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Brief von Elise von Hohenhausen an Helmina von Chézy

Kassel, Februar 1848
Biblioteka Jagiellońska Kraków | SV 88 Hohenhausen Elise von, [??.]02.1848 XML-Datei downloaden
Absender/-in
Elise von Hohenhausen
Empfänger/-in
Helmina von Chézy
Datierung
Februar 1848
Absendeort
Kassel
Empfangsort
Umfang
3 Blätter
Abmessungen
Breite: 145 mm; Höhe: 220 mm
Foliierung
Foliierung durch die >Biblioteka Jagiellońska Kraków noch ausstehend.
Herausgeber/-innen
Jadwiga Kita-Huber; Jörg Paulus
Bearbeiter/-innen
Quellenrecherche, Transkription und Annotation durch Betty Brux-Pinkwart; Auszeichnung nach TEI P5 und Kommentierung durch Katarzyna Szarszewska; XML-Korrektur durch Simona Noreik
Bibliographie
Ludwig Stern: Die Varnhagen von Ensesche Sammlung in der Königlichen Bibliothek zu Berlin. Berlin: Behrend & Co. 1911.

Seite „1r“

[Karl August Varnhagen]Elise von Hohenhausen
an Frau von Chézy.
Casel Februar 1848.

Wo werden diese Zeilen Sie treffen, meine theure
Helmine? – Hoffentlich in guter Gesundheit – Der Frühling
kommt ja herein und bringt uns Allen wieder neue
Lebenskraft – Ach und mir Erinnerungen an meines Sohnes
Tod im April 1834
– Schon 14 Jahre sind seitdem verflossen,
reich an Trauer – Ich glaubte den Tod nicht 14 Tage überleben
zu können – Eine Frau, die ein ähnliches Schicksal gehabt sagte
mir: es sind schon 20 Jahre seit dem Tode meines Sohnes –
da durchzuckte es mich wie eine schmerzliche Ahnung, Du
wirst Deinen Karl auch 20 Jahre überleben müssen – –
Wohl habe ich Sie verstanden Liebe – In Darstellung und
Auffaßung ist Markgrafs Täubchen von Amsterdam

primitiv – könnte ich es doch zu Lesen bekommen!
Von Frl. von Bornstedt keine Silbe Antwort. Hat das
Unternehmen nicht eine feste Basis?

Sie trauen mir viel zu Liebe, einen Aufsatz über den
deutschen Seelenfrieden zu schreiben, steht wohl nicht in meiner
Macht, dazu gehört die Feder eines geübten Theologen
Ich habe keinen dauernden Seelenfrieden; mein thörichtes
Herz hängt noch zu sehr an dem Verlornen und denkt
dabei nicht des Guten was mir geblieben ist, noch des
Ewigen was mir Alles wiedergeben soll. Stäte Be-

Seite „1v“

schäftigung ist mir noth um nicht in Melancholie zu
fallen.
Haben Sie nun meine Sommerreise in der Morgen-
zeitung von Hannover No 1 u. s. w Januar 1848
ge-
lesen? – Es thut mir leid Fr. v. Crespignÿ nicht nament-
lich aufgeführt zu haben – Ich glaubte dazu ihre Erlaub-
nis haben zu müssen – Graf Graimberg wird zufrieden
sein. Gut daß ich sein Lolalob nicht mit aufnahm, sondern
nur die Thatsache berichtete – Da jetzt die Hetäre zum
Lande hinausgejagt ist – Es geht nicht mehr wie sonst
ihr Fürsten!
Ihr Urtheil über die Paalzow ist gerecht und wahr, kein
Funken Poesie – aber es giebt eine Menge Paalzow-
menschen – alle Lebenswahrheit schönend – nur Ideale ver-
langend – die Göthes Faust
nicht lesen mögen, aber die
Romane der Paalzow – die Shackespear nicht begrei-
fen können aber Clauren – Unter den Frauen glaube ich, wird die
Paalzow immer einen Lesekreis behalten –
Nach den Zeitungen haben Sie auch jetzt Berthold Auer-
bach
in Heidelberg – Ach Liebe, da können Sie ein
gutes Werk thun – – Rathen Sie ihm doch, ja den Prozeß mit
der Birch-Pfeiffer aufzugeben und wenn sie seine
Novelle
auch entstellte, so ist sie doch eben dadurch ge-
würdigt und bekannt geworden. Niemand hat sie

Seite „2r“

früher hier in Cassel gelesen; eine Dorfgeschichte,
sagten die Leute. Was geht es uns an, wie die
Bauern leben? – aber seit Dorf und Stadt
auf der
Bühne erschienen ist
– bemühe ich mich umsonst die Urania
1847
zu bekommen – sie ist immerfort ausgeliehen
Ich habe einmal Aehnliches erfahren – eine Novelle von mir im Gesellschafter
mit Beifall gelesen: Die Mar-
quise von Manzera,
wurde von Schauspieler C Blum
in Berlin in König August der Starke in Madrid

verwandelt – ohne daß er die Quelle angab woher er
sie nahm – und wie verwandelt, aus einer mora-
lischen Erzählung in ein unmoralisches Drama, weil
man ein glückliches Ende habe wollte – Schreiben Sie
mir doch etwas über Berthold Auerbachs Persönlichkeit.–
auch über das Ende des wackern Voß.–
Philippine von Calenberg lebt im Stift Obernkirchen;
ich
glaube sie fühlt sich da recht einsam, aber ihre Hartherz-
keit, Altersschwäche und manches Andere halten sie dort
fest – Es ist eine Strafe alt zu werden.
Das Gedicht von der Droste: Die Krähen,
finde ich
ja wahrhaft schrecklich männlich. Wie konnte das Medwin
übersetzen?
– Das Leben der Droste und ihres Schwagers
Haus habe ich in meiner Schweizerreise 1846
umständlich
beschrieben, die in Dresden bei Elfriede von Mühlen-
fels
liegt, die sie sich zum Album
für die Armen

Seite „2v“

im Erzgebirge ausbat, aber nicht brauchen konnte
weil sie zu lang; Nun will sie dieselbe zum Besten einer
Bildungsanstalt für arme Mädchen, als Beitrag in
einem Frauenalbum erscheinen lassen – Ich glaube sie ent-
hält viele intressante Notitzen
Wir reisen noch immer von Cassel weg wie Sie von
Heidelberg, werden wohl beide zurückkehren wie
Madame de Crespignÿ – – Es ist recht vornehm daß
sie nicht über eine Prellerei klagt, die ich voraus-
sah – Ich schreibe ihr noch heute aber nicht als Beilage
weil ich ja nicht weiß, ob diese Zeilen, Sie liebste Hel-
mine treffen –
Wissen Sie nicht etwa Jemand der Lust hätte nach Cassel
zu kommen, wenn er da wohlfeil leben kann – Wir
wollen versuchen unser Quartier zu vermiethen – Auf
der Oberneustadt in schöner Straße belle êtage, neue
Zimmer und Meubles, Betten, Küchengeräthe – dazu
eine perfecte Köchin, ein völlig eingerichtetes Hauswesen –
Bettwäsche mehrere Journalzirkel – u so von
August bis Februar für 20 Louisd’or – aber wer
wird nach Cassel wollen? –
Wäre ich doch bei Ihnen beste Helmine und könnte
Ihnen Frühlingsmützen machen – das würde mir
große Freude gewähren – Ich kaufe zur Messe

Seite „3r“

[Karl August Varnhagen]z. Febr. 1848.

mir schöne Bänder und putze meine Mützen auf
den ganzen Sommer fertig –
Es ist hier doch auch gar zu sehr Saharra des Geistes –
Gestern war ich in einer sehr vornehmen Gesellschaft –
Es wurde, Das Leben ein Traum
gelesen – stracks wegge-
lesen, keine Bemerkung über die Reichhaltigkeit des
Stücks – keine Vergleichung mit andern Dichtern – Nach
dem Vorlesen wurde prachtvoll soupirt an herrlich de-
korirter Tafel. Ich wollte von dem Stück sprechen,
man hörte nicht auf mich – aber man sprach von Hoffesten
Anoncements – Moden – Vorstellung dieser und jener Dame
bei Hofe – Dabei wurde tüchtig gegessen und getrunken –
Kein Wort von Politik, nicht einmal von der Lola – denn
einer der Herren war ein Bastard des vorigen Kur-
fürsten – Ach, es war miserable! –
Grüßen Sie den alten Grafen Graimberg herzlich von
mir und meinem Mann – der denkt jetzt im August nach
Kissingen zu gehen dann nach München u.sw. Ich soll
oder will vielmehr mitgehen – Gott weiß am Besten wie es
werden wird. Den Winter sollen wir im Süden zubringen
in Hiéres
oder Nizza, weil meinem Mann der deutsche
Winter so unangenehm ist – Ob etwas daraus wird steht
dahin – Wir können noch Beide vorher sterben
In Heidelberg weht recht schon Frühlingsluft über Gräber

Seite „3v“

Am Kosmos
gedenke ich auch wie Sie in Kurzem zu
naschen – Humboldts Briefe
haben mir sehr wohl gethan.
Charlotte an die sie geschrieben sind, hat ihr einsames Leben
hier in Cassel geführt und vollendet. Sie war auf ungewöhnliche
Weise ihrem Mann untreu geworden und mußte ein
langes Leben dafür büßen
Humboldts Freundschaft
wurde der einzige Lichtpunkt ihres Lebens – Sie liefert
einen herrlichen Romanstoff – wenn ich Lust hätte einen
Roman zu schreiben.
Frl v. Seefried lebt auf dem Lande zu Obereger bei
Ansbach
– Großen Kummer hat ihr gewiß der Rücktritt
des Kriegsministers von Hohenhausen, ihres langjährigen
Freundes gemacht – Nach ihrem Schreiben vom 19 December
war sie vollkommen gesund und heiter
Unser guter Voß hat sich aber recht sehr an der lieblichen Emma
von Niendorf
versündigt – Erstens giebt er ihr einen bürgerlichen
Arzt zum Manne, da derselbe doch ein adelicher Obristlieute-
nant ist,
dann bringt er in ihr schönes Gedicht: Gebirgsscene

einen Druckfehler wodurch ein Reimfehler entsteht – auf
statt dumpf.
Die holde Frau wird trotz ihrer Sanftmuth
böse auf den guten Verstorbenen sein –
Herzliches Lebewohl liebe Helmine – Schreiben Sie
mir bald daß Sie wohl sind und wo? –
Ihre
Elise von Hohenhausen
geb. von Ochs.