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Brief von Karl August Varnhagen von Ense an Helmina von Chézy

Berlin, 31. Mai 1852
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 47 Chézy Helmina von, Bl. 735-736 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Karl August Varnhagen von Ense
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
31. Mai 1852
Absendeort
Berlin
Empfangsort
Genf
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 140 mm; Höhe: 210 mm
Foliierung
Foliierung in Bleistift durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Jadwiga Kita-Huber; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „735r“

735

[Karl August Varnhagen]An Helmina von Chézy.
31. Mai 1852.

Inmitten mancher Unruhen und Bedrängnisse, die mir selbst
dem Pfingstfeste den Vortheil der Feiertage rauben, will
ich doch keinen Tag säumen, verehrte Freundin, Ihren schmerz-
lichen Brief zu beantworten, der, wie Sie denken können,
meine wärmste Theilnahme weckt. Es ist wahrlich hart, daß
Ihren Ansprüchen, die man so lange Zeit als wohlbegründete
anerkannt hat, in Paris nicht mehr Rechnung getragen wird.

Aber was alles wird jetzt nicht dort verkannt und mißachtet!
Unter den wenigen Männern der früheren Zeit, die noch
einigermaßen berücksichtigt werden, ist allerdings Guizot,
und so dürfte es dann sehr zweckmäßig sein, daß Sie an ihn
geschrieben haben. Ob Humboldt bei den gegenwärtigen Macht-
habern noch etwas gilt, ist wenigstens zweifelhaft, da er sich
stets als Freund des Hauses Orleans
gezeigt hat. Ich habe ihn
sehr lange nicht gesehen, und es ist schwer seiner habhaft zu
werden, im vierundachtzigsten Jahre folgt er noch den meisten
Bewegungen des Hofes, der unstät hin und her zieht. Wenn
das Wetter und mein Befinden es erlauben, will ich in näch-
ster Woche nach Potsdam fahren, und versuchen ob es mir ge-
lingt ihn zu sprechen. Eine Veränderung seiner Gesinnung für
Sie dürfen Sie gewiß nicht fürchten, er ist von Natur menschen-
freundlich und wohlwollend, und wo er helfen kann, thut er es
stets gern, und bedarf dazu keines fremden Sporns. Doch ob
er jetzt viel vermag, ist eine Frage, die ich nicht bejahen kann;
der gute Willen, der ihn beseelt, hat in andern Gemüthern keine
Stätte mehr, und ungeheure Verschwendungen lassen für hülf-
reiche Handlungen wie den Sinn so auch die Mittel fehlen.
Eines hängt leider mit dem andern zusammen, die rohe Ge-
waltsamkeit und Selbstfurcht, die Anarchie der Unfähigkeit, in
der wir leben, können keine Musenfreundinnen sein. Indeß
wollen wir hoffen; ein günstiger Augenblick, ein gelegenes
Wort, mögen noch immer fruchtbar werden! – 
Ich lebe meinerseits in großer Zurückgezogenheit, die
mir theils durch Kränklichkeit geboten, theils meinem Geschmack

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genehm ist, thätig nach besten Kräften, aber selten in
meinem eigensten Sinn, zahllose Anforderungen und
Aufgaben Andrer, und Pflichten die der Tag auferlegt,
drängen meine eignen Arbeiten in den Hintergrund;
daher ist in der That seit fünf Jahren, außer einiger Klei-
nigkeiten, nichts von mir im Druck erschienen, so gern ich
manches zur Oeffentlichkeit fördern, oder wenigstens druck-
fertig hinterlassen möchte. Dabei hat der ganze Zustand der
Litteratur wenig Befriedigendes, und das Neue, welches sich
geltend macht, erinnert mich oft rauh genug, daß ich zu den
Alten gehöre; die Sünden der Romantiker kleben mir an, auch
wenn ich sie als solche erkenne, und es ist nicht meine Schuld,
daß mein Leben in dieses Zeitalter fiel. – 
Ihre „Überlieferungen und Umrisse“
habe ich eifrig gelesen

und sorgfältig bewahrt; ich finde sie anmuthig vorgetragen,
belebten Inhalts, und mit dem Stempel der Wahrhaftigkeit be-
zeichnet. Nach dem Ganzen Ihrer Denkwürdigkeiten
haben diese
Bruchstücke mich sehr begierig gemacht, ich würde es als ein
Glück ansehen, deren öffentliches Erscheinen noch zu erleben.
Mit der Betrachtung des eignen Lebens zugleich den Lauf
andrer, zumal befreundeter Lebensfäden, durch dieselben
Jahre zu verfolgen ist einer der schönsten Genüsse des Alters.
Sie haben eine reiche Welt gesehen, eine überaus mannigfache,
Sie besitzen die schönste Gabe der Darstellung, Sie lieben Wahr-
heit und Gerechtigkeit, wer dürfte nicht wünschen von Ihnen
ein ausführliches Lebensbild zu empfangen! – 
Ihren Bemerkungen über das Fürst’sche Buch „Henriette
Herz“
muß ich ganz beistimmen. Die Wahrheit ist sehr oft bis
zur Unwahrheit verschwiegen, bisweilen wissentlich entstellt,
nicht nur in Betreff Dorotheens und Friedrichs von Schlegel,
was Sie mit Recht rügen, sondern auch Schleiermacher’s,
Wilhelms und Karolinens von Humboldt und Andrer. Die
Verhältnisse und Stimmungen der früheren Zeit sind nach
den Ansprüchen einer spätern zurechtgekünstelt; von den
begünstigten Personen bekommen wir kein richtiges Bild, selbst
nach dem spätern Sinne der Verfasserin nicht, sie war z. B.
gegen Wilhelm und Karolinen von Humboldt bitter aufgebracht

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und klagte empört über der letztern hoffährtige
Kälte. Was
sie von Gentz so bestimmt aussagt, daß er für Geld erkauft wor-
den, ist bestimmt unwahr, wie sich erweisen läßt. Die gute
Frau
hatte überhaupt wenig Urtheil, und ihr Geist war schwach,
und trotz ihrer Herzensgüte fehlte es auch nicht an kleinen
Bosheiten, der verkehrtesten Eitelkeiten nicht zu gedenken.
Doch sie ruhe in Frieden! Ihre Papiere hat sie leider alle ver-
brannt. Ich bedaure dies auch wegen meiner Autographensam-
mlung, zu der sie mir gern manches Blatt würde geliefert haben,
wäre ich nicht zu spät ein Sammler geworden. – 
Frau von Waldow
lebt in Charlottenburg, und besucht

mich bisweilen, trotz ihrer achtzig Jahre. Ich werde ihr sagen,
wie gut Sie ihrer gedenken. Ihre Tochter Luise hat Hrn von
Sternberg, den geistreichen Schriftsteller, geheirathet; doch ist die
Ehe wohl nicht unter die ganz gelungenen zu rechnen. – 
Chamisso’s Kinder habʼ ich aus den Augen verloren, die
Söhne
sind nicht hier, eine Tochter
hat geheirathet. Doch werd’
ich mich erkundigen, und kann jedenfalls Bestellungen besorgen.
Wie sehr bedaur’ ich Ihr Augenleiden! Ich empfind’ es mit
als Selbstleidender; seit etwa zehn Jahren hab’ ich große
dunkle Flecken, die mich ungemein hindern, und beunruhigende
Blendungen verbieten mir öfters alles Lesen und Schreiben.
Meine Schriftzüge scheinen dem zu widersprechen, aber sie sind
mehr das Werk der Hand als der Augen. – 
Leben Sie wohl, verehrte Freundin! Der Himmel schenke
Ihnen gute Tage, Gesundheit und Wohlergehen. Wenn ich
irgend etwas Erfreuliches erfahre, schreibʼ ich wieder.
Einstweilen meine besten Wünsche! In alter Gesinnung
Ihr ergebenster Varnhagen von Ense.
Lotte Piaste
ist ohne Zweifel hier, ich finde im Wohnungs-

anzeiger eine Dlle C. Piaste Friedrichstr. 242. als Rentiere
angegeben; das Haus ist das ehmals Hitzig’sche, jetzt dessen
Schwiegersohn Oberst Baeyer
gehörig.

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