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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

[Minden], 21. April 1819 [1829] [Abschrift]
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 88 Hohenhausen Elise von, 21.04.1819 (Abschrift) XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
21. April 1819
Absendeort
Minden
Empfangsort
Umfang
1 Blatt
Abmessungen
Breite: 136 mm; Höhe: 225 mm
Foliierung
Keine Foliierung durch das Archiv vorgenommen. Keine Paginierung durch die Verfasserin vorhanden.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Auszeichnung nach TEI P5 durch Katarzyna Szarszewska; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]
Elise von Hohenhausen
an Fr. von Chézy.
[(Abschrift)]
19.

d 21ten April. 29.
Ich benutze die Gelegenheit, Ihnen mit der Antwort der Redaction
des Sonntagsblattes meinen Dank für Ihre gütige Zuschrift
vom 14ten
März zu sagen. In einigen Tagen vollende ich
den 1ten Gesang des Corsaren
und werde ihn an Hof-
rath Winkler mit der Bitte senden, Ihnen die Mittheilung
davon zu machen. Demnächst erbitte ich mir Ihr Urtheil,
aber ein recht strenges, unverhülltes, darüber. Es ist
nicht möglich, daß man weniger empfindlich dagegen
sein kann, als ich, – überdem wird eine junge Frau
ihrer Persönlichkeit halber so oft als Dichterin gerühmt,
daß sie nothwendig großes Mißtrauen in alle Urtheile
ihrer Umgebungen setzen muß; ein Tadel aus der
Ferne, oder aufrichtiger, ein kleines Lob ist mir
lieber, als alles große Lob in der Nähe.
Sie scheinen nicht meinen lebhaften Enthusiasmus für
Bÿron zu theilen. Auch als Mensch ist mir Bÿron höchst in-

teressant; so recht ein Wesen, dessen Heimath, dessen
Glück nicht hienieden ist. Die unglückliche, hoffnunglose Liebe
zu seiner Gattin ist allen seinen Schöpfungen einge-
webt. Ich behaupte, und die berühmtesten Schriftsteller
sind meiner Meinung, – daß der Mann nicht so zart,
so innig, und ewig lieben kann, wie das Weib.
Bÿron scheint eine Ausnahme zu machen. Eine Über-
setzung des Lune weel
nebst meinem Nachruf wer-
den Sie in der Abendzeitung gefunden haben. Das
Lune thee weel,
schrieb mir Winkler, sei bereits
vom Legationsrath Breuer übersetzt und ehe ich diese
Übersetzung gelesen, mag ich keine wagen; auch dünkst
mir, daß einige Bilder darin vorkommen, die eine
weibliche Feder ungern malt. Vielleicht übersetze
ich es dennoch in der Folge.
Bei diesem heitern Frühlingswetter, das nach so langer,
rauher Luft ein plötzliches Erwachen der Natur hervorruft,
werden Sie auf dem Landgute Ihrer Freundin sehr angenehme

Seite „1v“

Stunden verleben, aber gewiß darüber nicht ihr glückliches
Dresden, ein deutsches Athen, vergessen. – Wie viel Musen-
kinder sind dort nicht vereinigt: Th. Hell, Friedr. Kind, seit
Kurzem Graf Kalkreuth, v. d. Malsburg. Ich denke mir
ihr gesellschaftliches Leben dort höchst angenehm.
Wenn Sie am 1ten des Blüthenmonds einen Brief voll
Geistesblüthen an den Grafen Blankensee schicken, so
empfehlen Sie mich ihm. Wo und wie lebt er jetzt?
Seine Erscheinung war mir sehr interessant, so viel
Talente, so viel Anstand, so anspruchreich an alle
Lebensfreuden und doch durch körperliches Leiden
wie Tantalus am Freudenquell darbend. Seine Ge-
dichte haben wie seine Gesänge eine eigene, rührende
Melodie. –
Führt Sie der nächste Sommer in unsre Nähe
zu den Heilquellen von Pÿrmont, Eilsen oder
Nenndorf? unaussprechlich würde mich Ihre per-
sönliche Gegenwart
erfreuen.
Meine jüngere Schwester, die bei mir lebt, treibt
mich zu einem Spaziergange, um zu sehen, wie alle
Blüthen sich erschließen; sie bedenkt nicht, daß
eine Unterhaltung mit Ihnen mir doch weit mehr
Freude gewährt. Ein ander Mal mehr, ich muß
jetzt enden.
Ganz
die Ihrige


Elise von Hohenhausen
geb v. Ochs,