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Brief von Karl August Varnhagen von Ense an Helmina von Chézy

Berlin, 25. Januar 1856
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 751-752 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
25. Januar 1856
Absendeort
Berlin
Empfangsort
Genf
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 135 mm; Höhe: 215 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „751r“

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[Karl August Varnhagen]An Helmina von Chézy.
25. Januar 1856.
Verehrteste Freundin!

Sie haben nun meinen Brief vom 21. und können
urtheilen,
mit welchen Empfindungen ich bald nach sei-
nem Abgange den Ihrigen vom 16. nebst der neuen
Sendung Manuskript erhielt!
Wäre die Mittheilung
nur für mich, zum Lesen, zur Kenntnißnahme be-
stimmt, so würde sie mir ein genußreiches Fest sein!
Da sich aber weitere Zwecke und Absichten damit
verbinden, so fühl’ ich vor allem die Pflicht und den
Drang, diesen förderlich zu werden, und die anmu-
thigen Erzählungen einer so reichen Vergangenheit
auf
die Bahn einer gedeihlichen Öffentlichkeit zu führen.
Ich habe neue Segel aufgespannt, und gebe die Hoff-
nung nicht auf, irgend einen sichern Hafen zu erreichen.
Auch sind ja in letzter Zeit die Friedenshoffnungen,
mit denen die unsern so innig verbunden sind, über
alles Erwarten gestiegen. Mehr aber, als die reinen
Denkwürdigkeiten,
dürfen wir im Augenblicke nicht
anbieten; die Gedichte und Briefschaften der Karschin

können erst später in Frage kommen, wenn das eigent-
liche Werk veröffentlicht und gediehen ist. Um nun
meinen Versuchen gleich die rechte praktische Gestalt
geben zu können, muß ich vor allem wissen, welche
Bedingungen Sie stellen, wenigstens das Minimum der-
selben, unter welches Sie nicht herabgehen wollen. Für
das Maximum stellen leider Andre die Gränzen! –
Mir ist eingefallen, sind Sie nicht in alter Verbin-
dung mit dem Freiherrn von Cotta? Sollte dieser nicht

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empfänglich sein für einen Antrag von Ihnen?
Ich selbst bin nicht mehr in dem Verhältniß zu ihm,
um füglich an ihn schreiben zu können. –
Ihre Abschnitte über Frau von Récamier
und
Frau von Dudevant sind außerordentlich anziehend
und selbst geschichtlich von Bedeutung.
Dürfte vielleicht
der erstern, gleichsam als Ankündigung und Probe, in
einer Zeitschrift mitgetheilt werden? –
Tausend Dank für die Blätter von George Sand

Die bloßen Handschriftzüge sind mir schon unendlich
lieb und werth. Den Inhalt jedoch find’ ich, trotz der
im Allgemeinen ertheilten Erlaubniß der edlen Schrei-
berin, doch etwas bedenklich zu veröffentlichen. –
Ich schreibe auch heute wieder nur kurz und eilig,
und unter traurigsten Eindrücken und Störungen; ich
höre dicht neben mir die rührendsten Wehklagen und
das peinlichste Schmerzgestöhn! Es ist ein großer Jammer!
Der Himmel sende Ihnen seine beste Segnungen!
In treuester Gesinnungen und mit herzlichsten Wün-
schen unwandelbar
Ihr
dankbarst ergebener

Varnhagen von Ense.
Berlin, den 25. Januar
1856

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