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Brief von Karoline von Woltmann an Karl August Varnhagen von Ense

Berlin, 3. Oktober 1833
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 281 Woltmann Karoline von, Bl. 25-26 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Karoline von Woltmann
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
3. Oktober 1833
Absendeort
Berlin
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 125 mm; Höhe: 200 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „25r“

25

[Karl August Varnhagen]
Frau von Woltmann.
Berlin, den 3. Oktober 1833.

Sie haben mir durch Ihr Geschenk eine
wahre Freude gemacht. Zuerst sah ich
das Buch
bei Präsident Roth in Mün-
chen
, der es mir zeigte, sehr davon
ergriffen und sagte: er müsse Ihre
Frau durchaus im Leben gesehen haben,
so sei ihm, und doch sei er gewiß,
daß dies nie geschehe.
Mit tiefer Be-
wegung und Erbauung habe ich die
Blätter aus den letzten Jahren Rahels
gelesen, und Vieles angestrichen, das
mich durchs Leben begleiten wird. Dies
ist das Theil der edlen Menschencreatu-
ren, Andre, über ihr Daseyn hinaus,

Seite „25v“

zu ihrer eigenen Läuterung und Gei-
stigkeit zu erheben. Der Tod ist nichts
von äußern Umständen Abhängiges:
wenn Gewissen und Bewußtseyn
sich durch die Bedingungen der Körper-
lichkeit und ihres gegenwärtigen Da-
seyns so gekräftigt, daß sie vermö-
gen sich einen höheren Organismus
für ein höheres Daseyn zu gestalten,
sterben wir. Wie, wo wir diesen
bilden, welcher Art? – das bleiben
die Fragen worauf die Trennung be-
ruht, womit der Zurückgebliebene
sich abquält.

Seite „26r“

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Aber sonderbar geheimnißvoll und na-
türlich aus sich selbst hat sich Rahels
Wesen zu jenem Vermögen eines hö-
heren Seyns ege entfaltet. Ich habe es
mit Freude und Andacht bemerkt und
wünsche ihr innigst Glück zu dieser See-
ligkeit. Es thut mir sehr leid, daß wir
uns in den letzten Jahren ihres Lebens
nicht mehr mitgetheilt. Lesen Sie doch
Montlosiers Buch: Sur les Mystères de
la vie humaine
, erster Theil und
Anfang des zweiten Theils. Das Buch
hat mich überaus ergriffen. Die Art
wie Rahels Blätter mich bewegten

Seite „26v“

ist für Sie gewiß der Wwillkommenste
Dank.

Mit hochachtungsvoller Theilnahme

C. v. W.
3ten October
1833.