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Brief von Rahel Varnhagen von Ense an Karoline von Woltmann

Karlsruhe, 7. Januar 1817
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 281 Woltmann Karoline von, Bl. 91-92 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Rahel Varnhagen von Ense
Empfänger/-in
Karoline von Woltmann
Datierung
7. Januar 1817
Absendeort
Karlsruhe
Empfangsort
Prag
Umfang
2 Blätter (Doppelblatt)
Abmessungen
Breite: 210 mm; Höhe: 260 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „91r“

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Karlsruhe den 7ten Januar 1817. Trübes Windiges, warmes
Wetter; alles Gras ist raus: Gestern setzten die Leute schon
ihre Ertofflen
in die Erde: in Margraf Ludwigs
Garten
kommen die Spargel schon aus der Erde: ich ging Gestern
vor einer Laube vorbeÿ die mir grünlich schien: ich trat näher u
es war je-länger-je-lieber
, wo ich mir einen Zweig abrieß, an dem die
grünen Blätter aufgebrochen waren: wie das ganze obere Dach der Laube,
dabeÿ heitzt man doch frisch ein, u hatt Winterabende; unerträgliches
Wetter. u mir äußerst schadliches: weil man in nichts mehr, als in
Nebel lebt. Dies das Datum.
Ich habe wohl Ihren Brief in Frankf: erhalten, der mir sagte daß,
Elischen Rheimann fort seÿ; das Kind war ein Mensch: und
mir gestorben wie ein erwachsener. Es wußte Alles was man
erfahren kann. Eine feine Seele voller Rücksichten. Nichts
liebte es so sehr, als Grünes; das Freÿe, den Garten, Blumen.
Und mit emmotionirtem Erröthen erzehlte es mir am liebsten von
des Vaters
Guth, u Schloß, u Garten; u lud mich dahin: glaubte fest
ich müße dahin mit. Ich denke an dieses verstorbene Kind
wie an andere verstorbene Freunde: es lebt noch mit mir. Ich
bedaure nicht, daß es nicht mehr lebt; obgleich mich sein Todt sehr
traf. Diesen Grabstein wollt ich ihm beÿ Ihnen setzen! Schreiben, sehr
liebe brave Freundin kann ich auch heute, nach einem Jahre nicht.
Es war ein gestöhrtes: voller kleiner Reisen, kleiner Bekannt-
schaften. Kleinem Einrichtungsungemach; mit großem von
Jeder Erdenart drunter. (eben jetzt ärgert ich mich schwer, u

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habe auch den Faden wovon ich diesen Brief weben wollte, in völliger
Nerfenzerrüttung – ich nenn’ es immer, les nerfs renversés – verlohren:)
So wie wir uns sehen! Soll alles herauskommen! und gleich so, als
hätten wir uns ununterbrochen gesehen. Ging es ja, als wir uns zum
ersten Mal sahen, u noch gar nicht gesehen hatten. Schreiben nur
kann ich nicht: ohne das Unendliche zu schreiben. Besonders
da ich noch eine gezwungene nach allen Seiten hin gerichtete
Korrespondenz habe: Nerfen die kein Federführen mehr
dulden wollen; u keinen Augenblik der mir gehöhrt. Dies
letzte, ist Leben tödtend! In der Art ärgert mich eben jetzt
Einer bis zu Krämpfen. Diese meine Nerfen nun, u dies letz-
genannte, ist die Säge die mir schmerzhaft in jedem Augenblick das
Leben todt sägt; ohne, daß ich den rechten Ruhetodt davon erlangte.
Dabeÿ hab ich noch meine lebenvolle Natur in mir; also vielerleÿ momen-
tane, unnennbare Genüße, die aber immer seltener werden; u diese
Natur, die Glück bringen könnte, u einzig fordert; ist meine Folter.
Sie sehen wie ich in u nach dieser Stöhrung schreiben muß! Sie ergänzen
sich gewiß mein Leben, aus Ihrem! Leidet Woltm. diesen
Winter auch so? wo waren Sie im Sommer? Wohnen Sie noch
auf dem Rhatschinn
? Setzen Sie Ihren angefangenen sehr schönen Roman

fort? Waren Sie in Töpliz? Die hiesigen, von den hiesigen so
sehr gelobten Bergen, das überlobte Badenbaden; sind nichts
gegen Böhmen, Töpliz, Karlsbad, Prag! Der Ort hier eine
Ich habe viele Leute kennen lernen. Wangenheim, Rükert, Franzosen: Alles!
Mein prager Bruder Ludwig ist gestern nach Stuttgart gereist. Kommt in einem Monath wieder zu mir.

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kleine Residenz, keine Hauptstadt, eines Hauptlandes.
Also nicht viel zu holen: außer für Leute die immer
holen; u also doppelt vermissen, daß ihnen nicht auch vieles
u Neues, u Material-großes vor die Augen tritt. Solcher
bin ich: ich haße Einsamkeit: muß Ruhe haben, u will
Leben sehen. Mein Leben ist mir weit weggekommen: es
ist u war
nur ein Beschauen, Urtheilen, u Helfen. Man irrt
sich am längsten über sich. Doch ist Bildung aller Art, u Luxus hier:
wie in jedem Winkel Deutschlands: u in Pausch u Bogen
lebt
man wie allerwärts. Thee, Meubel, Blumen, Petinet, Besätze
Bälle, Orden, raßlende Wagen, Divans, „Gebundenes Gespräch“
„trauriges Spiel“ Komedie, Redute, boutiquen. Jammer, Neid, Betrug
Lüge, Wohlthatsvereine, Mittleid, Kirchen: etc.: Vier Messen war ich
in Frankfurth: noch im September: wo ich Schlegels viel sah. Ihn muß
man dringend, u mit Kopf anreden; dann kommt die Wahrheit
klarer heraus: oft dacht’ ich schon: er hat wahrhaftig recht! Sie ist
voller Aufrichtigkeit, heiterer Güte, u auf eine Art befangen die
ehrlich ist, u die man gerne respektirt: durchaus liebens-
würdig, u ganz klug dabeÿ: ich liebe sie sehr! Haben Sie Steffens
neuste Blätter gelesen? Die gegenwärtige Zeit u wie sie ge-
worden,
etc: titulirt. „Ich nenne es Blätter, weil es absolut kein Buch
ist: nur wie ein Kopf aus dem sich dereinst eins gestalten sollte,
u, so genommen, ungemein interessant. Ärgerlich aber, u nerfen-
kriblend im höchsten Grad: da er den Geist sabern
läßt: ein Mensch
der so vielem hat: voller Einfälle ist, sich des weiter Denkens

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des tiefer Schauens gar nicht erwähren kann: den die heuchlerische
faule, nichtige Modebehauptungen, u Sprache anekelt wie mich;
u der ihr nicht zu entgehen weiß! Was ist das für ein ganz
neues Wahnsinnrad in einem der besten Köpfe, voll Natur
Ich aber merkte sein Sparrn längst: in dem kleinen Büchelchen
über Universitäten:
wo er über Geschichte – was sie ist – im
höchsten Sinn sprach; klaarsinnig, u natur
u mit Einemmale, am Ende des Schriftchens, durch einen will-
kührlichen unvermutheten Sporrnschlag, sein Flugpferd herumreißt
u mit Mann und Roß, in’s Kristenthum setzt. Da war er! Keine
Replike war möglich: das Buch aus. Da hätte ihn Einer pakken sollen
u vor Gott in die freÿer Natur, mit seinem innersten Wesen stellen
sollen! Aber man irrt sich; ein falscher Ton muß wiederkehren;
Man stimmt menschenseelen nicht um wie Harfen und Orglen! Varnh:
sagt er habe Ihnen zuletzt geschrieben; ich schrieb nicht mit. Nun hab ich zuletzt
geschrieben! Mlle Benda die als Schauspielerin nach Prag kommt, aus
Kabale hier weggekommen ist, wünsche ich Ihnen zu empfehlen. Sie ist
unsere Landsmännin. Seit ich auf der Flucht u fremd war,
empfahl, u empfang ich gerne Jeden Fremden. Sie verdient es:
sie ist wohlerzogen, braf: u eine alte Freundin der Brede. Seÿn
Sie freundlich gegen sie#: es wird ihr unendlich wohlthun! Sie
war hier eingelebt, u sehr beliebt: sieht nur jetzt etwas
schlim aus. Ihr Tallent wird sie bald durch ihr Spiel darthun.
Ich grüße herzlich Woltm:! Varnh:sie beÿde! Ihre alte wie Sie mich
kennen Rahel.
Bald kommt Frühling u Feilchen! Ich pflüke Ihnen
eins!
# rathen Sie ihr in Allem! – Kleinen.