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Brief von Karoline von Woltmann an Johannes Schulze

o. O., 24. April 1842
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 281 Woltmann Karoline von, Bl. 20-21 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Karoline von Woltmann
Empfänger/-in
Johannes Schulze
Datierung
24. April 1842
Absendeort
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 215 mm; Höhe: 270 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „20r“

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[Karl August Varnhagen]Frau von Woltmann.
an J. Schulze.

Sie erhalten, lieber verehrter Herr, hier mein Buch,
dessen Erscheinen die Unzuverlässigkeit des Druckers ver-
zögert, dessen Nachlässigkeit mit Druckfehlern entstellt hat,
welche ich nicht alle bemerkt und angezeigt habe. Sie verzei-
hen letzteres.

Ein rein Göttliches im Leben nehme ich an, schöpferische Kraft
bestimmt durch einen schöpferischen Lebensgedanken. Dieser
Gedanke bildet das Lebensgesetz, jenen Logos, welcher sich
in Christus und in der christlichen Lehre verkörpert, welchen
die Welt, das Leben verkörpern soll. Durch diese bestimm-
te Auffassung eines Urbegriffes Princip der Intelligenz,
seiner Anwendung nach auf die Kraft Princip des Lebens
unterscheidet meine Auffassung sich vom Pantheismus
und von der hegelschen Lehre. Als Seele spreche ich die schöp-
ferische, durch jenen Gedanken als Lebenskraft bestimmte,
so ihrer rein absoluten Wirksamkeit entäußerte Kraft
an. Auf diese Grundform des Lebens beziehe ich zwei an-
dre, Bewegung und Verkörperung. Die Verkörperung

aber

v. Woltmann, C. –

Seite „20v“

aber auf die Bewegung und auf einen Zusammenhang zwischen
dem irdischen und dem allgemeinen planetarischen Leben. In
Gemäßheit der zwiefachen Wirksamkeit der Seele in der Form
als Kraft, die sich im Allgemeinen als Leben will und
sich durch einen bestimmten Gedanken als solches regelt,
fasse ich eine zwiefache Wirkungsform des Lebens auf
eine allgemein bestimmte bedingende, eine absolutbestimm-
te, welche durch jene bedingt wird und jene bestimmt. Sie
sehen wohl, den Gedanken, welchen Schelling
zu Erklärung
des Wesens der Gottheit benutzt, habe ich benutzt zu
Erklärung des Lebens, und dadurch zu Erklärung der
Gottheit soviel dies vom Menschen absolut begriffen
werden kann.

In Hinsicht meiner Auffassung des Lebens wird
ein Dreifaches, dem ich allerdings eine bestimmte wissen-
schaftliche Begründung ertheilt habe, noch nicht diejenige,
deren es fähig ist, durch wissenschaftliche Forschung
vervollständigt werden müssen: 1) Meine Ansicht von
der Beziehung des irdischen auf das allgemeine pla-

netarische

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planetarische Leben, vom primitiven Akt des irdischen Lebens
als einen Akt jenes ersteren. 2) Meine Ansicht von den
wesentlichen Beziehungen zwischen Wärme, positiver Elek-
trizität, Sauerstoff, Kohlenstoff, als von beiden letzte-
ren Formen als elementarische Repräsentanten der
expansiven, von Magnetismus, Licht, Wasserstoff
und Stickstoff, als wesentlich zusammenhängenden, die
contrahive Form der Lebensbewegung gleich also repräsentiren-
den Formen, die darinn die damit zu, so wie mit der
Grundform der Bewegung zusammenhängende Ansicht von
zwei anorganischen, den zwei Geschlechtern der organi-
schen Gattungen der entsprechenden Lebensformen, so
wie von einer dritten, auf beide bezüglichen den or-
ganischen Gattungsformen entsprechenden anorgani-
schen Form der Lebenswirksamkeit. 3) Die Ansicht von
der Entstehung des organischen Lebens aus anorga-
nischem Leben, die erste bestimmte Erklärung einer sol-
chen, die erste auf wissenschaftliche Daten gestützte.
Lesen Sie das Buch ohne Vorurtheil wider den weiblichen

Autor

Seite „21v“

Autor. Die Kraft Gottes ist auch als Geisteskraft im Weibe
wie im Manne stark und lebendig; so verschiedene Mani-
festationen sind der Wirksamkeit dieser Kraft. Die Forschung
ersetzt mir die Familie. Durch Ihr Leben, verehrter Mann ge-
hen zwei Richtungen, welche ausser der gemeinschaftlichen Ver-
ehrung und Liebe unsres Dalbergs mich gegen Sie mit An-
hänglichkeit und Hochachtung erfüllen, mit Vertrauen: der
Schutz welchen Sie dem Studium des classischen Alterthums
als Grundlage aller ächt menschlichen Bildung, so standhaft
ertheilt,
Ihre gleiche Aufrechthaltung der herrlichen Wahr-
heiten der hegelschen
Lehre. Als eine Ausführung letzterer
hoffe ich, sollen auch diese Blätter sich ihren Schutz erwer-
ben. Mit der herzlichsten Empfehlung an Ihre Ge-
mahlin
und mit der ausgesprochenen Gesinnung

24.sten April 1842.
Ihre
C. v. Woltmann