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Brief von Amalia Schoppe an Rosa Maria Assing

Hamburg, 28. Mai 1813
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 230 Schoppe Amalia, Bl. 62-63 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalia Schoppe
Empfänger/-in
Rosa Maria Assing
Datierung
28. Mai 1813
Absendeort
Hamburg
Empfangsort
Altona
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 120 mm; Höhe: 190 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Paweł Zarychta; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „62r“

62
Assing
Hamburg am 28ten May 1813.

Mit dem Lichte dieses Tags, theure Rosa! ist Deine Freundinn erwacht und eilt zu
Dir um Dir zu sagen daß sie mit der innigsten Liebe Dein gedenkt. –

Die Rükkehr dieses für mich so schönen Tags
überschüttet mich mit so
vielen, vielen Erinnerungen, deren Bilder sich theils freundlich tröstend,
theils drohend und schaamerregend vor mich hinstellen – ich fühle es schmerzlich,
Deine Liebe hatte mir oft zu vergeben! Dank daher Dir und dem guten
Geiste, meine Rosa, die Ihr die Fehln und Mängel meines Wesens
kanntet und mich doch nie verließet!
Die heiligsten Entschließungen für die Zukunft beleben mein Herz und
in Deine Hand lege ich den Schwur, Deiner Liebe ein theures Geschenk,
mit aller Kraft der Klarheit und dem Bessern nachzustreben
und nicht mehr der Spielball jeder sonderbaren Laune, wie bisher
so oft, zu seÿn. Erhalte mir darum Deine Liebe nur, Du theures
Wesen! denn läßt der Himmel mir Zeit, so will ich alle Schulden
gegen Dich abtragen und Du sollst Thränen der Freude über deinen Zög-
ling vergießen wie einst des Schmerzes – o Rosa, Rosa diese Thränen
verfolgen mich wie blutige Gespenster!
Und bestraft mich gleich der Himmel durch Verbannung von Dir und kannst
Du mit eignen Augen nicht sehen wie es so viel besser um mich steht, so soll
mich das nicht beunruhigen; es war ja stets Wahrheit zwischen uns, ich
schreibe es Dir dann und erfreue so Dein liebendes Herz das gerne glaubt
was ihm lieb ist. –
Obgleich ich weiß daß Dir das Versprechen, Dich ewig und innig zu lieben und
dem Bessern muthig nachzustreben die schönste Gabe Deines Festes ist,
so verarge der Freundinn es nicht wenn sie diesem Versprechen einen
Zeugen giebt, ein Buch woraus sie manche frohe Stunde schöpfte und
welches Dir darum lieb seÿn wird – jede Minute des Glüks macht den
Menschen besser, das ist gewiß. –

Wie gern wäre ich heute zu Dir gekommen! den Weg hin und zurück an
Einem Tage zu machen erlaubt aber mein Körper nicht, daher muß ich mir
dieses Glück versagen da Deine Belagerer mir kein Plätzchen ver-
gönnen wo ich die Nacht schlafen könnte, auch kein Wagen zu
bekommen ist.
Gott mit Dir, theure, vielgeliebte Rosa!

Ewig Deine Amalia.

Seite „62v“

Seite „63r“

63


Mit dem Buche: Das Kreuz an
der Ostsee.

An Rosa Maria, d. 28ten Maÿ
1813.

An dieses Buches schönsten Blütenstellen,
Hat oft mein Aug’ mit ein’ger Lieb gehangen;
Die Glaubenssterne die drin herrlich prangen,
Sie mußten oft den trüben Geist erhellen.

So leih auch du die lieben holden Blicke,
Dem Buch zuweilen da die Freundinn ferne;
Erinnerungen sind Trennungs-Nächte Sterne,
Wenn früh die Sonne sank von schönerm Glücke.

Amalia.

Seite „63v“