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Brief von Amalie von Helvig an Rahel Varnhagen von Ense

Berlin, 29. November 1831
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 84 Helvig Amalie von, Bl. 29-30 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Amalie von Helvig
Empfänger/-in
Rahel Varnhagen von Ense
Datierung
29. November 1831
Absendeort
Berlin
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 130 mm; Höhe: 215 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Agnieszka Sowa; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „29r“

29

[Karl August Varnhagen]
Frau von Helvig
an Rahel.
Berlin, den 29. November 1831.

Sie sind immer so gütig gegen mich beste
Frau von Varnhagen,
was mich zweifach rührt – erstlich
weil ich es so wenig verdiene, sodann weil ich samt
meinem ganzen Wesen schon außerhalb der Gegenwart
liege und folglich fern der heitren Region die Sie zu
beherrschen pflegen und welche Menschen von so regem
Geist wie Sie billig fast allein erzeugt.
Ich meines Theils könnte wieder jedem der es sehen kann
offenbaren was man aus einem glücklich begabten Menschen
machen kann, wenn man ihn lieb u rüksichtslos in
die dunkle niedre Lebens Sorge einsetzt, wo er zuletzt
von allen Gegenständen verlassen die ihn an sich selbst
erinnern – umsonst nach Luft u Licht schnappend
erschöpft dahinsinkt. – Doch ich will nicht klagen, wie
viel Leute bessre als ich sind an diesem Erden-
fluche gestorben. Von meiner gegenwärtigen Mattigkeit,
daher Angst haben Sie keinen Begriff – es ist eine Agonie
aber ich sehe das Ende nicht voraus.
Manchmal wirkt eine dargereichte ansprechende Speise auf
meine Seele sehr glüklich, da möchte ich Ihrer Güte
gar zu gern die eben herausgekommnen Bände der Briefe
eines Verstorbenen
verdanken. Dora soll sie mir sogleich
vorlesen u auch ein Buch das 1ste oder 2te nehme ich mit
wärmstem Dank an. Haben Sie es jetzt nicht so befehlen
Sie wann ich wieder schicken soll. Recht verdrieslich
ists daß die Bardeleben so weggeblaßen worden,
wie ein loses Blatt, ohne Nutz u Frommen. Es
thut ihr auch leid, allein solcher Weg ist jetzt schwer

Seite „29v“

zurück zu machen – sehr dringend fragt sie in ihrem
letzten Brief nach Ihnen beiden. Varnhagen ist doch wohl? – 
Hat er Hegels
Nekrolog wohl geschrieben u Clausewitzens
? – 
Alle diese Begebenheiten nehmen ein Stükgen Leben mit
fort – . Ich ende, weil ich muß u nichts gutes zu sagen
habe. War die Ananas aus Muskau so danken Sie dem
Besitzer für allen Reichthum der Lebensdüfte die er auf
seinem Weg aus reichem Füllhorn niederstreut.


Dienstag früh:
Ganz die Ihrige
Amalie v Helvig geb. v Imhoff

Seite „30r“

30

Seite „30v“

[Karl August Varnhagen]Amalia von Helvig an Rahel.
Berlin, 29. Nov. 1831.

An
Frau von Varnhagen.
Hochwohlgeboren.