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Brief von Amalia Schoppe an Rosa Maria Assing

Winterhude, 22. Juni 1830
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 140-141 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
Rosa Maria Assing
Datierung
22. Juni 1830
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 195 mm; Höhe: 243 mm
Foliierung
Foliierung mit Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Erstdruck: Thomsen, S. 306–311.

Seite „140r“

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Assing
Winterhude d. 22sten Junÿ, längster Tag, 1830.


Theure, vielliebe Rosa!

Des geliebten Assings freundlicher Besuch von gestern Abend, die theilweise Mittheilung Deiner
Briefe und deren der Kinder, zusammt einem anregenden Gespräche, machten den Wunsch
in mir rege, Dir mit einigen Zeilen nahe zu treten, und diese, so hoffe ich, sollen
auch Dir nicht unangenehm sein.
Der theure Assing benutzte die ersten günstigen Stunden – was nämlich das Wetter
anbetrifft – zu mir zu kommen, u ich war so glüklich, von einem Spaziergange, den
ich mit Julius u Alphons eben angetreten hatte, durch die Stimme der guten Mut-
ter u der vielgetreuen Lena
noch wieder zurückgerufen werden zu können,
worauf wir, nachdem A. sich eine Weile ausgeruht, auf seinen Wunsch den
gar köstlichen Spaziergang zum Moor hinunter vereint antraten. Herz und
Brust ging uns Beiden auf u A. freute sich innigst an der herrlichen, stets
neuen Aussicht, an den wogenden, mit Cÿanen durchwebten Kornfeldern.
Mit der nur ihm eigenthümlichen Bewegung nahm er den Hut ab u schwenkte

ihn, gleichsam als begrüße er Schöpfer und Natur; Du wirst das kennen.
Wie liebend Deiner und der Kinder gedacht wurde und wie wir jedes Capitel
Deiner Briefe
besprachen, kannst Du denken, wie auch, daß Deine Freuden und
Genüsse in uns das reinste Echo fanden. Läge Neid nur irgend in meinem
Character, so müßte ich Dir diese Reise
beneiden, ich, die ich mit weit sich nach
allen Seiten ausstreckenden geistigen Fühlhörnern an die Scholle gebannt
wurde. Auch was hinter der Reise liegt, wird nur Genuß sein, besonders
für Dich, der ich das Talent des geistigen Wiederkäuens im hohen Grade

zuschreibe. Wie gern ist Dir das aber gegönnt! wie froh macht mich Dei-
ne Freude!
Zudem ist durch diese Reise eine große Lücke in Dir ausgefüllt, da Du endlich
die Schwägerin kennen und, wie Deine Briefe bezeugen, so von Herzen
lieben lerntest. Die Sehnsucht nach der nähern und selbst persönlichen
Bekanntschaft so naher Personen kann und muß endlich zum Schmerze
werden, wenn sie keine Befriedigung findet.
Ueber mein stilles, freundliches u von innen und außen friedliches Leben sage

ich Dir nichts, denn Du kennst es. Mein Dörfchen übt den alten Zauber
über mich und wirkt selbst auf den Körper wohlthätig. Noch immer entzückt
uns Abends das Zauber-Mährchen der flimmernden Stadt, noch immer
wandle ich im Morgenthau zwischen den neu erschlossenen Blumen der
runden Beete; noch immer wird gegraben, gesät, gepflanzt, auch hinten
im Gemüsegarten der reiche Segen geärntet, alles mit stillem Danke
gegen Gott, dessen Walten mir mit jedem neu verlebten Tage klarer
wird.
Es gab in dieser Zeit Gelegenheit, ihm innigst und unter Thränen zu dan-
ken. Am Dienstage, den 15ten, stürzte nämlich ein Theil der jetzt abgebro-
chenen Johanniskirche auf das Johanneum, gerade als alle 600 Kinder
darin unterrichtet wurden. Quinta wurde ganz zerschmettert und zwar
so, daß man den Himmel durchsieht; Sexta litt sehr und die erste
Paralell-Classe gleichfalls. Lehrer und Kinder konnten sich nur retten,

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indem sie den Sprung durch die sehr hohen, gänzlich zerschmetterten Bogen-
fenster wagten, der indeß ihrer Leichtigkeit gelang. Julius hatte eine Con-
tusion am linken Auge, so wie an Stirn, Wange und Schenkel erhalten,
aber eine ungefährliche, und um mich durch sein dickes, aufgeschwollenes und
von dem Stein verletztes Gesicht nicht zu erschrecken, war er mit Alphons
so lange am Brunnen geblieben, bis er durch aufgelegte nasse Taschentü-
cher die Geschwulst vermindert hatte.
Ich war am Morgen mit dem Regenschirm nach Fuhlsbüttel gegangen,
denn das abscheulichste Regenwetter hatte mich zuletzt doch verstimmt und
ich suchte Aufheiterung. Beim Zuhausekommen fand ich die Knaben zur
ungewöhnlichen Stunde vor und hörte nun das Ganze. Mein erstes Ge-
fühl war ein furchtbarer Schauder – dann ging ich auf mein Kämmerlein
und dankte unter heißen Thränen Gott für die Erhaltung meines lieben
Knaben. Es bildete einen furchtbaren Contrast, daß ich in eben der
Stunde, wo mein Kind in der schrecklichsten Todesgefahr gewesen, so
innig vergnügt und heiter in der schönen Natur sein können, denn
das war ich wirklich gewesen. Wie glüklich sind wir, daß wir nichts
wissen, als was wir sahen oder mit Augen sehen! Auch darin pries
ich mein Geschick, daß ich nicht früher Kunde von dem Unfalle erhielt,
ehe ich die Kinder gesund und den Julius nur so unbedeutend ver-
letzt sah, denn welche Angst hätte ich ausgestanden! Im Ganzen
ist das Unglück sehr glüklich abgelaufen, denn nur einige Knaben
– Julius sah nur Zwei, des Musikhändlers Cranz Sohn und einen
kleinen Brasilianer, der bei Prof. Müller in Pension ist, wurden auf den
Armen der Lehrer in Prof. Calmbergs Haus getragen; die Uebrigen
kamen, wie es scheint, mit leichtern Verletzungen davon. Ein
Mann wird vermißt und wird zerquetscht unter den furchtbaren
Trümmern liegen, die man jetzt wegräumt. Die Erschütterung
war so furchtbar, daß Dr Röpe, der den Knaben eben Stunde gab,
Zweimal zur Erde sank und kaum die Worte hervorzubringen
vermochte: Kinder, rettet euch! Der Eingang war theils verstopft
vom Geröll, theils durch den Andrang der flüchtenden Knaben,
so daß nur der Sprung aus den Fenstern retten konnte; Julius
war der Vorletzte und sein Nachfolger, der Sohn eines Baumeisters,
erlitt schon schwerere Verletzung. Als einen sehr schönen Zug
muß ich anführen, daß Director Krafft, obgleich Familienvater,
gleich nach dem Einsturze von Quinta in diese Classe ging, um
zu sehen, ob auch noch Knaben unter den Trümmern lägen,
denn die Gefahr war noch nicht beseitigt, da Sexta handbreite
Ritzen durch Wände u Decke hatte und ganz schief gebogen war.
Dein Bruder, der das Johanneum kennt, wird sich von Allem einen
deutlichen Begriff machen können. Es sind beim Abbrechen der

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Kirche unverzeihliche Nachläßigkeiten vorgegangen, die man, wie es hier
Sitte ist, möglichst von Seiten der Behörde zu beschönigen, so wie das
Ganze zu unterdrücken sucht. Krafft hat angekündigt, man könne die
Kinder nur wieder schicken, indem alle möglichen Vorsichtsmaßregeln
getroffen; weshalb aber traf man sie nicht gleich? Ich schicke Julius
nicht wieder hin, bis ich mit eignen Augen die Sache untersucht habe
und andre Eltern machen es eben so.
Das Wetter war in dieser ganz Zeit abscheulich, ja so unerträglich, daß
es selbst auf meine Stimmung übel einwirkte, was viel sagen will, da
ich sonst das Unvermeidliche mit Ruhe und selbst mit Heiterkeit ertrage.
Mein Trost war die Arbeit und ein gutes Buch, Abends früh das Bett.
Paganini habe ich nicht gehört, auch nicht die Schätzel noch die Schröder; Du
kennst meine Angst, mich in irgend ein Gedränge zu wagen; Assing ist in-

deß von Ersterem wahrhaft entzückt und schlug mir vor, seinem vierten
Concerte beizuwohnen. Er bot mir freundlich für die Nacht Dein Bett
an und wollte hinunterziehen; ich hätte dies ohne Bedenken angemom-
men, kann aber meinen Widerwillen gegen das Gedränge nicht über-
winden.
Gestern Abend haben wir Deine und der Kinder Gesundheit getrunken und
herzlich darauf angestoßen; A. blieb bis fast 9 Uhr und ich begleitete
ihn dann zur Brücke. Er ist sehr heiter und gemüthlich und Eure Freude

ist es, die ihn so freut. Alles Andere wird er Dir selbst schreiben.
Ueber Mad. Robert hätte ich gern mehr von Dir gehört, denn sie steht
in der Erinnerung als eine eben so anmuthige als bedeutende Erscheinung

vor mir; bestelle ihr gütigst meine freundlichsten Grüße. Auch Deinem
Bruder und der von Dir so hochgestellten Schwägerin bitte ich mich bestens
zu empfehlen.
In mir ist ein neuer Lenz aufgegangen und selbst Lieder strömen; es
sind meist Blumenlieder, wie ich mich denn innigst zu diesen stillen,
geheimnißvollen Kindern der Natur hingezogen fühle, die ich mehr
zu verstehen glaube, als viele Andere es wohl thun; wenigstens reden sie
gar oft zu mir durch ihre Düfte.
Botanik muß ich mit Carl fleißig treiben, der einmal nichts Anderes den-
ken und reden mag. Er selbst hat viel von seinen Blumen und ist still,
in sich verschlossen und schweigsam wie sie; an Tiefe fehlt es ihm dabei nicht,
wohl aber an dem Vermögen, sich mitzutheilen. Seine tiefe, innige
aber stille Neigung zu mir, hat sehr viel Rührendes; so wird er gleich
blaß, wenn er mich einmal unpäßlich glaubt. Die beiden Andern
sind beredter, feuriger in ihrer Liebe, aber am meisten glaube ich mich
doch von ihm geliebt. Es ist mir Lust und Freude, die beiden Kleinen
zu Pferde zu sehen, besonders den gewandten, sehr graciösen
Julius, der es mit jedem Kosacken im Reiten aufnehmen dürfte.
Ohne Sattel und Zaum scheinen sie mit dem Pferde zusammengewach-

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sen zu sein und wagen das Tollste – das ich denn auch dulde, meine
Mutterangst mit Gewalt bekämpfend, denn Knaben müssen ihre Kräfte
auf alle Weise üben. Alphons versuchte sich vor einiger Zeit zuerst
im Galopp; er hatte dabei geweint, wie Julius sagte, vermuthlich aus
Angst. Am andern Tage versuchte er es aber doch wieder und kam
mit leuchtenden Augen zu mir: „Mutter, nun habe ich nicht mehr
geweint!“ So sind die Knaben!
Ich will aber dieses Kapitel schließen, Theuerste, denn eine Mutter kann
kein Ende finden, wenn sie auf ihre Kinder kömmt.
Unser Andreas-Brunnen in Eppendorf ist sehr belebt, seit die Prinzessin
Juliane von Dänemark ihn bezogen hat. Sie hat ein gutes, kluges

Gesicht, wie es mir schien, denn ich sah sie nur flüchtig, und lebt so
still, als es für eine solche arme Person nur möglich ist.
Du hast in Deinen Briefen unser liebes Hamburg gelobt und auch
das hat mich gefreut; wie sehr es mir an’s Herz gewachsen ist,
wie ganz ich unsre goldene Freiheit zu schätzen weiß, ist Dir
bekannt. Ich glaube nicht, daß es mir noch möglich wäre, an ei-
nem andern Orte so glüklich zu sein, als ich es hier bin.
Ich schließe, Geliebteste, um den Kindern noch zu schreiben; unten
stehen meine beiden letzten Lieder, die ich Dir mitzutheilen brenne, wie
einst in den Tagen der Jugend. Gott mit Dir, Theure! Liebe! Amalia.
1/ Calycanthus floridus.

Wie der Schwan im Singen scheidet;
Wie die Nachtigall ohn Farben,
Duftest Du nur im Verblühen,
Mußt auch Du an Schimmer darben.

Wenn verwelken Deine Blätter,
Wenn Dein stilles Blumenleben
Aus dem dunklen Kelch entfliehet,
Dann nur darfst Du Düfte geben.

So trägt im verschloß’nen Busen
Mancher wohl des Liedes Töne,
Bringt, so lang ihm Leben blühet,
Nie ein Opfer der Kamöne;

Doch wenn dunkeln sich die Blicke,
Wenn in seines Herzens Tiefen,
Aufgeregt von Grabesschauern,
Bild und Formen, die dort schliefen,
Plötzlich magisch jetzt beleuchtet,
Sich in hellern Tinten heben,
Dann erwachen in ihm Düfte:
Dichtet er zuerst im Leben.
*

2/ Rose.

Rose darf als Kerze düften,
Um sich streuen Balsamwogen,
Die, umwallt von Frühlingslüften,
Ich voll Wonne eingesogen.
Ist es mehr der Farben Schimmer,
Mehr die Form, die mich entzücket?
Das Betrachten g’nüget nimmer,
Wie voll Lust das Aug’ auch blicket.

Alles hat Natur gegeben,
Ihr, der Blumen Königin:
Dufterfülltes Jugendleben,
Schönste Form, und Geist darin.
Und wenn endlich auch verglühet,
Ihres Lichtes Purpurschein;
Wenn schon Tod ihr Haupt umziehet
Darf sie doch noch Balsam streun.

Also lebt unsterblich Leben
Auch der Sänger süßer Lieder;
Andre Form mag Tod ihm geben,
Was er sang, hallt ewig
wieder!
*