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Brief von Wilhelmine Lorenz an Helmina von Chézy

Schkauditz bei Altenburg, 11. Dezember 1821
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 110 Lorenz Wilhelmine, 10.12.1821 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Wilhelmine Lorenz
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
10. Dezember 1821
Absendeort
Schkauditz
Empfangsort
Dresden
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 129 mm; Höhe: 203 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Wilhelmine Lorenz
an Fr. v. Chézy.
Schkauditz d. 10ten 10br.
1821.

Dürfte ich wohl auf die Nachsicht Ewr. Hochwohlgeboren
rechnen, wenn ich Sie, da ich Ihnen nicht mehr mit meiner Fi-
gur lästig fallen kann, schriftlich beschwere? Aber die vie-
len Beweiße welche ich von Ihrer Güte habe, machen mich so
kühn meinen alten Gebrauch, sie zu benutzen, auch hier zu
versuchen.
Noch bin ich Ihnen, meine gnädige Frau, den besten
Dank schuldig für den schönen Abend, den Sie mir bei mei-
ner Reise durch Dresden erlaubten bei Ihnen zuzubringen,
und bereue wiederholt daß mich damals Ermüdung und Unwohl-
seÿn hinderten, ihn so zu genießen, als ich wohl gewünscht
hätte.
Meine Weiterreise ging den andern Morgen vor sich und den
dritten Tag langte ich glücklich wieder im Kreiße meiner lie-
ben Zöglinge
an; wo mir die ländliche Stille Raum genug
läßt die schönen, genusreichen Tage, welche ich Böhmens Bergen
verdanke, in froher Erinnerung noch einmal zu durchleben

Seite „1v“

und die trefflichen Menschen zu segnen, die mir solche be-
reiteten.
Verzeihen Sie der Schwätzerin, meine gnädige
Frau: aber es ist mir so süß zu Ihnen zu sprechen, daß ich
dadurch leicht zu einem Verstoße gegen den guten Ton verleitet
werden könnte; erlauben Sie mir daher zu der Ursache zu kom-
men, welche mir die erwünschte Gelegenheit giebt, mich Ihnen
schriftlich zu empfehlen.
Eine meiner Freundinnen,
ein gutes anspruchloses We-

sen, fand in tiefen Kummer Trost bei den Musen, und
eine der Früchte dieser Beschäftigung, ist beifolgende Erzäh-
lung
, welche ich wage Ihrer Beurtheilung zu überreichen, ob
Sie sie vielleicht würdig glaubten, ein Plätzchen in Ihrer
Iduna
zu finden; oder, wenn Sie sie dazu nicht passend
achteten, ob ihr Ihr Einfluß nicht in irgend einem Allma-
nach, einer Zeitschrift oder dergleichen, den Eingang verschaffen
könnte.
Zwar weiß ich recht gut, daß meine Bitte ein wenig
verwegen ist, und nur von Ihrer Güte verziehen werden
kann; aber eben sie ist es, an welche ich mich wende: Es ge-
schieht weder aus Eitelkeit oder noch Stolz daß meine Freundin das
Kind ihrer Phantasie gedruckt sehen möchte; auch kennt sie ihre
Unfähigkeit zu gut, als daß sie den Plan haben könnte, je sich

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an die ehrenwerte Reihe unsrer vaterländischen Schriftstellerinnen
anschließen zu wollen; allein die Aufnahme einer kleinen Er-
gießung ihres Geistes könnte jetzt ihr zu einem Posten den
Zugang öffnen, der ihre Gegenwart sicherte, und ihr heitre Aussichten
für die Zukunft böte.
Von diesem Gesichtspunkte geht meine
Bitte aus und, von diesem betrachtet, werden Ewr. Hochwohlgeb.
mein Ansuchen gütigst verzeihen und, ich hoffe es sicher von Ihrem
edlen Herzen, Ihre Theilnahme nicht versagen. Daß, im Falle
einer gewünschten Aufnahme von keinem Honorare oder sonst einer
Vergütung die Rede seÿn kann, versteht sich von selbst, will ihr
Ihre Güte der Verfasserin ein gedrucktes Exemplar zukommen lassen,
so würde sie es als ein Geschenk dankbar aufnehmen.
Noch muß ich Ewr. Hochwohlgeboren bitten, nicht
wegen Gleichheit der Nahmen und Handschrift, mich für die Verfas-
serin des kleinen Aufsatzes zu halten: Ersteres ist Zufall,
das zweite kömmt daher, weil ein unglücklicher Stoß an dem Tisch,
(der aber nicht von mir kam,) das mir zugeschickte Exemplar
mit Dinte beflekte und ich daher, wollte ich nicht die arme Wil-
helmine mit dem Berichte des, ihrem lieben Kinde zugestoße-
nen Unfalls betrüben, die Mühe des Abschreibens wohl
auf mich nehmen mußte.
So glücklich mich eine Antwort von Ihrer verehrten Hand
machen würde, so wage ich doch nicht darum zu bitten, weil ich
wohl weiß, daß größere Geschäfte und wichtigere Corespon-
denzen Ihre Zeit in Anspruch nehmen; sollte aber doch einmal
ein müssiges Viertelstündchen in dem freundlichen Kabinette,

Seite „2v“

das zauberisch über der Elbe thront,
einige Worte für mich
dem Papiere schenken, so möge meine unterschriebene
Adresse Ihnen sagen, wo die zu finden ist, welche ein solches
Geschenk sehr glücklich machen würde.
Wenn Sie, meine gnädige Frau, einmal bei Ernsts mein
Andenken gütigst erneuen wollen, so werde ich Ihnen sehr dafür
verbunden seÿn, denn ich verdanke dieser schätzbaren Familie zu
viel frohe Stunden, als daß ich anders als mit der regsten Theil
nahme an sie denken könnte. Der guten Buttlar würde ich selbst
geschrieben haben, wenn sie nicht in München wäre.
Meine Unart wächst mit jeder Sylbe meines ungebührlich
langen Briefes, und ich eile durch das Ende meinen Fühler
zu führen. Erlauben Sie mir nochmals die innigste Bitte
um Ihre gütige Verzeihung, und verschmähen Sie nicht die
Versicherung meiner Achtung. Leben Sie immer recht froh in
dem schönen, mir ewig theuren Dresden, und beglücken Sie
zuweilen durch ein kleines Andenken
Ihre ergebenste Wilhelmine Lorenz.
W Lorenz in Schkauditz bei Altenburg, abzugeben
in Altenburg bei Herrn Doktor Bernhardi.