DE | EN

Brief von Karl August Varnhagen von Ense an Helmina von Chézy

Berlin, 18. Januar 1854
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 737-738 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
18. Januar 1854
Absendeort
Berlin
Empfangsort
Genf
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 130 mm; Höhe: 215 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „737r“

737


[Karl August Varnhagen]An Helmina von Chézy.
18. Januar 1854.
Hochverehrteste Freundin!

Herzlich gefreut hat es mich, aus Ihrem zweiten Briefe
zu erfahren, daß Sie des Augenlichtes doch nicht ganz beraubt
sind, und also auch die größte Hoffnung vorhanden ist, das-
selbe noch wiederzugewinnen! Obgleich der Zustand, den
Sie schildern, immer ein tief bejammernswerther, für Sie,
die Sie lebenslang gewohnt sind zu schreiben und zu lesen,
besonders qualvoller, mit den bittersten Entbehrungen
verbundener bleibt. Hoffen Sie jedoch, hoffen Sie! Die
Augenheilkunde hat große Fortschritte gemacht, und Per-
sonen, die lange Zeit erblindet waren, haben in hohem
Alter die Sehkraft wiedererlangt. – 
Sie wünschen zu lesen, was ich in Betreff Ihrer aufge-
setzt habe; hier ist es, doch nur wenige Worte, wie ich
solche für zweckmäßig hielt. Freilich müssen andre nach-
folgen, und von mehreren Seiten her, damit aus der Sache
etwas werde. Zürnen Sie nicht, daß die Farben etwas
stark aufgetragen sind; es war nöthig, wenn Eindruck
gemacht werden sollte; wir haben hier eine dicke, ver-
zehrende Luft, was in ihr sichtbar werden will, muß
nicht nur leuchten, muß brennen, sonst dringt es nicht durch.
Hätte ich über Sie zu reden aus eignem Sinn, ohne den
äußern Zweck, Sie würden zufriedner mit mir sein!
 – 
Die Äußerung Chamisso’s,
die Sie als eine verletzende

fühlen, ist in der That ganz ungerecht, ganz gegen seinen
eignen früheren Sinn. Der theure Freund war in spätern
Jahren mehr und mehr unfrei geworden, und dies besonders
durch die Vormundschaft Hitzig’s, der sich seiner zuletzt ganz

Seite „737v“

bemächtigt hatte, und in vielen Beziehungen nachtheilig
auf ihn wirkte, ohne doch je ganz mit ihm zufrieden zu
sein. Hitzig irrte in vielen Fällen das Urtheil Cha-
misso’s
wie sein Benehmen; ein gewisser Dünkel von
Tugend und Ehrbarkeit herrschte in dem ganzen Kreise,
und war im Grunde viel unsittlicher, als all der Leicht-
sinn einer frischen Jugend, der nun verdammt wurde.
Dabei meinte es Hitzig doch gut mit dem Freunde, dem
er nur Gutes zu erzeigen glaubte, wenn er ihn zu ver-
hitzigen suchte! Vieles wäre hierüber noch zu sagen,
doch nur in ausführlichem Eingehen auf das Innerste der
Karaktern, was, wie jedes Seziren eines Leichnams,
kein vergnügliches Geschäft ist. – Sie aber, Verehrteste,
sind wahrlich eine Dichterin, und werden als solche an-
erkannt bleiben, solange die deutsche Sprache gilt! Sehr
schön und wahr sind die Verse, die Ihnen Chamisso in
den grünen Almanach
schrieb; noch mehr aber gefallen mir
die, welche Sie zur Grabschrift Ihres Sohnes bestimmt haben.
 – 
Die gedruckten Bruchstücke Ihrer Lebenserinnerungen

sind mir alle bekannt, ich habe sie mit größter Theilnahme
gelesen und verwahre sie sorgfältig. Aus eben dieser Theil-
nahme entspringt der lebhafte Wunsch, solche durch neue
Diktate vermehrt zu sehen. Sie haben gewiß noch viel
mitzutheilen. Einen guten Schreiber scheinen Sie zu haben,
es müßte Ihnen aber auch ein vertrauter Redakteur zur
Seite sein. Wie Sie leben, wie Sie umgeben sind, kann
ich aus Ihrem Briefe nicht ersehen. Hoffentlich sind Sie
doch noch im Besitz Ihrer wichtigern Papiere? An ge-
drucken Büchern erleidet man immer Verlust, wenn
man nicht an demselben Orte bleibt, und wie viel sind
Sie umhergewandert! Das Buch Rahel
würde ich Ihnen
gern ersetzen, ginge das in die Ferne hin so leicht, und
wäre dasselbe nicht grade jetzt Ihnen nutzlos! – 
Ich verbringe einen traurigen Winter, der Wechsel von
Frost und Thauwetter weckt mir Rheuma in allen Gestalten;

Seite „738r“

738

ich hüte wochenlang das Zimmer, und wenn ich es wage
auszugehen erfolgt gewöhnlich neue Erkältung. Alle Vor-
sätze zur Arbeit werden mir vereitelt, aufgeschoben, und
ich entbehre des besten Trostes alter Tage, der Thätigkeit
nach eigner Lust und Wahl, während ich immerfort mit Din-
gen überladen bin, die der Tag fordert. – 
Wenn Hr Meyerbeer sich der Aufführung der Euryanthe

ernstlich annimmt, so hoff’ ich den besten Erfolg. Er ist der
rechte Werkmeister für dieses Anliegen, er kann am leichte-
sten die Stimme des Hofes dafür gewinnen. Sollte ich Gele-
genheit haben ihn zu sprechen, so werde ich nicht versäumen
es mit wärmstem Nachdruck zu thun. – 
Leben Sie wohl! Der Himmel sende Ihnen reichen Trost,
Augenhülfe und jede andre! Der Frühling – im Januar
denkt man schon an ihn – wird Ihnen Gutes thun. Mit
innigsten Wünschen in treuem Andenken hochachtungsvoll
Ihr ergebenster Varnhagen von Ense.
Berlin, den 18. Januar
1854.
Soviel ich mich erinnere, sind in Hitzig’s Ausgabe von
Chamisso’s Schriften
 – ich habe sie nicht zur Hand – keine
Briefe von ihm an Sie mitabgedruckt. Fänden Sie es nicht
zweckmäßig, eine Anzahl derselben – von bescheidener
Hand redigirt – nachträglich mitzutheilen? Dadurch würde
die gegen Sie verübte Unbill am besten ausgeglichen. Es
erscheint vielleicht bald wieder eine neue Auflage. – 

Seite „738v“