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Brief von Charlotte von Ahlefeld an Helmina von Chézy

Weimar, 4. Februar 1847
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 1 Ahlefeld Charlotte von, Bl. 31 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Charlotte von Ahlefeld
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
4. Februar 1847
Absendeort
Weimar
Empfangsort
Umfang
1 Blatt
Abmessungen
Breite: 135 mm; Höhe: 230 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Renata Dampc-Jarosz; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „31r“

31

[Karl August Varnhagen]Charlotte von Ahlefeld
an Fr. v. Chézy.
Weimar den 4ten Febr. 47.
Meine geliebte Helmina, zu Ihrem Geburtstag
bringe ich
Ihnen nachträglich mein ganzes Herz voll Liebe dar!
Das ist das beste Angebinde, das ich geben kann.
Hätte ich einen Balsam, der Ihre Wunden lindern, ach,
und heilen könnte – wie glücklich würde ich mich fühlen.
Der liebe Todte
aber ist glücklicher als wir Alle. Er
schied in voller Lebenskraft, und hatte doch gewiß
eine heitere Jugend verlebt. Des Alters Kelch schmeckt
bitter – nur Erinnerungen können ihn würzen.
Gebe Gott, daß die Ihrigen die Zeit fest halten, wo er
als ein reizender Knabe, und dann als froher Jüng-
ling an Ihrer Seite stand. Ich betrachte bei schmerz-
lichen Verlusten durch den Tod meine Da-
hingeschiedenen als Verreiste. Sie weilen wie
in einem fremden Lande, wohin ich vielleicht
auch ein mal gelangen kann. Bis dahin lebe
ich mit ihnen im Geist u. im Gemüthe fort;
wie eine unsichtbare Kirche verbindet Liebe und
Treue mich mit ihnen. Darin findet mein Schmerz
Beschwichtigung. Ich bin jetzt sehr geplagt mit
nothwendigen Antworten auf viele Briefe,
aber ich lasse alles liegen, um, wie Sie wünschen,
Ihnen recht bald zu schreiben, und Ihnen für Ihre
Engländerin, wie Sie es wollen, einige Gedichte

zu schicken, die ich auf gerade wohl aus der
Sammlung meiner poetischen Versuche ge-

Seite „31v“

wählt habe. Das weitere sagt das beigefügte Blatt
In Ihrem Streben, den Armen ein guter Engel
zu seyn, erkenne ich Sie ganz wieder. O wie
Vielen haben Sie schon seit Jahren die hülfreiche
Hand gereicht. In einem solchen Bewußtseyn
liegt Trost. Wie sehne ich mich, Sie ein-
mal zu sprechen. Gewiß wird es noch
einmal hienieden geschehen. Ihre Nori-
ca
habe ich mir ehe ich reisete gekauft.
Es dauerte lange, ehe sie kam, und ich lese
oft drin, Sie lebhaft vor mir sehend.
Zu den Grundsätzen, die mir die Noth-
wendigkeit aufdrang, gehört meine Neigung
zu Büchern zu überwinden u. mir
keines zu kaufen. Aber eine Ausnahme
ist ja doch wohl gestattet, und ich habe viel
Freude an diesem theuern Buche. Ich hoffe
bald wieder von Ihnen zu hören, und werde
dann ausführlicher schreiben, als jetzt, wo
meine Zeit für viele Tage – bei schwachen Au-
gen – in Anspruch genommen ist. Frankieren Sie
aber ja nicht, wenn Sie mich lieb haben, u. verzeihen
Sie daß ich es thue. Ich umarme Sie in Gedan-
ken u. bin für immer Ihre treue CvA.