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Brief von Helmina von Chézy an Karl August Varnhagen von Ense

Heidelberg, 15. November 1847
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 270-271 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Helmina von Chézy
Empfänger/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Datierung
15. November 1847
Absendeort
Heidelberg
Empfangsort
Berlin
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 135 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „270r“

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[Karl August Varnhagen]
Helmina von Chézy.
Heidelberg, den 15. November 1847.
Es war liebreich u Ihrer würdig, verehrtester Freund, mir so bald
Beruhigung zu gewähren,
denn die Sachen stehn so schlimm, als
ich sie ansah u sehe, u es ist wichtig, daß nichts versäumt werde!
Meine neueste Offenherzigkeit, wie Sie es nennen, scheint mir noth-
wendig, denn nur zu leicht kann es entdeckt werden, daß ich in Heidelberg
bin; ich habe Hr Humboldt gebeten dem Minister zu sagen, es sei meines
Sohnes wegen geschehn, u weil ich in Frankreich mit den 1,200 Fr. gar
nicht auszureichen wüßte.
Ja, meines Max Verlust können Sie sich nicht beugend genug für
mich denken, obwohl auch Sie über ihr Liebstes u Köstlichstes trauern.
Seine erschütterte Gesundheit ließ dem Gedanken nicht Raum, nach Berlin
zu gehn. Er bedurfte fortwährend Landluft. Darum hatte er es nie
in Paris aushalten können.
Ich hatte alle diese Jahre Sie in Wiesbaden gewußt, u wollte hin, doch
es war unmöglich. Kommen Sie nicht diesen Frühling nach dem grünen
Süden?
Herrmann Marggraf, dessen vortrefflichen Bruder ich in München
oft sah, ist mit Gattin u Kindern hier, er redigirt mehrere Abtheilungen
der Deutschen Zeitung
. In seiner lieben, stillen Haushaltung bin ich
einheimisch geworden, u es erleichtert meine Tortur, die Leben heißt, daß
ich so reine, warme, durchgeisterte Luft athme. Dieser Freund nun
hat mich seit längerer Zeit angegangen meine Erinnerungen zu einem

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Werke zu ordnen, u da er sich selbst die Ueberfülle des Stoffs
u vorhandener Briefe von allgemein-beziehungreichem Werth wol
vorstellen kann, so bot er mir seine Mitwirkung an, auch
weiß er wol daß: „Beschäftigung, die nie ermattet“ – so wie:
die alle Wunden heilet, der Freundschaft leise, zarte Hand –„
mich retten müssen, auch werde ich an das Werk gehn, sobald ich in
Stand gesetzt bin, eine Wohnung zu beziehen, die unter meiner jetzigen,
einstweilen genommenen, liegt, wo ich nicht auspacken kann.
Ich bin jetzt,
2 bequeme Treppen hoch, in entzückend gelegnen, freundlichen, reinlichen 2.
Dachzimmern, wären es 3, u könnt’ ich meine herrlichen Gemälde
von meinem Max, u die in 15 Kisten enthaltene Maße von Papieren
u Büchern gehörig dort ausbreiten, so würde ich sie behalten, so aber
warte ich auf den bevorstehenden Umzug der Miether des mittlern
Stocks, um diesen, der aus 5 Piècen besteht, u 120 fl. jährlich kosten
soll, zu beziehen, ich habe auch dort den Riesenstein
, u die so
wolthuende Waldluft, im Frühling u Sommer den Gesang der Vögel
u die Blüten in den Gärten. Das Haus trägt die No=258, u ist
dicht an der Friedrichsstraße, in der ruhigen Plöckstraße gelegen.
Alter? Kränklichkeit? O, die lassen sich besiegen, wenn nur das
Herz nicht durch Absterben der Lieben seiner Stützen beraubt wurde.
Ihnen und mir sind so Viele voraus heim gegangen, uns Beiden theuer
war aber, wie Sie die Bilder der Dahingeschiedenen vor die Seele zu

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zaubern weiß, daß uns nur ihr eigenstes Wesen in harmonischer
Beleuchtung klar wird, der erweckt sich u der Nachwelt die geliebten
Todten, u feiert in ihrer Mitte ein unvergängliches Leben.
In meinen unversiegbaren Thränen um meinen Max – gestern waren‘s
eilf Monat, daß ich ihn sterben sah – erlosch meine Glut des Schaffens –
Ein großes, ich darf sagen, gehaltvolles Werk, dem eine Idee, die mir
neu u anziehend scheint, zum Grund liegt, 1826 im Herbst begonnen,
oft, u Jahrelang unterbrochen, innerlich aber stets reifend, liegt,
seit dem Max im Grabe, Wilhelm im Argen, u reift nicht mehr – 
Ich hatte Heidelberg verlassen wollen – ein Freund, Dr. Leopold Ilse

dessen holdes Weib mir unaussprechlich theuer, rieth mir von dem
Vorsatz, dem einzigen, der mir noch lockend war, ab, nach der Schweiz
zu gehn, weil er die jetzigen entsetzlichen Ereignisse
voraussagen
konnte. Ich beschied mich, weil ja auch in einem theuern Grabe Heimath-
boden ist, ich darf mich auch wegen der Pension aus Paris nicht sehr von
der Gränze entfernen, nimmt man sie mir, ja, dann!
Sollte sie mir genommen werden, was, ach! nur allzuwahrscheinlich! So wünschte
ich wohl daß Sie, mein gütiger Beschützer, nachdächten
Auf welchen Wegen eine Beihülfe zu ermitteln?
Ich habe mich vor u nach Chézy’s Tod in unerhörten Opfern für meine
Söhne erschöpft, bin außerdem in Heidelberg dreimahl beträchtlich bestolen
worden, es geht seit 5 Jahren zumahl, hier Allen so – Poley
u sein Ausbund von einem Weibe – Mm Méaville
, die er ihrem Mann entführte

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die nun mit ihm u seinen 2 Kindern in Paris, wo er beim Catalog der Köngl. Bibliothek
für 1800 Fr. jährlich arbeitet, wie sie mir schreibt „„dans une gène affreuse“ lebt,
sind mir viel schuldig, ich muß es verloren geben. Er u sie hatten mir abgeleugnet,
daß Sie die Entführte sei, ich hab es erst durch Engländer hier erfahren. Ich kann
mich, trotz des Ausbleibens ausgeborgter Gelder, hier, wo ich seit 37 Jahren
als rechtschaffen bekannt bin, theils durch Credit, theils durch Verwerthung
verschiedener Sachen, theils durch Beharrlichkeit im Entbehren, noch eine
gute Weile über Wasser halten, sollt es aber Gott gefallen diesen trüben
thränenvollen Tagen kein so nahes Ziel zu setzen, u meine jährl.
1,200 Fr. mir entzogen werden – sollte die jährl. Unterstützung von
unserm Könige mir durch unvorgesehnes Unglück auch noch dazu
entgehen, so bin ich hülflos. Wenn Sie glauben, daß mit dem
Maynzer Ganelon
Bopp!
, der, nebst dem unseligen Wilcken den Ankauf
der gediegnen Werke Chézy’s hintertrieb, noch was zu machen
wäre, besonders für Chézy’s göttliche Persische Chrestomathie
 – 
die ja doch dem Maynzer keinen Stoff zur Eifersucht geben
kann, da sie nicht Indisch ist? Aber Bopp zürnt dem Andenken
seines edeln Meisters, weil Chézy in seinem Nalus
Fehler auffand,
die todten Feinde, Wilcken, W. Schlegel zürnten ihm, Ersterer wegen
einer Critik, letzterer wegen Chézy’s Ausstellungen an seinem
Bhagavat-Ghita
 – meine Mißgeschikke sind durch den Neid solcher
Männer hier, wie in Frankreich vermehrt worden – u nicht, sie segnend
doch, bei Gott! sonder Haß, sagt mein Schmerz, daß nicht blos der
Vater, auch der Sohn Chézy diesem elenden Neid zum Opfer gefallen,
denn nur mit einigem Wolstand würde Max muthig geblieben sein,
hätte keinen falschen Weg, keinen Proletarier-weg in seiner Kunst eingeschlagen
u sich in kleinlichen Bestrebungen nicht zersplittert u aufgerieben.
Mit Liebe, Dank u Segen, verehrtester Freund!
Ihre
Helmina von Chezÿ.
Heidelberg 15 Nov. 1847.