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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

Bad Kissingen, Juli 1849
Biblioteka Jagiellońska Kraków | Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy_SV 88_1849-07 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
Juli 1849
Absendeort
Kissingen
Empfangsort
Umfang
2 Blätter
Abmessungen
Breite: 138 mm; Höhe: 212 mm
Foliierung
Foliierung durch die >Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Auszeichnung nach TEI P5 und Kommentierung durch Katarzyna Szarszewska; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Elise von Hohenhausen
an Fr. von Chézy.
Kissingen Julius 1849.


Meine beste Chezÿ, leben Sie denn noch? Wie oft
dachte ich in dieser Zeit an Sie. Es war eine Warnung
Ihres Max daß Sie Heidelberg verlassen sollten – denn
Ihre Ahnung daß es beschossen werden würde, ist in
Erfüllung gegangen. Freilich haben Sie in Baaden
Baaden
wohl auch den ganzen Sturm der Revolu-
tion
über sich ergehen lassen müssen und die wilde
rohe Jugend achtet nicht mehr deutscher Literatur und
ihrer Priester= und -innen – aber Gott beschützt uns ja wenn
aller irdischer Schutz uns versagt ist, darum will ich Sie
mir wohl und ungestört in Baaden denken –
Ihre freundliche Einladung dorthin zu kommen, so wie
Ihre liebevollen und klugen Besorgnisse daß beim
Wohnen in einem Hause unsre 22-jährige Freundschaft
gestört werden könne, weiß ich zu würdigen. Gern käme
ich zu Ihnen, aber nicht allein Raum und Zeit, auch Gesundheit
und Geld gebieten über den Menschen. Ich litt sehr seit
dem Tode meines Mannes, an dunkeln Flecken vor den
Augen
und bin darum jetzt hier in Kissingen mit meiner
Tochter, die mein treflicher Schwiegersohn mir aus Rücksicht
für mich, mitgegeben hat. Meine Kurzeit wird wohl drei
Wochen dauern; eine ist bereits vorüber – gern möchte ich dann
vor der Rückreise noch einen Ausflug nach Baaden
Baaden machen – Meine Schwägerin, die verwittwete
Generalin
Recht bald schreiben Sie wie es Ihnen ergeht. Meine Tochter grüßt bestens.

Seite „1v“

Generalin von Ochs
aus Cassel will aber mit uns
den Rhein zurück über Preußisch Minden gehen. Wir
wollen die Apollonariuskirche
unterwegens beschauen,
die ein so schönes Denkmal deutscher Kunst und Religio-
sität bildet; vielleicht kurz vor ihrem Untergange –
Graf Fürstenberg hat das Innere der Kirche, mit
Freskobildern aus der heiligen Geschichte, von fünf
Malern aus Düsseldorf schmücken lassen,
die durch
edle Komposition und Ausführung den besten Bildern
in München gleich geschätzt werden. Die romantische
Lage auf einem Felsen am Rhein trägt indessen
vieles dazu bei, den Eindruck dieser Gemälde
zu erhöhen.
Ihr Gedicht: Die deutsche Kaiserkrone!
wird sich doch
vielleicht in der Zukunft verwirklichen – Ach mir erscheint
die jetzige Zeit so unbegreiflich prosaisch nüchtern – auch
alle Träume von Freiheit und Glück haben sich in
schaurige Gespenster verwandelt – Es ist mir die
jetzige Revolution als eine Parodie oder Travestie
der von 1879
erschienen – und ich kann in
meiner Phantasie keine Höhen der Menschheit
entdecken, wohin sie führen wird, nichts wie Nebel
und Waßer, eine Sindfluth, in ihr Europas

Seite „2r“

Untergang.
Die Kur greift mich sehr an, ich muß darum früher
schließen als ich möchte – – Von Freund Varnhagen
hatte ich kürzlich einen recht intressanten Brief, auch er leidet an schwarzen Fliegen vor den Augen und ist überhaupt recht leidend, doch sein Geist in voller Kraft Er schreibt mir viel über Berlin; die alte freie
frohe Geselligkeit sei dort ganz verschwunden, doch
erkenne ich aus allen Zügen die Varnhagen schildert,
das alte Berlin – Er selbst scheint mir von der demo-
kratischen Richtung noch viel hoffend, wenn ich anders
den rechten Sinn seinen diplomatischen Wendungen
unterlege
Maltitz hat mir auch einen lieben theil-
nehmenden Brief geschrieben –
Ueber meinen zukünftigen Aufenthalt kann ich leider
noch nichts bestimmen. Nach Cassel wieder zu gehen, habe
ich gar keine Lust, obgleich meine Meubles noch dort stehen
und ich theure Miethe dafür gebe – Es ist dort auch gar
kein literarischer Verkehr – Eine geheime Stimme flüstert
mir zu nach Bonn zu ziehen, um dort neben meinem
Carl
begraben zu werden – Sollte das die Stimme
meines Lieblings sein? Ich möchte unsern Seher Justinus
Kerner
danach fragen? – Der Aufenthalt in Bonn
am alten Rheine sagt mir sehr zu, auch die Men-
schen die ich dort habe kennen lernen – Man
kann

Seite „2v“

wohlfeiler dort leben wie in Cassel und ich wäre
nur eine Tagereise von meiner Tochter entfernt durch
die Eisenbahn. Ich habe nun Freiheit zu leben wie ich
will und kann diese Freiheit nicht recht benutzen. Ohne
ein gebildetes Frauenzimmer in meiner Umgebung
mag ich nicht mehr leben – Gott erhalte mir meine Augen!
Schreiben Sie mir doch wieder nach Kissingen; ich bleibe
noch 14 Tage hier. Wie ergeht es der Frau von Sukow?
Kommt sie oder ist schon wieder in Baaden Baaden?
Ihr Wunsch daß der König mir eine Pension gewähren
möchte, ist in Erfüllung gegangen – Zwar ist es wenig was
mir gewährt werden konnte. 238 rth jährlich aber doch
eine sichere Einnahme – Meine Finanzen würden brillant
stehen, wenn ich auf alle Einkünfte sicher rechnen könnte.
Hier in Kissingen lebt man jetzt sehr wohlfeil – Meine
Tochter
und ich zahlen wöchentlich 20 Gulden für Alles
im hôtel Schlatter eines der besten. Es sind viele Kur-
gäste hier aber keine Notabeln. Ich habe den Versuch gemacht
ein kleines Gedicht, das ich vor zwei Jahren in der hiesigen
Badezeitung abdrucken ließ, zum Besten der Armen zu
verkaufen – Es beschreibt eine Ruine dieser Gegend – hier
erhalten Sie es
– Man ist froh wenn zuweilen wieder eine
poetische Ader sich öffnet.
Das ist abscheuliche blasse Dinte, die man hier bekommt, adieu
meine liebe Gute – Schreiben Sie mir recht bald wieder
ob Sie leben und gesund sind. Diese Revolution hat sicher
Ihr Leben um eine Menge neuer Erfahrungen bereichert
Wie immer
Ihre

EvH
Das einliegende Zettelchen bittet um baldige Besorgung. Vergessen Sie nicht schnell zu antworten. Wir haben hier sehr
beunruhigende Nachrichten von Baaden Baaden. Schloß Eberstein sei abgebrannt.