auch; dieses Blättchen
ist nur so ein in den Strom geworfenes Blümchen; möge es
den Weg zu Ihnen finden.
Ihre Sie innigst schätzende
Amalia Schoppe,
geb. Weise.

Hamburg d 7tn Dec: =25.