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Brief von Helmina von Chézy an Karl August Varnhagen

Genf, 13. April 1854
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 286-287 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
13. April 1854
Absendeort
Genf
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 150 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; Korrektur durch Katarzyna Szarszewska
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „286r“

286

[Karl August Varnhagen]
Helmina von Chezy, an Varnh.
(diktirt.)
Genf, den 13. April 1854.

Hochverehrter Freund!

Warum sind wir nicht in einem Spätsommer
1810, wo ich Sie kennen lernte in Correspondenz
gekommen? Zwar war ich trübe gestimmt, in Sor-
gen beängstigt durch des Wilhelms schlechte Gesundheit.
– aber ich war doch nicht alt, nicht blind, nicht im
Elend, nicht verfolgt! Wenn auch dies alles
nun negativ ist, so faßt es doch ein gutes Theil
vom Positiven mit ein.
Ach! wird Ihnen mein Brief Willkommen
sein? er sagt nur Trübes. Vor allem wünsch-
te ich Ihr Rath in meiner franz: Angele-
genheit, es muß in Frankreich stark ge-
gen mich gewürkt worden sein und zwar
mit dem entschiedensten Erfolg.
Der Be-
scheid des Ministers Rotuul dem ich sehr
anständig und überzeugend geschrieben hatte
um ihm zu Gemüth zu führen: 1. daß die
Anschaffung der persischen Chrestomathie

Seite „286v“

eines Riesenwerkes von Verdienst und Talent,
verbunden mit einer Anthologie welche mit
reizenden Uebersetzungen begleitet ist, wie
auch ebenfalls die Chrestomathie, deren Inhalt
Alles umfaßt was den Antheil des Dankens, der
Dichtung und des praktischen Menschen erwekt
und zu einer vollständigen Uebersicht der gan-
zen herrlichen Litteratur, Poesie und wißenschaft-
lichen Bestrebung in allen ihren Verzweigungen
aufstellt.
Eine sehr gedrängte und klare Dar-
stellung hat Samuel Monk in einem Briefe
über Chezys persischen Nachlaß gegeben; so-
viel ich mich erinnere steht dieser Brief
unter anderen in Biographie Universell
60. Theil Supp. Art: Chezy. Dies ganz prak-
tische Werk liegt in den Manuskripten, die
in meiner Hand sind, zum Druke geordnet.
Bei den Verhältnißen welche die genaue Kennt-
niß des Orients, und namentlich Persiens
immer mehr nöthig macht, und da das Werk,
an welchem Chezy seine ganze Jugendzeit ver-
wendet, einen Platz in der orientalischen
Litteratur ausfüllt, der bis jetzt noch ein
leer geblieben ist, aus dem einfachen

Seite „287r“

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Grunde, weil niemand als er im Stande war ihn
auszufüllen; da dieß Werk zugleich Sÿlvester
de Sacy’s
arabische Chrestomathie
gleichsam
vervollständigt, da es deßen Anmerkungen über
den Orient noch mehr Klarheit und Vollständig-
keit hinzufügt, so würde es als eine willkommene
und nothwendige Mitgabe für diejenigen erschei-
nen welche sich dem orientalischen Studium widmen,
ein Studium welches die Zeitverhältniße täglich erfor-
derlicher machen. Wüßte ich diesen Thatsachen die ge-
hörigen Worte zu geben und erführe ich was in
der gelehrten Welt geschieht; allein ich liege hinter
einer Mauer. Die Vortheile welche mit der Her-
ausgabe dieser Chrestomathie verbunden sind
habe ich alle dem Minister gut vorgestellt, allein
er antwortet; die Regierung wäre kein Buchhändler,
der Manuscripte an sich kaufte und verlegte; er nennt
Chezy einen homme distinqué! und an einer an-
dern Stelle deßelben Briefes, heißt er ihn auch le
maitre de M. Burnouf
! Sie wißen erinnern
sich, mein Theuerster! daß Chezy der Lehrer der
größten Indianisten unserer Tage war.
Der Herzog von Bassano
hatte den liebreichtsen
und schönsten Willen für mich; er hatte meine

Seite „287v“

Vorstellungen an Ludw. Napoleon
in Sfeason
besorgt, und die
ganze Angelegenheit gut eingeleitet. Aus seinen Briefen
geht hervor daß der Kaiser geneigt war das Werk Chezys
zu nehmen; es muß durch eine hämische Einflüsterung al-
les verdorben worden sein. Ich habe Verdienste um Frank-
reich selbst, nach der Schlacht von Hanau
habe ich vielen Hun-
dert Franzosen Leben und Gesundheit mit großer Anstrengung
und Aufopferung gerettet, dieß geschah absichtlos für mich, aus
innerer Nothwendigkeit;
Rahel hätte er auch gethan – 
Es liegt ein Beglaubigungsstük dieser Thatsache in Paris beim
ehemaligen Minister Grafen von Villemain.
Sagen Sie mir nun, alter Freund! Wie wäre das Ding anzu-
greifen, ich will meinem Briefe, Ihrer lieben Augen we-
gen nichts weiter hinzufügen. Ich habe seither auch physisch viel
gelitten; laßen Sie mich auch erfahren wie es Ihnen geht
und ob Sie etwas für mich ausdenken können. Mein Brief
ist ein Rettungsschreiben; an Ihr Herz wird er anschlagen,
Calderon sagt „Vergebens horcht am Thore der nicht anpocht’
an die Seele.“

Seien Sie mir innigst und segnend gegrüßt
Ihre Helmina von Chezy
Genf route de Suisse
den 13ten April
1854.