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Brief von Sidonie von Seefried an Helmina von Chézy

Regensburg, 15. Februar 1835
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 233 Seefried Sidonie von, 15.02.1835 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Sidonie Baronesse von Seefried
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
15. Februar 1835
Absendeort
Regensburg
Empfangsort
Paris
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 129 mm; Höhe: 213 mm
Foliierung
Foliierung durch die Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription, Auszeichnung nach TEI P5 und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Sidonie von Seefried.
Regensburg, den 15 Februar
1835.–

Die Sehnsucht nach Ihnen, nach Paris, nach Frankreich, läßt mich nicht länger
zögern meinen freundlichsten Dank über den Rhein zu senden, meine
liebe, beste Frau von Chezÿ! – Ich war nicht in Frankfurt; – dies war das erste,
betrübende Mißgeschick meiner Reise. Durch mein Uebelbefinden in Nancy und
Strassburg aufgehalten, mußte ich die Familie Siehl in Mannheim verlassen und
den kürzesten Weg nach Würzburg über Heidelberg nehmen, da mich meine Familie
in Würzburg am Neujahrstag erwartete und die Familien-Feste in Deutschland
so heilig gehalten, auch selbst jedes Opfer verlangen um sie gemeinschaftlich
begehen zu können. Ich schrieb Ihrem Sohne
von Würzburg; ich habe Ihr
liebes Bild noch recht tief im Herzen und gewiß hat er es in meinem
Briefe wiedergefunden; ich sagte ihm, daß ich Sie leidend gefunden und
wie sehr ich Sie verehre. Schawl und Geld überschickte ich und wahrscheinlich
hat er Sie von dem Empfang benachrichtigt.
Ich danke Ihrer Güte und Liebe für mich so herrliche Erinnerungen, der
Eindruck, den Paris auf mich machte, war so tief, daß ich jetzt noch mit
halber – ach nein! mit ganzer Seele in Frankreich lebe! – Ich liebe Deutschland
mein gutes schönes Land, aber ich finde es unbeschreiblich langweilig; das heißt
nicht das Land, denn selbst im Winter ist hier alles pittoresk, Strom und
Gebirg und die gothischen Städte; aber die Gesellschaft ist auch eine eingefrorene
Sauce, an der man nichts Piquantes mehr herausfinden kann. Ich suche mich
oft an der Erinnerung Ihrer Unterhaltung und jener, die ich überhaupt in
Frankreich gefunden, festzuhalten um nur nicht ganz den Geist abzustumpfen
an dem Frivolen und Alltäglichen. Hier in Regensburg ist nur die Donau
und Schenk poetisch und vergleichbar. Ich bedaure Schenk, daß er hier dichten
muß; die Natur ist nicht großartig genug um poetische Ideen anzuregen
und die Gesellschaft giebt der Seele mehr Druck als Schwung. Ich bin durch
meine Verhältniße gezwungen hier sehr viel diese Gesellschaft zu sehen, die
nur aus dem Adel besteht und dem fürst Taxischen Hof. Die junge Fürstinn,
geborene Dörnberg
, ist in diesem Augenblick gefährlich krank, und dem Tode
schon geweiht, streiten sich um sie die Homöopathen und Allöopathen und
der Ausgang wird den Sieg der einen oder andern Parthey in Bayern
wenigstens entscheiden.
– Von der Gesellschaft abgesondert, still und unbemerkt

Seite „1v“

lebt noch eine junge Dichterin hier, eine Israelitinn, Henriette
Ottenheimer
, interessant durch Leiden und tiefe Gemüthlichkeit.

Schenk, die Ottenheimer und Diepenbrok, ein Freund des Bischoff Sailer
und Dichter sind die einzigen interessanten Menschen in Regensburg, deren
Unterhaltung sich über die Kleinstädterey erhebt. – Von München bekomme ich
oft Nachricht; (nicht von der Conrad, die ganz verschollen und wahrscheinlich
schon in Griechenland ist;) aber von meinen Verwandten, die mir die glänzenden
Hoffeste schildern. Die Maskenbälle überbieten alles was man an Pracht
noch gesehen; die Juwelen sind auf die Kleider gestreut – dies erinnert
an die Feste an dem Hof Ludwig des 14 ten; indeß wenn es auch den Adel
arm macht, bereichert es doch den Mittelstand. Unser Kronprinz wird die
östereichische Prinzeßin nicht heirathen – sie will, den König Otto, sagt man;

die Prinzeßinnen fangen nun auch an zu wollen, die arme Geschöpfe!
In der Literatur macht jetzt nun wieder ein neues Werk des Fürsten
Pükler-Muskau Epoche. Memoiren eines Verstorbenen, von dem Verfasser
der Briefe eines Verstorbenen.
Der Fürst ist in Algier und trieb sich diesen
Sommer in Bayern umher. Eine Bekannte von mir, die er sehr hübsch
fand, sagte mir: er habe ihr den Eindruck von Lord Byrons Vampyr

gemacht. – Dieselben Augen, die blasse Leichenfarbe – mir vergiengen beynah
die Sinne über diese schreckliche Beschreibung.
Sehen Sie noch manch Mal die Herzoginn von Abrantes? – ich kann ihr
Bild nicht vergessen und sehe sie immer wie eine Pallas Athene, den Fuß
noch auf den Trümmern des Kaiserreichs. Wie geht es Schnorr, dem neuen
Albrecht Dürer.
So fromm und gemüthlich denke ich mir vor einst jenen
Albrecht. Senden Sie ihn mir ja mit einem Briefe und empfehlen
Sie mich den Fräulein’s, die ich auch hier zu sehen gedenke. Vielleicht
kann ich im Herbst nach Wien und im Winter künftigen Jahres wieder nach
Paris! Paris bleibt immer das Ziel meiner Wünsche; möchte ich
nur Sie wiedertreffen! – Schreiben Sie mir von Ihrer Gesundheit,
Ihren Geschäften, Ihren Projecten; Sie wissen wie lebhaft ich mich
für alles intressire. Wenn Sie Heine sehen, so begrüßen Sie ihn freundlichst.

Seite „2r“

Es ist mir sehr leid, daß ich ihn nur einmal zu sprechen bekam;
denn sein Geist hat elektrische Schläge, die wahrhaft neue Geisteskraft geben.

Ich laße mir jetzt die Revue de deux mondes von Paris senden um ihn
wenigstens nach zu lesen. Auch den Roman von Marquis de Custinis

habe ich mir verschrieben, den die Herzogin von Abrantis so gepriesen –
le monde comme il est. Aus Verehrung für die Herzogin und um mich
mit der Sprache zu beschäftigen will ich ihn für meine Bekannten
in das Deutsche übersetzen.
Ich kann hier die französische Sprache nur mit einer polnischen Gräfin
Kamienska
üben, Stiefschwester des Fürsten Raziwill. Diese Frau ist
höchst interessant durch die National-Eigenthümlichkeit ihres Carakters,
voll Geist, Feuer und Enthusiasmus. Ich sehe sie oft und ihre Unterhaltung
gewährt mir einigen Ersatz für mein Frankreich. Ich beziehe ein sehr intressantes
Werk durch sie: Die Geschichte Polens,
von den herrlichsten Gedichten oder
Uebersetzungen französischer Dichter und Gravuren begleitet. Ich habe jetzt schon
die achte Livraison aus Paris erhalten. – Brille und Brief sandte ich an
jene polnische Gräfinn in Baden,
von Carlsruhe. –
Wenn Sie mir schreiben, so setzen Sie auf die Adresse meinen Namen und
Regensburg. Die Wohnung brauche ich Ihnen nicht anzugeben, da wir
ein Fach auf der Post haben, wo die Briefe täglich abgeholt werden. Senden
Sie mir aber durch Schnorr einen Brief, so schicken Sie mir diesen ja selbst
und auf die Haide, im Thonischen Hause, neben dem Gasthof zum Kreuz
wo Schnorr wahrscheinlich wohnen wird.
Leben Sie wohl, meine theure Frau von Chezy und erfreuen Sie mich mit
einigen Zeilen
und mit der Nachricht, daß Sie wohl sind!

Ihre Sidonie von Seefried.

Seite „2v“

Madame la Baronne Helmina de Chezy, née
Baronne de Klenke.
á
franco
Fauborg St Germain
rue de Cherche Midi Nr.
23.