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Brief von Wilhelmine Lorenz an Helmina von Chézy

Schkauditz bei Altenburg, 25. November 1819
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 110 Lorenz Wilhelmine, 25.11.1819 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Wilhelmine Lorenz
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
25. November 1819
Absendeort
Schkauditz
Empfangsort
Dresden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 103 mm; Höhe: 124 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Wilhelmine Lorenz
an Fr. v. Chézy.
Schkauditz bei Altenburg
d. 25sten 9br 19.

Werden Sie mir wohl erlauben, meine gnädige
Frau, dem Briefe an die Baronin Buttlar, ein
paar Zeilen an Sie beizuschließen?
Zu schön
ist die Erinnerung an die genusvollen Stunden
die ich mit und bei Ihnen verlebte, zu süß der
Gedanken an den Genius der aus jedem freund-
lichen Worte, nicht der Frau von Chezÿ, sondern
Helminas, des edlen deutschen Weibes, mich wohl-
thuend umwehte, als daß ich die harmonischen
Nachklänge davon sobald möchte verhallen lassen,
daß ich nicht vielmehr Alles anwenden sollte, sie
so lang als möglich nachtönen zu lassen; und die-
ser innige Wunsch macht mich so kühn, Ihnen meine
kleine Existenz durch dieses Briefchen leise zurück-

Seite „1v“

zurufen.
Vielleicht haben Sie, meine gnädige Frau, bei
Ernsts gehört, daß mein Aufenthalt bei den Nach-
fahren der Sorben-Wenden von kurzer Dauer
gewesen, kürzer als ich selbst wollte, so wenig ich
mir dort gefiel, denn es war mir unmöglich mit
jener tiefen, zwar nicht ägÿptischen sondern
böhmischen-Finsternis auszuhalten; und da
mir einmal ein Ruf unter Landsleute und
Glaubensgenossen zukam, so sahe ich es als
einen freundlichen Leitstern an, dem ich folgen
müsse. Ich bin hier in meinem freundlichen
Zirkel guter Kinder, die zwar keine glänzen-
den Naturgaben, aber vortreffliche Herzen und
so eine reine, einfache Moral besizen, daß
ich oft mit Rührung ausrufen muß: O Vater
du bist gut! Könnte ich mir zuweilen einen

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freundlichen Abendzirkel, wie ich deren in Dres-
den
bei Ihnen, bei Ernsts und Andern, genoß, haben,
so würde mir nichts mehr zu wünschen übrig
bleiben, da nun aber uns, um glücklich zu seÿn,
noch immer etwas zu wünschen übrig bleiben
muß, so will ich mich auch in diese Laune
der Dame Fortuna fügen. Mein Wunsch ist,
thätig zu seÿn, und das bin ich hier von früh
bis Abends, da ich außer einer beständigen
Aufsicht von 4 Kindern, täglich 7 Stunden Un-
terricht zu geben habe.
Haben Sie Nachricht von der Gräfin Jara-
czewska?
ich habe seit sie, zwei Tage früher
als ich, Carlsbad verlies, gar nichts von ihr erfah-
ren und weiß nicht soll ich sie unter welschen
Himmel, oder auf Helvetiens freien Bergen, od.
in französischer Luft suchen. Es war eine edle

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Frau, die bei allen [Schlaken] die große Welt,
Rang, Reichthum u. Unabhängigkeit um sie ge-
legt, doch einen köstlichen Kern zu bewahren ge-
wußt hatte, u. deren Andenken mir immer theu-
er seÿn wird.
Jelowicki's werden nun wohl auch
Sarmatiens Wälder wieder zugeeilt seÿn, we-
nigstens sagte mir die Gräfin in Carlsbad, daß
es ihr Mann so wünsche, ich bin, seit meine Schwe-
ster
das mir ewig unvergesliche Dresden auch
verlassen hat, aus aller Verbindung mit meinen
dortigen Bekannten gekommen.
Das frühe Viertelstündchen das ich zum Schrei-
ben hatte, ist verflossen u. meine Geschäfte mah-
nen mich, zu ihnen zurück zu kehren, nicht ohne seh-
nenden Rükblik auf das, was ich verlassen muß.
Verzeihen Sie nochmals meine gute, theure Frau
von Chézÿ, daß ich, dem lauten Drange meines
Herzens folgend, Ihnen vielleicht beschwerlich fiel
und versagen Sie nicht ein kleines Andenken der
Verlassenen, die mit trauerndem Blike nach dem
Eldorado zurüksieht, dem sie vielleicht nie wieder
naht!

Mit hoher Achtung die Ihrige
Wilhelmine Lorenz.